PATRICK WELTER

Wir haben Online-Medien, soziale Netzwerke, Fernsehen und gedruckte Zeitungen. Dennoch oder vielleicht gerade deswegen regiert das Unwissen. Warum sollen wir was wissen, wir haben doch Google?

Offensichtlich der falsche Weg. Angesichts der Tatsache, dass nach einer aktuellen Studie große Teile der europäischen Jugend in Deutschland, Frankreich und anderen Ländern nichts oder nur wenig mit den Begriffen „Holocaust“ oder „Shoah“ anfangen können, fällt einem nichts mehr ein.

Vor 40 Jahren gab es jenseits der Mosel mal gerade drei Fernsehkanäle, die nachts noch abschaltet wurden, und ein Computer war groß wie ein Esszimmerschrank und wollte mit Lochkarten gefüttert werden - trotzdem reichte eine vierteilige amerikanische Fernsehserie namens „Holocaust“ aus, um das Jahrhundertverbrechen an den europäischen Juden der breiten Bevölkerung zu vergegenwärtigen. Damals lebten noch Täter, wenige überlebende Opfer und Millionen von Mitwissern - die alle schwiegen! Obwohl von der Kritik als Seifenoper verrissen, beendete die TV-Serie die „Omerta“ über die Nazi-Verbrechen endgültig.

Die Forschung ist heute weiter als damals, die Aufarbeitung auf der Ebene der Historiker und der Politik auch. Verstrickungen und Verknüpfungen liegen nun offen. Das nationalsozialistische Deutschland hatte die Grundlagen für die Vernichtung von sechs Millionen Juden gelegt, musste in den besetzten Ländern aber nicht viel tun, um Kollaborateure zu finden. So der Stand der Wissenschaft.

Aber die junge Bevölkerung weiß heute wenig bis gar nichts darüber. Paradox: Wer will, kann heute die Opferlisten auf der Webseite der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem (yvng.yadvashem.org) einsehen. Aber offenbar will kaum noch einer…

Es hat im zwanzigsten Jahrhundert auch anderswo Völkermorde gegeben: Die Türken haben anderthalb Millionen Armenier in der Wüste verrecken lassen, Stalin ließ geschätzte dreißig Millionen Bauern verhungern, zwei Millionen Kambodschaner wurden totgeschlagen, systematische Massaker der Japaner in China und selbst die Ikone Churchill gilt bei Indern als Verursacher von Hungersnöten mit Millionen Toten... Was soll’s also?

Von wegen! Allen braunen Relativierern sei es ins Stammbuch geschrieben: Niemand außer dem Nazi-Regime hat Menschen mit industrieller Effizienz in extra errichteten Todesfabriken im Wortsinne vernichtet, verbrannt und ausgelöscht - das macht den Holocaust zu dem Menschheitsverbrechen schlechthin.

Es mag der Zeitgeist nach dem Versailler Vertrag gewesen sein, der es möglich machte, aus einem österreichischen Maler mit antisemitischen Phantasien innerhalb von wenigen Jahren einen umjubelten Diktator zu machen, der auch noch begeisterte Judenschlächter wie Himmler und Eichmann fand. Eine historische Singularität? Nur, wenn wir zukünftig alle aufpassen.

„Nie wieder!“ funktioniert nur, wenn die junge und auch die nachfolgenden Generationen erfahren, wie es zur größtmöglichen menschlichen Fehlentwicklung kam. Der erhobene Zeigefinger ist dabei fehl am Platz. Das Grausame so nüchtern und sachlich darstellen wie es nur geht, muss das Mittel der Wahl sein. Unwissen kann tödlich sein.