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PATRICK VERSALL

Der luxemburgische MusicaldarstellerFernand Delosch spricht über seine Karriere

Fernand Delosch hat vor 19 Jahren den Sprung ins kalte Wasser des Musicalbusiness’ gewagt. Der Diplom-Krankenpfleger verabschiedete sich damals von seinem Beruf und dem daran geknüpften sicheren Einkommen, um in Hamburg die „Stage School of Music Dance and Drama“ zu besuchen, wo er sich zum Bühnendarsteller ausbilden ließ. Seit Ende der Neunziger ist Fernand Delosch einer der wenigen Luxemburger Musicaldarsteller, die den Durchbruch geschafft haben.

Sie waren Krankenpfleger, hingen dann in den Neunzigern Ihren Job an den Nagel, um als Künstler zu arbeiten. Was bewog Sie dazu, einen Job, der Ihnen eine gewisse finanzielle Sicherheit garantierte, aufzugeben?

Fernand Delosch Die innere Leidenschaft war mein Antrieb. Während meiner Zeit als „Infirmier anesthésiste“ hatte ich schon mehrmals Gelegenheit - z.B. im Rahmen von Auftritten auf Weihnachtsfeiern - ins Kunstmilieu reinzuschnuppern. Von meinen Kollegen in Luxemburg erhielt ich immer wieder positives Feedback; sie ermunterten mich immer wieder aufs Neue, mein Glück auf der Bühne zu versuchen. Ähnliche Rückmeldungen bekam ich von meinen Kollegen in der Schweiz, wo ich eine Zeit lang gearbeitet habe. Irgendwann fasste ich dann den Mut zusammen, den alles entscheidenden Schritt zu wagen. Es hat allerdings lange gedauert, bis ich mich zu dieser Entscheidung durchgerungen hatte. Jedes Mal, wenn ich nach Luxemburg zurückkam, wurde wieder versucht - sozusagen mit einer „Gehirnwäsche“ (lacht) - , mich von meinem Vorhaben abzuhalten.

Vorsprechen in Hamburg

Sie erhielten ein Talent-Stipendium in Hamburg. Wie bekommt man ein solches Stipendium?

Delosch In der „Stage School of Music Dance and Drama“, einer Privatschule, musste ich vorsprechen, streng genommen mein Talent unter Beweis stellen. Dazu gehörten das Vorsingen und -tanzen sowie das Schreiben einer eigenen Choreografie und die Darbietung eines Schauspielstücks. Wenn das Gesamtpaket stimmt, kommt man in den Genuss eines Stipendiums. Meine Wahl war auf ein privates Lehrinstitut gefallen, da man an einem solchen die Ausbildung in nur drei Jahren absolvieren konnte.

Wie fassten Sie nach dem Abschluss ihres Studiums in Hamburg in der Musicalbranche Fuß?

Delosch An und für sich erlebte ich den besten Start, den man sich nur hätte wünschen können: Ich hatte nämlich ein Top-Engagement mit einer Solonummer. Allerdings musste die gesamte Produktion bereits nach drei Monaten Konkurs anmelden, so machte ich Bekanntschaft mit der Arbeitslosigkeit. Nach drei Jahre hartem Kampf an der Schule hatte ich endlich den Abschluss in der Tasche und wurde nach wenigen Monaten zum Sozialfall, da ich kein Arbeitslosengeld bekommen habe. Speziell am Anfang der Karriere ist es eminent wichtig, den Glauben an sich selbst zu bewahren und sich keinesfalls unterkriegen zu lassen, denn Enttäuschungen bleiben auf dem Karriereweg nicht aus.

Wieso spielen Sie hauptsächlich in Musicals?

Delosch Die Leidenschaft für das Musical-Genre entdeckte ich in Zürich, wo ich als Krankenpfleger gearbeitet habe. Ich stamme aus einem kleinen Dorf aus dem Norden Luxemburgs und muss gestehen, dass ich mir lange nichts unter einem Musical vorstellen konnte.

In der Schweiz besuchte ich dann eine Vorstellung der „West Side Story“; ich würde den Besuch dieser Vorstellung als einen Schlüsselmoment in meinem Leben bezeichnen. Ein Musical beinhaltet Gesang, Tanz und Schauspiel, drei Bereiche, in denen ich zuhause bin. Diese drei Bereiche miteinander zu verbinden, bereitet mir viel Spaß.

Mehrere berufliche Standbeine


Auf dem Comedy-Terrain fühlen Sie sich ebenfalls wohl: „Two of a kind“ heißt ein aktuelles Comedy-Projekt.

Delosch Als Darsteller muss man sich eine Überlebensstrategie ausdenken für die Zeiten, in denen man keine Engagements hat. Ein zweites oder drittes Standbein ist unabdingbar: Ich für meinen Teil leite Kurse am Ettelbrücker Konservatorium oder stehe mit dem Comedy-Programm auf der Bühne, was mir erlaubt, die eigene Kreativität zu fördern.

Theaterschauspieler können mit Engagements in Luxemburg, im Film oder auf der Bühne, über die Runden kommen. Muss man als Musicaldarsteller notgedrungen ins Ausland gehen, um überleben zu können?

Delosch Ja, schon. Dieser Umstand ändert sich vielleicht irgendwann. Es ist nach wie vor nicht möglich, sein Brot als Musicaldarsteller in Luxemburg zu verdienen. Würde ich in Luxemburg den Status des „artiste indépendant“ beantragen, so dürfte ich beispielsweise künstlerisch nur als Musicaldarsteller arbeiten. Der hiesige Musicalmarkt ist einfach zu klein.