CORDELIA CHATON

Was in Österreich derzeit abgeht, liegt irgendwo zwischen Politthriller, Lehrstück über rechte Parteien und ihre Methoden sowie russische Financiers und Boulevard vom Feinsten. Leider hat es auch sehr viel von einer Realsatire.

Auslöser der Krise ist ein Skandalvideo, das den bisherigen FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache zeigt, wie er vor der Wahl von 2017 auf Ibiza einer vermeintlichen russischen Oligarchin Staatsaufträge für Wahlkampfhilfe in Aussicht stellte. Auch werden darin möglicherweise illegale Parteispenden an die FPÖ thematisiert. Strache ist als Vize-Kanzler und FPÖ-Parteichef zurückgetreten. Es folgte eine Kettenreaktion, an deren Ende die ÖVP-FPÖ-Koalition platzte. Jetzt riskiert Kanzler Sebastian Kurz seinen Job. Der österreichische Regierungschef sollte eigentlich von der Affäre um Heinz-Christian Strache profitieren, hofften seine Parteikollegen. Dann nämlich, wenn sich Wähler von der rechtspopulistischen FPÖ, der Partei des ehemaligen Vizekanzlers, abwenden - und stattdessen zu Kurz und seiner ÖVP abwandern.

Doch sollten der bisherige Koalitionspartner und die oppositionellen Sozialdemokraten im Parlament für einen Misstrauensantrag stimmen, würde in Österreich erstmals ein Regierungschef auf diese Art und Weise abgewählt. Die FPÖ kündigte am Montagabend an, dass alle ihre Minister die Regierung verlassen werden.

Ihr Ex-Chef setzt sich derweil auf Facebook als Opfer in Szene: „Wir werden die Hintermänner des kriminell erstellten Videos und Dirty Campaignings ausfindig machen und ich habe mir nichts zu Schulden kommen lassen. Dafür kämpfe ich!“ schrieb er- und erntete in rund 24.000 Kommentaren eine Menge Spott zu Recht. Der Tenor: „Das hast Du Dir doch selbst eingebrockt!“ Schon sein Post „Jetzt erst Recht“ hatte für Hohn gesorgt. „Was konkret: Russland-Connection und Übernahme der Kronenzeitung? Oder zuerst die Wasser-Privatisierung?“ fragte einer der Kommentatoren in Anspielung auf das Video, in dem Strache den ORF zerschlagen und die Macht beim Boulevard-Blatt übernehmen wollte. Derweil zog seine Noch-Gattin mit dem gemeinsamen Kind aus. Der Brandstifter geriert sich als Biedermann und Opfer, genau wie sein Kompagnon Gudenus, bei dem selbst die Kronen-Zeitung das Wort „Opfer“ in Anführungsstriche setzte.

Das ist das Gute an der Krise, dass sich die österreichischen Medien einig darin sind, dass sie lieber unabhängig bleiben wollen, als von russischen Oligarchen unterwandert zu werden.

Die Krise schärft den Blick dafür, wie gern sich die rechten Parteien und Politiker von AfD über Le Pen und Salvini von fragwürdigen Russen finanzieren lassen. Russland braucht keinen kalten Krieg mehr, wenn es so leicht Demokratien in Frage stellen kann: Für ein paar Rubel verkaufen die Rechten Staat, Meinungsfreiheit und Unabhängigkeit. Hoffentlich führt das zu wesentlich schärferen Prüfungen ihrer Finanzen. Der Fall AfD zeigt: Wer suchet, der findet. Das Gefährliche an der Krise ist, dass die Bevölkerung nach Haider und Konsorten abgestumpft ist. „Wird in Österreich ein Verfassungsbruch begangen, so gähnt die Bevölkerung“, wusste schon der österreichische Schriftsteller und Dramatiker Karl Kraus.