LUXEMBURG
CLAUDE KARGER

„MERG“, die Geschichte des US-Soldaten George O. Mergenthaler, der im Dezember 1944 bei Eschweiler fiel, ist nun auch auf Luxemburgisch erschienen – Ein Gespräch mit dem Autor Peter Lion

Wir schreiben den 18. Dezember 1944. Seit zwei Tagen rollt auf breiter Front eine deutsche Offensive  durch die Ardennen. Sie erwischt die im Norden Luxemburgs stationierten US-Truppen kalt. Soldaten der 28. Infanterie-Division in Eschweiler, die eigentlich dort waren, um sich von den harten Kämpfen im Hürtgenwald bei Aachen zu erholen, werden zur Verstärkung nach Wiltz beordert. Allerdings gerät der Konvoi in einen Hinterhalt.  Ein Fahrer wird tödlich getroffen, die anderen G.I.s sind unter Dauerbeschuss und können nicht  fliehen. Bis George Mergenthaler sich auf den Jeep schwingt und mit dem Bord-MG zurückfeuert. Den anderen Soldaten gelingt die Flucht. Mergenthaler wir erst Monate später, im März 1945, in einem flachen Grab gefunden.
Sein Tod bewegte die Einwohner Eschweilers  besonders, denn der junge Mann, der nur 24 Jahre alt wurde, hatte sich in den paar Wochen der Stationierung in dem kleinen Dorf sehr beliebt gemacht. Wohl auch, weil er sich auf Deutsch und Französisch unterhalten konnte.  Die Eschweiler Leute begruben seinen Leichnam auf dem Friedhof bei der St. Mauritius-Kirche,  in der George Ottmar Mergenthaler bis heute gedacht wird. Es ist die einzige Kirche der Welt, in der das Gedenken an einen  einzelnen US-Soldaten derart gepflegt wird. Der Schriftsteller und Filmemacher Peter Lion hat die bewegende Geschichte von „Merg“, dem Enkel des deutschen Auswanderers und Erfinder des Linotype-Druckverfahrens Ottmar Mergenthaler recherchiert und aufgeschrieben. Das Buch ist nun auch auf Luxemburgisch erschienen. Wir haben mit dem Autor, der auch schon die „American St. Nick“ -Story aus Wiltz verfasste, gesprochen.

Wie sind Sie auf George Mergenthalers Geschichte gestoßen?

Ich habe seine Geschichte und das Dorf Eschweiler entdeckt, als ich Recherchen für mein erstes Buch„American St. Nick“ anstellte. Zu diesem Zeitpunkt erzählte man mir eine Kurzfassung der Geschichte, die meine Neugier anregte. Dann besuchte ich einmal Eschweiler, den Gedenkstein für George Mergenthaler am Rande des Weges und natürlich St. Mauritius, die Kirche des Dorfes. Ich war begeistert und wusste sofort: diese Geschichte will ich erzählen.

Was genau hat Sie an dieser Soldatengeschichte fasziniert?

Tatsächlich gibt es viele Elemente in der Geschichte, die mich angezogen haben.  Hier war dieser 24-jährige Soldat, von dem einige zweifellos sagen würden, dass er alles hatte: er war hoch gebildet, sprach fließend deutsch und französisch, war ein guter Athlet, großzügig, freundlich und charasmatisch. Er sah aus wie ein Filmstar und war der einzige männliche Erbe eines riesigen Familienvermögens. Und doch meldete er sich nicht nur freiwillig zur Armee, als der Krieg ausbrach, sondern bestand auch darauf, als einfacher Soldat beim Militär zu dienen, obwohl es allen klar war, die ihn kannten, dass er ein Offizier sein sollte. Je mehr ich mich mit seinem Hintergrund und dem seiner Familie beschäftigte, desto klarer wurde, dass sie einerseits mit Wohlstand gesegnet war und doch der Fluch einer Tragödie auf ihr lastet.

Warum haben Sie sich entschieden, ein Buch darüber zu schreiben?

Ich glaube, der übergreifende Gedanke war, die Geschichte eines jungen Mannes niederzuschreiben, der alles opferte, was er hatte und alles, was er hätte tun können, um das Leben seiner Mitmenschen zu retten. Etwas, für das er sicherlich eine Ehrenmedaille verdient, und an das sich dieses kleine luxemburgische Dorf auf ewig erinnert. Doch in der Stadt, in der George Mergenthaler aufgewachsen ist, wusste niemand mehr etwas über ihn oder seine Geschichte. Ich fand das traurig und etwas schändlich und gelobte, alles zu tun, um das zu ändern, daher das Buch.

Was war der denkwürdigste Moment bei Ihrer Recherche?

Lion Tatsächlich gab es ein paar denkwürdige Momente. Etwa als ich Kontakt mit einem von Georges entfernten Verwandten aufnahm, der zufällig einen Schatz an Familienfotos hatte, einige davon sind in dem Buch und wurden nie zuvor veröffentlicht. Es gab jedoch einen denkwürdigen Moment, der sich von den anderen abhebt. Als ich mit einem der Veteranen sprach, die mit George gedient haben und ihn kannten, erzählte er mir die Geschichte von Georges Tod, die er von einem anderen Soldaten erfahren hatte, der bei ihm war, als er starb. Die Version wich von allen anderen ab und ich zögerte, sie niederzuschrieben. Aber als ich ein nächstes Mal für Interviews nach Luxemburg kam, erzählte mir ein Landwirt in der Nähe von Eschweiler die gleiche Geschichte. Er hatte sie von seinem Vater gehört, der allerdings längst verstorben war. Endlich hatte ich meine Bestätigung und wusste, dass dies in der Tat die wahre und genaue Schilderung der Ereignisse war.

Wie oft haben Sie Luxemburg für Ihre Forschung  besucht?

Ich denke, wenn Sie Reisen kombinieren, die speziell für „Merg“ gemacht wurden, und die für „American St. Nick“,  gab  es sicher nicht weniger als ein halbes Dutzend Reisen nach Clerf, Eschweiler, Wiltz und sogar in den Hürtgenwald.

Es gibt viele außergewöhnliche Geschichten über Soldaten während der Ardennenoffensive. Planen Sie weitere Recherchen?

Sie haben Recht, es gibt noch so viele Geschichten zu erzählen und leider gibt es immer weniger Veteranen, die sie aus erster Hand erzählen könne. Eine interessante Idee, die ich habe, ist vielleicht etwas über meine Onkel zu schreiben. Ich hatte vier Onkel, die während des Zweiten Weltkriegs gedient haben. Einer war im Pazifik, aber die anderen waren in Europa. Einer war Panzerfahrer unter General Patton, und die anderen waren bei einer Panzer-Zerstörer-Einheit. Beide kämpften in der Ardennenoffensive. Drei der vier sind noch unter uns. Es könnte ein gutes Buch werden: „Die Vier Löwen des Zweiten Weltkriegs“. Oder etwas ähnliches. Wir werden sehen.

Warum haben Sie sich entschieden, die MERG-Geschichte auch in Luxemburgisch zu veröffentlichen?

Nun, „American St. Nick“ wurde ins Luxemburgische übersetzt und erreichte Platz 5 auf der Bestsellerliste weniger als eine Woche nach der Veröffentlichung. Weil das Interesse so groß war, denke ich, dass die Übersetzung Mergenthalers Geschichte einem breiteren Publikum in Luxemburg näher bringt. Denn so sehr es sich um eine Geschichte über George Mergenthaler handelt, ist es auch eine Geschichte über Luxemburg, die Menschen in Eschweiler und wie sie sich entschieden haben, an diesen Soldaten zu erinnern. Ich weise immer darauf hin, dass St. Mauritius die einzige Kirche der Welt ist, die einem einzigen amerikanischen Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg gewidmet ist. Ich muss auch meine Hut vor Carole Soffiaturo ziehen, die das Buch übersetzt hat. Sie hat einen fantastischen Job gemacht, besonders angesichts des ganzen Militärjargons und der umgangssprachlichen Ausdrücke.

Planen Sie, eines Tages einen Dokumentarfilm über Mergenthaler zu drehen?

Interessanterweise gab es bereits einige Vorgespräche über einen Dokumentarfilm basierend auf dem Buch. Das Problem ist allerdings, die Finanzierung für ein solches Projekt zu finden. Ich denke, es ist wichtig, sich daran zu erinnern, während ein Dokumentarfilm oder sogar ein Spielfilm, der auf dieser Geschichte basiert, eine größere Reichweite erreichen würde für das Publikum in Luxemburg und auch weltweit. Hier geht es um Geschichten, die  verblassen und ich denke, wir sollten versuchen, alles zu tun, um sie zu erhalten.

Reisen ist heutzutage nicht einfach, aber:  Planen Sie, bald nach Luxemburg zurückzukehren?

Da bin ich mir sicher! Ich war im Laufe der Jahre so viele Male in Luxemburg, dass ich es für fast ein zweites Zuhause halte. Ja, es sind herausfordernde Zeiten,  aber ich denke, wir werden irgendwann zu einer „neuen Normalität“ zurückkehren und Reisen wird wieder leichter. Wenn das passiert, will ich unbedingt zurückkehren. Wer weiß, vielleicht sogar später in diesem Jahr.