LUXEMBURG
MARCO MENG

ART_is(t) will der Kunst die administrativen Fesseln nehmen

Séverine Zimmer und Jeannot Mousel haben gemeinsam mit ihrer Teilhaberin Marie-Ange Schimmer Anfang März in Differdingen ein Unternehmen gegründet, das vielleicht einzigartig in Luxemburg ist. ART_is(t) bietet Kulturmanagement sowie Dienstleistungen für Künstler wie auch für kulturelle Institutionen an.

Wie wurde die Idee geboren?

Séverine Zimmer Das war vor etwa anderthalb Jahren im Centre Culturel bei einer Weiterbildung der „Agence Luxembourgeoise d’Action Culturelle“ unter dem Motto „Create your Future“, wo Jeannot, der Buchhaltungsexperte ist, Künstlern buchhalterische Aspekte erläuterte, mit denen sich die freischaffenden Kulturakteure in ihren täglichen finanziellen Angelegenheiten befassen müssen, und dort den Teilnehmern praktische Fragen zu Themen wie Steuern, Mehrwertsteuer, Sozialversicherung und Arbeitsverträge beantwortete. Ich war dort als Direktorin des „Centre de Création Chorégraphique Luxembourgeois“ (TROIS C-L) gewesen, und so lernten wir uns kennen und stellten fest, dass es bei Kulturmanagement und Finanzierungen im kulturellen Sektor einen großen Bedarf gibt.

Jeannot Mousel Die zwei Dinge sind ja eigentlich ziemlich verschieden. Zum einen die trockene Angelegenheit von Buchhaltung und Prüfung, Lohnabrechnung... wie führe ich ein Kassenbuch, wie stelle ich einen Finanzplan auf und eine einfache Bilanz und so weiter. Das gekoppelt mit einem Bereich wie dem Künstlerbereich, der mir damals etwas fremd war, war die Idee. Damit es nicht so kommt, dass der Künstler mit einem Karton voll ungeöffneter Briefe irgendwann eine riesige Rechnung zu bezahlen hat, sind eben auch im Künstlerleben solche administrativen Dinge wichtig, und so entstand der Gedanke zu unserem Unternehmen, da deutlich wurde, dass es so etwas in Luxemburg noch nicht gibt, aber gebraucht wird.

Zimmer Wir beide erkannten, dass wir uns hier sehr gut ergänzen, da ich den kulturellen Sektor gut kenne und lange im Kulturmanagement gearbeitet hatte und so für Jeannot gewissermaßen als „Übersetzerin“ fungieren kann. Durch meine Erfahrung weiß ich, dass es in Luxemburg eigentlich nicht an Geld im kulturellen Sektor mangelt und die Kunstszene in Luxemburg auch sehr agil und kreativ ist; dennoch besteht das Problem, dass die einzelnen Künstler stets auf der Suche nach Finanzmitteln sind, um Projekte verwirklichen und ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können. Für die verschiedenen Subventionen oder Ausschreibungen, die angeboten werden, muss der Künstler Formulare ausfüllen und sich darum kümmern, was viele Künstler gerne aus dem Blick verlieren, weil sie verständlicherweise ihre Kunst im Fokus haben und sie für solche Dinge keine Zeit opfern wollen, hier auch keine Strategie haben und auch keine Budgets aufstellen und wenig Kenntnisse haben, wie wann und wo man Dinge beantragt oder Formulare ausfüllt und so weiter. Aber nicht nur der einzelne Künstler steht hier vor einem Problem, auch Institutionen. Ein Beispiel: Eine Gemeinde möchte ein Festival organisieren. Aber wie macht man das? Es fehlen da oft eben die Erfahrung und die Kompetenzen, so etwas umzusetzen.

Das bieten Sie an?

Zimmer Ja, unser Unternehmen versteht sich nicht nur als Dienstleister für einzelne Künstler, sondern wir bieten multiple Dienstleistungen an, mehr als nur Buchhaltungsfragen oder künstlerisches Management, und deswegen richten sich unsere Dienstleistung nicht nur an den einzelnen Künstler, sondern an den kulturellen Sektor insgesamt.

Mousel Das heißt, wir versuchen nicht, Manager für den Künstler zu sein, der ihn 24 Stunden betreut oder so etwas, sondern machen gewissermaßen eine Gratwanderung, indem wir dem Künstler und dem kreativen Sektor unsere Dienstleistungen zur Verfügung stellen.

Obwohl die Firma ja noch sehr jung ist, können Sie schon sagen, dass es in die richtige Richtung läuft?

Mousel Das kann man. Wir haben eine Liste von Kunden und wir verdienen auch schon Geld, weil wir das Ganze wie gesagt im Voraus planten und nicht einfach so ins kalte Wasser sprangen.

Zimmer Zuvor hatten wir sogar eine Untersuchung angestellt, die die Frage beantwortete, was wird gebraucht. Der Bedarf nach dem, was wir anbieten, ist tatsächlich groß.

Mousel Wenn man mit Buchhaltungsgesellschaften redet, sagen die, „wir haben zwei Künstler als Kunden, doch sechzig Prozent von deren Fragen sind Fragen, die wir nicht beantworten können“. Eigens deswegen jemanden einzustellen, das lohnt sich nicht. Hinzu kommt, dass viele Künstler ja nur für kurze Zeit nach Luxemburg kommen, sechs Monate hier bleiben und dann wieder gehen. Das ist ein Grund, warum das, was wir machen, nicht bei anderen fußte, weil das nur als ein Ganzes geht. Die Topverdiener unter den Künstlern haben ihren Manager und geben das Geschäftliche aus der Hand, für die anderen ist es aber schwer, mit sieben, acht Firmen zu tun zu haben und schon eine Rechnung zu bekommen, nur um zu erfahren wie der Steuersatz in Italien ist und so weiter.

Zimmer Außerdem verlieren viele Künstler sogar Geld, weil sie Möglichkeiten im Ausland ungenutzt lassen, indem sie zum Beispiel Aufträge dort nicht annehmen, weil da die administrativen Hürden für einen einzelnen freischaffenden Künstler zu hoch sind.

Mousel Man sollte ja auch nicht denken, Kunst habe nichts mit Geld zu tun: Der Künstler braucht Geld zum Leben und Projekte müssen auch finanziell geplant sein, damit sie zustande kommen.

Der Firmensitz im Creativity Hub 1535°C ist also ideal für Sie?

Zimmer Ja, hier ist die Schnittstelle, das Zuhause der „kreativen Industrie“, könnte man sagen, wo anerkannte Künstler verschiedenster Sparten zuhause sind, die ihre Kunst auch nicht als Hobby betreiben, sondern von ihrem Beruf leben.