BERDORF
INGO ZWANK

Bilanz ein Jahr nach den Unwettern im Müllerthal - Fast 19 Millionen Euro flossen bereits in den Wiederaufbau

Es waren überschwemmte Straßen, vielerorts Erdrutsche und umgestürzte Bäume: In der Nacht vom 31. Mai auf den 1. Juni 2018 brach über Luxemburg eine Sintflut herein. Von 2.30 hatten die Einsatzkräfte alle Hände voll zu tun, alleine im Müllerthal wurden bis um 8.00 über 100 Einsätze gezählt - mit Rekordniederschlägen. Nach Auswertung der Niederschlagsdaten gab der Wetterdienst bekannt, dass in der Nacht vom 31. Mai auf den 1. Juni 2018 101,3 l/m² an der Station Waldbillig gemessen wurden. Gleichzeitig wurde mit 72,1 l/m² zwischen 2.00 und 3.00 am 1. Juni ein neuer Stunden-Niederschlagsrekord festgehalten.

Lëtzebuerger Journal

Berdorf hatte ein Jahr lang zu kämpfen

Gestern legte Umweltministerin Carole Dieschbourg zusammen mit ihren Abteilungen und der Wasser- sowie Straßenbauverwaltung eine Bilanz ein Jahr nach den verheerenden Unwettern vor. Auch Berdorfs Bürgermeister Joe Nilles, dessen Gemeinde und Region besonders betroffen war, blickte auf das Jahr zurück, „das für uns kein einfaches Jahr war - mit vielen Umwegen“, was Geduld und Nerven kostete, wie Nilles ausführte. Der Berufs- und auch der private Verkehr waren sehr schwierig, „der Sicherheitsdienst war für unsere Region ebenso betroffen.“

Die Wanderwege mit gut 150.000 Besuchern waren teils erheblich beschädigt, Stützmauern waren weggerutscht - und doch alles in allem wurde es gut gemeistert, resümierte der Bürgermeister. „Und auch die Gäste haben uns - wenn auch mit Umwegen - gefunden!“ So seien die Arbeiten im Rahmen der Planungen abgeschlossen worden.

Straßen, Waldwege und auch das Wassernetz waren durch das Unwetter stark betroffen. „Und wir lernen aus diesen Ereignissen, in vielen Belangen“, sagte Dieschbourg. Verbesserte Kooperation der einzelnen Dienste sei da nur ein Punkt für die Politik und die Kommunen, um dem Klimawandel zu begegnen, so Dieschbourg.

Wie ausgeführt wurde, gab es für die Straßenbauverwaltung drei große Sperrungen respektive erheblich betroffene Straßenabschnitte: CR 364 (Vogelsmühle-Berdorf), im Bereich Berdorf - Echternach und auch CR 128/OA 908 (Haller-Befort). Insgesamt waren es 23 Stellen, wo Schäden bilanziert wurden. Waren doch teilweise ganze Straßenabschnitte unterspült, weggeschwemmt oder weggebrochen. Man habe sich ein Jahr gesetzt, alles wieder instand zu setzen, „zwei Tage länger haben wir gebraucht, als angekündigt“, so die Bilanz von Marc Ries von der Straßenbauverwaltung. Nur noch drei kleine Abschnitte würden bis Mitte Juli fertiggestellt.

Lëtzebuerger Journal

3,7 Millionen Euro für den Abschnitt CR 364 (Vogelsmühle-Berdorf)

Die im Bereich CR 364 (Vogelsmühle-Berdorf) vorhandenen Straßenschäden wurden durch das Unterspülen und Freilegen der Fundamente der bestehenden Stützmauer hervorgerufen, wie Ries erläuterte. Zuerst waren es nur kleine Risse, doch dann zeigten unter anderem Erkundungsbohrungen an der Straße das ganze Ausmaß. „Die gewonnenen Erkenntnisse über die Beschaffenheit der Böden und vor allem die aus geotechnischer Sicht ungünstige Lage der Gleitfläche führten zum Konzept, die bestehende und beschädigte Böschung durch eine bewehrte Steilböschung zu ersetzen“, sagte Ries. Für die bestehende Stützmauer, die vertikale Risse aufwies, „wurden Unterfangungen vorgesehen“.

Alle diese Maßnahmen sahen vor, dass rund 10.000 Kubikmeter Aushub bewegt werden mussten, „den wir später wiederverwerten“, so Ries weiter. Im Bereich der Stützmauer waren 100 Kubikmeter zur Wiederherstellung der Fundamente erforderlich. Die Kosten waren mit rund zwei Millionen Euro veranschlagt, doch alleine der Bereich CR 364 in Richtung Echternach schlug hier am Ende mit einem Volumen von 3,7 Millionen Euro zu Buche, der Bereich Predigtstuhl, der zu den drei noch fertigzustellenden Bereichen gehört, kostet drei Millionen Euro. Das Projekt OA 908 wird mit 1,8 Millionen Euro beziffert. Gesamtkosten für die Schadensbehebung somit 11,05 Millionen Euro
Im Zuständigkeitsbereich der Natur- und Umweltverwaltung machte man sich auch daran, entsprechende Verbesserungen umzusetzen, um sich besser aufzustellen, solchen Ereignissen zu begegnen. Insgesamt wurden so 97 Dossiers erfasst, wobei die Gemeinden Befort Berdorf, Consdorf und Echternach stark betroffen waren - mit 16 Kilometern Wanderwegen und 43 beschädigten Übergängen. Im Normalfall würde rund ein Kilometer Wanderweg im Jahr erneuert beziehungsweise aufgearbeitet. 2,7 Millionen Euro seien aktuell bereits in den Wiederaufbau geflossen, die sich maßgeblich aus Rekonstruktionen (2,1 Millionen Euro), Waldarbeiten oder auch die Miete von Spezialequipment zusammensetzen. Manche Wege mussten komplett von der Basis an wieder hergestellt werden, da nichts mehr vorhanden war, wie die Verantwortlichen betonen. Man habe festgestellt, dass es immer mehr und stärkere Niederschläge gibt, daher sei es wichtig, für eine entsprechende Entwässerung zu sorgen. Mancherorts wurden Rohre entfernt und durch Gräben oder Wasserrückhaltebecken als Präventionsmaßnahme ersetzt, die wiederum Wasserflächen im Wald als Lebensraum darstellen. Übergänge wurden einfach oder auch anspruchsvoller aus heimischem Holz (rund 12 Lkw-Ladungen) wiedererrichtet. Wo man keine Übergänge mehr errichten wollte, wurde beispielsweise ein Bach mit Trittsteinen versehen, aber alles nur mit natürlichen Materialien.

Stützmauern wurden mit Steinblöcken oder im Rahmen des Müllerthal-Projektes „Trockenmauer“ (über 200 Meter) wieder hergestellt. Treibholz musste entsorgt werden, dies teils mit einer Seilbahn, da das Gebiet nicht mit Fahrzeugen erreicht werden konnte.

Lëtzebuerger Journal

Fünf Tonnen Plastik entsorgt

Die Wasserverwaltung hatte mit den direkten Folgen wie den Aus- und Anschwemmungen zu tun gehabt. Diese Anschwemmungen mit sehr viel Plastik - immerhin fünf Tonnen - seien teils wiederverwertet oder auch schlussendlich entsorgt worden. So seien 500 Kubikmeter Holz zu Hackschnitzeln verarbeitet worden. Im Rahmen der Betrachtungen wurden Bäche, vor allem kleine, durch Auen renaturiert und man hat ihnen entsprechende Fläche eingeräumt. Beton wurde entfernt, denn überall da, wo Beton ist, kann es auch zu Unterspülungen kommen, wie die Verwaltung ausführte. Sechs Millionen Euro wurden bis heute in 60 Maßnahmen durch die Wasserverwaltung investiert.

Die Notwendigkeit der Anpassung von Aktionsplänen und Strategien an den Klimawandel sei unverkennbar, sagte Dieschbourg mit Blick auf die Starkregenstrategie der Regierung. „Überall da, wo man neue Wohnungen errichten will, muss geschaut werden, ob man hier nicht Probleme mit Starkregen bekommen kann - Überlegungen, wie wir sie schon beim Hochwasserschutz haben.“ Eine solche Starkregenkarte soll nach Dieschbourg hoffentlich 2020 vorliegen, auch wenn es ein Dokument ist, was stets in der Entwicklung sei - bei einer Erfassung von zwei auf zwei Metern, wie präzisiert wurde.

Starkregenkarte soll 2020 vorliegen

Man brauche bessere Planungen mit Weitsicht, weitere Renaturierungen von Bachläufen und auch eine Sensibilisierung der Bevölkerung. „Eine bessere Forschung und auch Dokumentation ist dabei unabdingbar“, so Dieschbourg. Vorhersagemodelle seien mit LIST und auch POST auf der Basis der Ausrüstung in Arbeit, Vorhersagemöglichkeiten wie über Meteolux sollen gefördert werden. Alles soll in Karten und damit Risikozonen fließen, was durchaus über den Wasserfond mit finanziert werden kann, sagte Dieschbourg.

Abschließend stellte die Ministerin den Onlinefragebogen vor, der unter www.flashfloods.lu zu finden ist. „Betroffene des ganzen Landes aus dem letzten Jahr und den letzten Jahren sollen hier ihre Erfahrungen und Fakten mit einbringen“, sagte Dieschbourg. Mit diesen Fakten wolle man die eigenen Ergebnisse vervollständigen.

Hilfe für Unternehmen und Privatpersonen

70 Anträge auf Sozialhilfe beim Familienministerium eingegangen - 30 Unternehmen meldeten sich beim Wirtschaftsministerium

Im Falle von Naturkatastrophen kann das Ministerium für Familie, Integration und Großregion den Einwohnern, die von einer Naturkatastrophe betroffen sind, auf Beschluss des Regierungsrates, soziale Unterstützung gewähren. So auch geschehen nach den Unwettern Anfang Juni 2018, wo besonders das Müllerthal betroffen war. Diese Beihilfe stellt eine Solidaritätsaktion mit Familien dar, deren wirtschaftliche Situation gefährdet ist, wie es aus dem Familienministerium heißt. „Mit der Beihilfe sollen Betroffene Güter des täglichen Bedarfs erwerben können“, hieß es aus dem Ministerium. Diese Anträge auf Sozialhilfe nach einer Naturkatastrophe unterliegen aber einer Reihe von Bedingungen und Grundprinzipien, wie es weiter heißt. Bis zum angegebenen Stichtag wurden 70 Anträge eingereicht. Aus 15 Gemeinden wurden die Hilfen beantragt. Die Höhe der Hilfe richtete sich nach dem Umfang und der Art der Schäden; der finanziellen Lage der betroffenen Haushalte und der Anzahl der zum Haushalt zählenden Personen. Unternehmen, die durch die Unwetter geschädigt wurden, konnten sich an das Wirtschaftsministerium wenden. Wie hier bestätigt wurde, gingen rund 30 Anträge ein. Hiervon wurden 22 Unternehmen eine Entschädigung in Höhe von insgesamt 2,5 Millionen zugesagt, wovon bis jetzt rund 2,1 Millionen ausbezahlt wurden.

Warnung im Notfall

GouvAlert.lu: Luxemburg und die Alarmierungs-App für Notfälle

In diesem Zusammenhang sei an die mobile Alarm-App namens „GouvAlert.lu“ für Smartphones erinnert. Die App hat zwei Funktionen: Sie ermöglicht zunächst der Notrufzentrale 112 (CGDIS) die Weitergabe von Warnmeldungen bei schweren Zwischenfällen. Die Anwender können über die App zudem die Notfallnummer 112 direkt kontaktieren. Der so ausgelöste Anruf wird von der 112 automatisch geolokalisiert, so dass die Rettungsdienste den Standort des Anrufers ausfindig machen und so schnell und präzise wie möglich vor Ort sein und Hilfe leisten können.
Ferner ermöglicht die App dem Anwender, im Falle eines Notstands oder einer Krisensituation mit Auswirkungen auf die öffentliche Sicherheit mittels einer Meldung auf seinem Smartphone gewarnt zu werden. Diese App vervollständige die Alarmvorkehrungen der Krisenkommunikationsstelle und sei Bestandteil eines globalen Ansatzes, mit dem die Bevölkerung für Risiken und entsprechende Schutzmaßnahmen sensibilisiert werden soll, wie es von Regierungsseite bei der Vorstellung hieß. Mit dem Ziel der Prävention sind darüber hinaus, außer im Falle einer akuten Gefahrenlage, die verhaltensbezogenen Informationen sowie die verschiedenen Notfallpläne in der App einsehbar.
Push-Nachrichten für bestimmte Bereiche
Die App entspricht dem System Katwarn, das in Deutschland und Österreich genutzt wird, um vor Bränden, Unwettern und anderen Katastrophen zu warnen. Über Inhalt, Zeitpunkt und Umfang der Meldung entscheiden allein autorisierte Behörden und Sicherheitsorganisationen. So können einzelne Regionen oder auch einzelne Straßen über Push-Nachricht informiert werden. Es sei daher auch denkbar, dass auch im Vorfeld von drohenden Unwettern die Leute informieren werden. Ein Einsatz von SMS-Nachrichten zur Information auf alle Handys werde aber nur in ganz extremen Fällen - von nationaler Bedeutung - genutzt werden, diese erhalte man, ob man nun die App heruntergeladen hat oder nicht.<br/> Die App kann im PlayStore oder im AppleStore heruntergeladen werden