LUXEMBURG
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Breiti von den „Toten Hosen“ im exklusiven „Journal“-Interview

Am Dienstag spielen „Die Toten Hosen“ in der Rockhal, bereits zum zweiten Mal. Das Konzert war binnen zwei Stunden ausverkauft. Michael Breitkopf, genannt Breiti, Gitarrist der Band, im Gespräch mit dem „Journal“.

Ihr seid noch immer so fit wie am Anfang, wie macht ihr das?

Breiti Jeder macht da so sein eigenes Programm, um fit zu sein. Wir wollen jeden Abend zeigen, was wir drauf haben, deswegen haben wir irgendwann gelernt, uns unsere Kräfte einzuteilen. In den Anfangsjahren haben wir fast jede Nacht durchgefeiert oder mussten auch schon mal Auftritte vorzeitig abbrechen, weil wir uns davor zu sehr abgeschossen hatten. Wenn man in kleinen Clubs vor wenigen Leuten spielt, dann geht das, aber nicht bei Konzerten von über zwei Stunden vor teilweise sehr vielen Leuten, da wollen wir einfach unser Bestes geben können! Aber, keine Sorge, zum Feiern kommen wir unterwegs immer noch genug.

Eure Musik geht mit der Zeit, Punk passt immer, stimmt das?

Breiti Für uns ist es schon lange völlig egal, in welche Schublade man uns steckt. Tatsächlich haben viele Ideale der Punkbewegung immer noch ihre Bedeutung für uns, wie die Eintrittspreise möglichst niedrig zu halten oder sich selber dem Publikum gegenüber nicht zu wichtig zu nehmen. Insofern ja, passt das immer noch. Musikalisch ist unsere Bandbreite bestimmt viel größer geworden im Vergleich zu den Anfangsjahren.

Ihr habt in einem Interview einmal gesagt, dass die Texte eurer Anfangszeit euch peinlich sind, stimmt das? Und wenn ja warum?

Breiti Ich weiß nicht, ob wir das so gesagt haben. Für einige Texte trifft das sicher zu, andere sind immer noch total ok. Man macht über die Jahre viele Erfahrungen und man lernt, sich anders und hoffentlich besser auszudrücken. Wenn man dann nach Jahrzehnten hört, was man mit 18 oder 20 Jahren gesungen hat, dann passt natürlich Vieles nicht mehr zu unserem jetzigen Leben, auch wenn es aus der Zeit heraus ok war. Peinlich sind eigentlich nur die Lieder, von denen man zu ihrer Zeit schon hätte wissen müssen, dass das eher unterdurchschnittlich ist.

Euer Hit „Tage wie diese“ ist eine Mainstream-Hymne, es wird in Brasilien nach dem deutschen Sieg bei der Fußball-Weltmeisterschaft ebenso gespielt wie auf der CDU-Party nach der Bundestagswahl. Früher wurden eure Songs nicht so kommerzialisiert. Ist das ein Kompliment für euch, oder nervt es euch auch manchmal?

Breiti Diese Lied ist so beliebt und im kommerziellen Sinn erfolgreich geworden wie kein anderes von uns zuvor, deswegen kann man das nicht verallgemeinern. Tatsächlich freuen wir uns aber, dass es so viele Menschen berührt, dafür schreibt man ja Lieder! Und wenn es einmal draußen ist, kann man nicht mehr kontrollieren, was damit passiert.

1996 kam eine Zuschauerin bei einem Konzert von euch ums Leben, vergisst man jemals solch einen Moment?

Breiti Das werden wir nie vergessen. Wir denken während eines Konzerts sicher nicht pausenlos darüber nach, es ist eher so, dass es in unsere DNA übergegangen ist. Das wird man nie mehr los.

Denkt ihr manchmal dran aufzuhören und in Rente zu gehen?

Breiti Da wir keine Rente bekommen werden, müssen wir wohl weiter machen… Nein, im Ernst, in dieser Band zu spielen, ist für jeden von uns immer noch das Beste, was wir machen können. Wir haben die Leidenschaft und den Ehrgeiz, alles dafür zu geben. Sollte sich das mal ändern, dann wäre der Zeitpunkt zum Aufhören gekommen.

Was war das Verrückteste was ein Fan gemacht hat, um euch zu treffen?

Breiti Bei einem Konzert in Salzburg hat sich mal jemand bei der größten Sommerhitze als Heizungsmonteur verkleidet, mit Blaumann, Werkzeug und allem, was dazu gehört. Er meinte, er müsste die Heizung in der Halle überprüfen. Totaler Unsinn, aber wir haben ihn natürlich trotzdem reingelassen!

Tretet ihr auch manchmal spontan in Clubs oder Bars auf?

Breiti Wir spielen nach wie vor gerne an privaten Orten, wie wir das schon immer bei unseren Magical Mystery Konzerten gemacht haben. Tatsächlich haben wir uns vor kurzem erst neue, leistungsfähige Batterieverstärker gekauft, um jederzeit an jedem Ort spielen zu können.

Du gehst gerne nachmittags ins Kino, welcher Film ist dein Lieblingsfilm und warum?

Breiti Da gibt es viele, als Klassiker kann ich mir zum Beispiel „Spiel mir das Lied vom Tod“ oder „Blues Brothers“ immer wieder ansehen. An „Delikatessen“ mag ich die eigene Ästhetik und den schwarzen Humor, wie bei „Lang lebe Ned Divine“. Ich sehe auch gerne Dokumentarfilme, wie „The Voice of Peace - Der Traum des Abie Nathan“ von Eric Friedler oder „Pina“ von Wim Wenders.

Ab wann wart ihr erwachsen oder werdet ihr es nie?

Breiti Wenn „erwachsen“ heißt, dass man für sich selber verantwortlich ist, dann waren wir das eigentlich schon sehr früh. Auf der anderen Seite wird einem, wenn man in einer Band spielt, Vieles an bescheuertem Verhalten nachgesehen. In diesem Sinne befinden wir uns in so einer Art Dauerpubertät.

Fußball spielt in eurem Leben eine wichtige Rolle, warum?

Breiti Wir sind alle mit Fußball groß geworden haben, haben immer selber gekickt und haben uns früh zu einem Verein hingezogen gefühlt. Warum und wie so etwas passiert, hat keiner besser beschrieben als Nick Hornby in „Fever Pitch“. Ein Versuch in Kurzform: Der Fußball ist ein Spiegel des richtigen Lebens, mit allen Hoffnungen, die meistens enttäuscht werden, und den kurzen Momenten des Glücks, für die man lebt. Und beim Fußball sind da nach einer Niederlage bei Kälte und Nieselregen noch ein paar Tausend andere, denen es genauso geht, anders als sonst im Leben. Vielleicht geht man deshalb immer wieder gerne hin, sonst ist man nach Niederlagen ja eher alleine.