LUXEMBURG
SVEN WOHL

Wo beginnt die Videospielsucht und wo hört der Spaß auf?

Wenn es um Jugendliche und Medien geht, dann herrschen allerlei Sorgen vor. Vor allem bei Videospielen wird gerne befürchtet, dass junge Menschen hier süchtig werden. Wir haben mit Damien Brevers, Co-Direktor des „Addictive and Compulsive Behaviour Lab“ (ACB-Lab) der Universität Luxemburg gesprochen.

Wie haben Sie sich bisher mit dem Thema Videospielsucht auseinandergesetzt?

Ich bin hauptsächlich ein Experte in Sportpsychologie und Glücksspiel. Ich arbeite aber auch auf Themen wie Videospiele oder E-Sports. Um einen Überblick über die Forschungssituation zu geben: Es wird in zwei Hauptrichtungen geforscht. Die eine konzentriert sich auf den Einfluss des Spielens auf psychologische Prozesse, wie Defizite in kognitiven Prozessen, der Motivation zum Spielen sowie Immersion und Emotionen. Die andere Richtung konzentriert sich auf problematisches Verhalten, das durch Videospiele beeinflusst wird. Es herrscht jedoch eine Debatte darüber, ob es Sinn macht, das Spielen von Videospielen als potenzielle Sucht zu kategorisieren. Es scheint, als würde nur ein sehr kleiner Teil der Spielenden eine sogenannte Spielesucht entwickeln.

Videospiele greifen auf Mechaniken zurück, um Spieler bei der Stange zu halten. Dies ist seit Beginn des Mediums so. Wie hat sich das entwickelt?

Einige Bestandteile von Spielen können Glücksspiele imitieren. Dazu gehören sogenannte „Lootboxes“, wo man Geld benutzen kann, um zufällige Belohnungen zu erhalten. In einigen Ländern, beispielsweise Belgien, sind diese verboten.
Andere Bestandteile von Videospielen erlauben es einem zu lernen, Spaß zu haben und darin einzutauchen. Diese Prozesse stehen im Zusammenhang mit den normalen und funktionalen Lernprozessen des Spiels. Nur weil ein Spiel das Belohnungssystem des Gehirns auslöst, bedeutet das noch lange nicht, dass man süchtig ist. Die Kernfrage besteht darin, ob dies eine problematische Nutzung von Videospielen vorantreiben kann. Aktuell ist es sehr schwierig zu entwirren, wie Videospiele zu problematischem und zwanghaften Verhalten führen können.
Wenn wir vom „Gaming Disorder“ sprechen, dann gibt es viele Komponenten: Depressionen, Angstzustände, Persönlichkeitsstörungen. Dahinter verbirgt sich oft eine ganze Dynamik. Worüber aktuell diskutiert wird, ist, ob Heranwachsende, welche dieses problematische Verhalten aufzeigen, süchtig nach Videospielen sind oder ob das Spielen ein Bewältigungsmechanismus darstellt.  Das ist eine sehr wichtige Unterscheidung. Denn wenn jemand auf „Gaming Disorder“ behandelt wird und es sich dabei um den Bewältigungsmechanismus dieser Person handelt, dann bringt das mehr Schaden als Nutzen.

Wann ist der Moment gekommen, in dem man zugeben muss, dass man ein Problem hat?

Das ist eine Frage, über die viel geredet wird – nicht nur im Zusammenhang mit Videospielen, sondern generell was die Bildschirmzeit angeht. Es tut sich ein ziemlicher Graben in der Forschung auf: Forscher müssen junge Menschen fragen, wie sie eine Balance zwischen Videospielen, Schulaufgaben, Sportaktivitäten und zwischenmenschlichen Beziehungen schaffen. Im Moment liegt aber der Fokus darauf, welchen Einfluss Videospiele auf unser Wohlbefinden und körperlichen Aktivitäten haben. Die Resultate sollten wir auf Basis von Nennwerten betrachten. Nur weil jemand unter dem Durchschnitt liegt, weist er noch längst kein Defizit auf.
Seit 30 Jahren leben wir mit der Tatsache, dass sich immer mehr auf unseren Bildschirmen abspielt. Doch wir haben nicht genügend die Umgangsstrategien der Menschen mit den Bildschirmen untersucht. Wenn wir diese Fragen stellen würden, könnten wir jene Personen ausfindig machen, die ein Problem bei der Selbstregulierung haben. Wenn wir jemanden sehen, der aufgrund exzessiven Videospielens schlechte Noten in der Schule hat, sollten wir ihn fragen, wie er seinen Videospielkonsum täglich reguliert. Doch das wird aktuell nicht getan.

Wenn ein junger Mensch Probleme mit Videospielen hat, was sollte dieser tun?

Wer das Gefühl hat, dass etwas nicht stimmt oder Verzweiflung oder Schaden anrichtet, dann ist es vielleicht an der Zeit, etwas zu ändern. Die Person kann selbst regulieren, Hilfe bei anderen suchen, egal ob das Freunde, Eltern oder Professionelle sind. Es ist auch wichtig dass die Menschen leicht Zugang zu akkuraten Informationen haben. Die Stigmatisierung, die oft durch die Medien erfolgt, verschlimmert die Dinge nur.