LUXEMBURG
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Der Blick eines Praktikers auf den „Green Deal“ der EU-Kommission

Marco Koeune gehört zu den bekanntesten Biobauern im Großherzogtum. Der erfahrene Praktiker sieht in der Krise eine Chance zum Neustart der Landwirtschaft.

Am 20. Mai wurde das Strategiepapier der EU-Kommission für eine faire, gesunde und umweltfreundliche Lebensmittelproduktion vorgestellt. „Vom Hof auf den Teller“ heißt das Kernstück des „Green Deal“. Europa soll bis 2050 zum klimaneutralen Kontinent werden. Bleibt die Landwirtschaft dabei auf der Strecke?

Marco Koeune Während die einen erst einmal nichts verändern wollen und sich auf das „Bewährte“ stützen, gibt es vermehrt auch Überlegungen gerade jetzt auf eine Reform der Gemeinsamen Europäischen Agrarpolitik (GAP) zu setzen und die vorgestellte Strategie des Green Deals mit Inhalten zu füllen, als Basis der GAP der kommenden Jahre. Es gibt zwei Sichtweisen: Es sei ein Frontalangriff auf die gesamte europäische Landwirtschaft oder eine Chance, die man zur Mitgestaltung nutzen sollte. Ich bevorzuge die Zweite.

Die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sieht in einer nachhaltigen Wachstumsstrategie, also der Verbindung von Wirtschaft und Gesundheit, die Voraussetzung, die Lebensqualität der Menschen zu sichern und die Natur zu schützen. Was bedeutet dies für die Landwirte in Europa und besonders die in Luxemburg?

Koeune Über 400 Millionen Menschen in der EU werden mit sicheren, ausreichend verfügbaren und hochwertigen Lebensmitteln versorgt, die zudem erschwinglich sind. Diese Uraufgabe der Landwirtschaft in der Europäischen Gemeinschaft wird damit bekräftigt und die Produktionsstandards, die weltweit als Maßstab gelten, hervorgehoben. Es gilt die Verlagerung der heimischen Nahrungsmittelproduktion in Drittstaaten zu verhindern. Lokale, regionale und saisonale Lebensmittel müssen mehr Wertschätzung erfahren, ebenso kürzere Lieferketten.

Die Landwirtschaft sei für 10,3 Prozent der Treibhausgase der EU verantwortlich, fast 70 Prozent davon aus der Tierhaltung. Darüber hinaus werden 68 % der gesamten landwirtschaftlichen Fläche für die tierische Erzeugung genutzt, so der Vorwurf an die Landwirtschaft.

Koeune Luxemburg ist nun mal ein Grünlandstandort wie viele andere Regionen der EU und somit prädestiniert für Viehwirtschaft. Kühe, Schafe und Ziegen können aus Gras, Milch und Fleisch produzieren - effektiv und umweltverträglich. Landwirtschaft hat Potenzial zur Reduzierung der Treibhausgase und kann helfen die Klimaziele der EU zu erreichen. Die luxemburgischen Bauernverbände haben ihrerseits bereits ein eigenes Klimastrategiepapier vorgelegt und die Bereitschaft am „Klimatisch“ signalisiert, proaktiv beim Erstellen des nationalen Energie- und Klimaplans mitarbeiten zu wollen.

Voraussetzung eines nachhaltigen Lebensmittelsystems im Sinne des Green Deals sei es gleichzeitig die Einkommen der Landwirte zu verbessern und die Wettbewerbsfähigkeit der EU zu stärken. Wie soll das gehen?

Koeune Neben der Erzeugung von Agrargütern sind Biodiversität, Wasser- und Klimaschutz als neue Geschäftsmodelle zu betrachten. Neue Einkommensquellen für die Landwirtschaft, etwa durch Anreize zu Bewirtschaftungsmethoden, mit denen Kohlendioxid reduziert wird. Bisher werden diese freiwilligen Leistungen für den Umwelt-, Klima- und Tierschutz nicht über den Markt entlohnt.

Der Einsatz von Chemie in der Landwirtschaft führt zur Verschmutzung von Böden, Wasser und Luft sowie zum Verlust der Artenvielfalt. Das veranlasst die Kommission dazu, den Einsatz von Pflanzenschutzmittel um 50 Prozent verringern zu wollen und verweist auf alternative Methoden. Was tun?

Koeune Da Pflanzenschutz notwendig bleibt, ist ein kontinuierlicher Optimierungsprozess beim Einsatz von Pflanzenschutzmitteln sinnvoll. Dazu muss der Nährstoffüberschuss beim Düngen gemindert werden. Zusätzlich bringt der Klimawandel Gefahren für die Pflanzengesundheit mit sich. Neue innovative Techniken – ohne Pestizide - müssen zum Schutz der Pflanzen vor neuen Schädlingen und Krankheiten beitragen. Der ökologische Landbau muss unter Berücksichtigung des Marktes weiter gefördert werden. Bei den Verbrauchern genießen die Produkte des Biolandbaus schon jetzt eine besondere Wertschätzung.

Bis zum Jahr 2030 sollen 25 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen in der EU ökologisch bewirtschaftet werden. Welche Maßnahmen sollen ergriffen werden, um nachhaltige und sozialverantwortliche Erzeugermethoden zu unterstützen?

Koeune Insbesondere sind Forschung, Wissenstransfer und Innovation beim Übergang zu einer nachhaltigen, gesunden und integrativen Lebensmittelsystemen hilfreich. Ein Monitoring kann die Leistungen landwirtschaftlicher Betriebe durch Referenzwerte beurteilen, ob es nun um „Vom Hof auf den Tisch“ oder die Biodiversitätsstrategie geht. Dann können maßgeschneiderte Beratungsangebote für die Betriebe vorschlagen werden. In Luxemburg wurde mit dem Bioaktionsplan ein Rahmen dafür geschaffen.

Die EU-Biodiversitätsstrategie für 2030 „Mehr Raum für Natur in unserem Leben“ will das Bewusstsein für Zusammenhänge zwischen unserer eigenen Gesundheit und gesunden Ökosystemen schärfen. Der Verlust an Artenvielfalt bedrohe unsere Lebenssysteme und setze unsere Ernährungssicherheit aufs Spiel. Wieder gilt die Landwirtschaft als schuldig.

Koeune Diese Darstellung ist zu einfach und auch noch ungerecht. Natürlich steht die Landwirtschaft in der Verantwortung. Aber man muss auch berücksichtigen, dass der hohe Flächenverbrauch und die wachstumsbedingte Versiegelung der Landschaft negative Auswirkungen auf die Artenvielfalt haben. Ein anderes Beispiel: Die „modernen“ Schottergärten innerhalb der Gemeinden sind auch nicht gerade insektenfreundlich. Natürlich sind bei der Biodiversität die Landwirte mit an Bord und beteiligen sich an freiwilligen Biodiversitäts-, Agrar-, Umwelt- und Klimaprogrammen. Die von Brüssel gewollte Einführung freiwilliger nationale Umweltmaßnahmen, etwa die Anlage von Blühstreifen, oder von Landschaftselementen wie Hecken und Pufferstreifen, Brachen, das Fördern und Vernetzen von Biotopen, sind derzeit in der Diskussion.

In einer aktuellen Veröffentlichung der Baueren-Allianz, deren Vize-Präsident sie sind, ist von „Licht und Schatten“ bei den Strategieplänen der Kommission die Rede. Wie und wo?

Koeune Es ist für uns klar, dass ein „Weiter so“ keine Option sei. Das gilt für die Landwirtschaft genauso wie für andere Wirtschaftsbereiche. Der Strukturwandel der letzten Jahrzehnte war notwendig, doch mit dem massiven Höfesterben zollte die Landwirtschaft einen besonders hohen Tribut. Wir müssen alles daran setzen, die Widerstandskraft der landwirtschaftlichen Betriebe zu verbessern und den ökologischen und digitalen Wandel zu beschleunigen. Leider wurde der soziale Aspekt fast völlig ausgeblendet. Auch ist die Bereitschaft zu einem kooperativen Biodiversitätsschutz zusammen mit der Landwirtschaft kaum erkennbar.

In einer „Post-Corona-Strategie“, in der die Landwirtschaft als systemrelevanter Bereich und verlässlicher Partner des Gemeinwohl gesehen wird, bedarf es wirtschaftlichen Planungssicherheit und finanzieller Anreize. Mehr Anerkennung und ehrliche Wertschätzung der Bauern plus gezielte Akzente auf Freiwilligkeit und Eigenverantwortung sind Voraussetzung für ein Gelingen des „Green Deal“ der EU- Kommission.