Julias zehntes Bewerbungsschreiben beginnt mit „Sehr geehrte Damen und Herren, mit großem Interesse habe ich von Ihrem Stellenangebot erfahren“. Sie durchkämmt den Duden nach bildungssprachlichen Synonymen für die Worte „Motivation“ oder „Kompetenzen“. Immer wieder wirft sie einen Blick in Foren, in denen ihr die „Do’s“ und „Don’t s“ im Bewerbungsdschungel erklärt werden. Sie bemüht sich. In den meisten Fällen völlig umsonst.
Das Dilemma mit der Erfahrung
Ihr fehlen die nötigen Erfahrungen, um im betreffenden Bereich, wohlverstanden ehrenamtlich, tätig zu sein. Oder aber sie ist überqualifiziert. Vielleicht spricht sie zu wenige Sprachen, oder doch zu viele. Meist erfährt Julia gar nicht erst, warum ihre Bewerbung abgelehnt wurde.
Julia könnte ebenso gut Paul, Christina oder Tom heißen. Willkürlich kann man einen Studierenden auf das leidige Thema Praktikum ansprechen: Der Gesichtsausdruck ist mit hoher Wahrscheinlichkeit in jedem Fall identisch. Er schwankt zwischen einem verzweifelten Auflachen, bis hin zu feuchten Augen. Und warum? Weil es einen schlichtweg ankotzt. Sich für ein Praktikum zu bewerben ist heutzutage eine Odyssee, vor allem in Deutschland.
Zwischen Studium und Vollzeitjob
Die Reise beginnt mit der Suche nach einem Stellenangebot. Studienbegleitende Praktika sind eine Rarität. Oft wird von den Bewerbern verlangt, dass sie Vollzeit arbeiten; egal, ob sie dafür ein Urlaubssemester beantragen oder ihren Nebenjob kündigen müssen. Nicht jeder kann es sich leisten während den Semesterferien ein unentgeltliches Langzeitpraktikum zu machen. Werden Julia, Paul und ihre Leidensgenossen dann doch fündig, dürfen sie sich um Kopf und Kragen schreiben, um die Arbeitgeber durch ihre Motivation und ihren Lebenslauf zu überzeugen. Es reicht tatsächlich manchmal für ein Vorstellungsgespräch. Wahrscheinlicher ist es jedoch, nach sechs Monaten eine weitere, standarisierte Mail im Posteingang zu sammeln: „Wir bedauern es sehr Ihnen mitteilen zu müssen, dass wir uns für einen anderen Kandidaten entschieden haben.“
Vorwissen schlägt Motivation
Ganz schlau fühlen sich die Unternehmen, die die Stellenanwärter zu einem Vorstellungsgespräch einladen, während dem sie einen Eignungstest schreiben müssen. Wer ist denn schon so naiv einen unbezahlten, lernwilligen, jungen Menschen einzustellen, der von nichts eine Ahnung hat? Ziel des Praktikums ist es schließlich nicht, dass man etwas dazu lernt. Das wäre ja mal was. Den schmalen Grat zwischen Über- und Unterqualifizierung nicht zu überschreiten, gleicht dem Seiltanz über einem Lava spuckenden Vulkan.
Am Ende ist sowieso alles relativ und Julia leider nicht die Richtige, um Excel Tabellen auszufüllen und den Telefonhörer abzunehmen. Sie schickt zur Sicherheit auch noch eine elfte Bewerbung ab, man weiß ja nie.



