LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Über Trauen und Vertrauen

Vor kurzem hatte ich eine besondere Begegnung mit einem Menschen, der mir von der ersten Sekunde an das Gefühl gab, dass ich ihn schon ewig kennen würde. Seither beschäftigt mich die Frage, was diesen seltenen Eindruck auslöst und ausmacht.

Die vielen Aspekte von Vertrauen

Zunächst einmal hat dieses Gefühl, das lässt sich nicht leugnen, eine physische Komponente. Berührungen und Umarmungen spüren sich mit manchen Menschen fremd, mit manchen vertraut an. Doch das Phänomen darauf zu reduzieren, kann nicht angemessen sein. Es ließe sich der Begriff der Sympathie einführen, doch auch das scheint dem nicht gerecht zu werden. Das Gefühl, sich zu kennen, muss ein weitreichenderes sein.

So ist es eng verknüpft mit dem des Vertrauens, und dieses Vertrauen wiederum besteht aus zwei Komponenten. Die erste Komponente ist bloßes Gefühl und damit etwas, das sich nicht mit rationalen Argumenten erklären lässt. Bei manchen Mitmenschen fällt es uns leicht, uns fallen zu lassen und auf ihre Aufrichtigkeit und Loyalität zu vertrauen, ganz unabhängig davon, ob sie uns auf bestimmte Weise Anlass dazu geben, so zu empfinden. Ob es passiert, liegt weder in ihrer, noch in unserer Hand.

Bei der zweiten Komponente von Vertrauen ist das anders. Diese Art von Vertrauen muss erarbeitet werden und ist die Summe aller gemeinsamen und positiven Erfahrungen, auf denen ein zwischenmenschlicher Kontakt fußt und die dieses Vertrauen legitimieren.

Keine rosarote Brille

Vertrauen impliziert auch, sich etwas zu trauen, setzt voraus, dass wir uns öffnen. Denn Vertrauen lässt sich messen am Grad der Ehrlichkeit im Umgang miteinander. Wem wir vertrauen, vor dem trauen wir uns, wir selbst zu sein. Dem offenbaren wir ohne Scheu und Bedenken unsere Vorlieben, Wünsche, Ängste und Träume, unsere Stärken und Schwächen. Bei ihm befürchten wir nicht, dass wir ihn dazu veranlassen könnten, sich von uns abzuwenden.

Doch um diesen Punkt zu erreichen, kommt es nicht nur darauf an, mit welchen Augen wir jemanden betrachten und wie wir glauben, von ihm wahrgenommen zu werden. Um uns trauen zu können, vor jemandem wir selbst zu sein, müssen wir selbst zu uns stehen und uns so akzeptieren, wie wir sind. Hemmungen, sich zu öffnen, müssen nicht mit Unsicherheiten einhergehen, wie jemand anderes auf uns reagieren könnte. Sie können auch damit zusammenhängen, dass uns selbst manche Seiten an uns unangenehm sind.

Tiefe Beziehungen zu anderen sind also nur dann möglich, wenn wir uns mit dem auseinandergesetzt haben, das wir selbst an uns nicht mögen, und wenn uns bewusst wird, dass wir, wenn wir diese Schwachpunkte mit jemandem teilen, nicht erwarten dürfen, dass er sie auch liebt und uns dazu bringen kann, dass wir sie plötzlich und absurderweise als Stärken empfinden. Wenn wir wollen, dass jemand uns kennenlernt, dürfen wir ihm nicht gleichzeitig die rosarote Brille aufsetzen. Wir müssen sie ihm im Gegenteil abnehmen.

Einschätzung und Identifikation

Neben Vertrauen macht die Tatsache, jemanden einschätzen zu können, das Gefühl, sich zu kennen, im Wesentlichen aus. Und zwar in vielerlei Hinsicht. Meistens braucht es hierfür sehr viel Zeit. Manche Dinge können wir über jemanden nicht a priori wissen. Wir müssen zuvor viele Unterhaltungen mit ihm führen, Erlebnisse teilen und gemeinsame Erinnerungen schaffen. Erst dann lernen wir die Gewohnheiten, Haltungen und Reaktionen des Gegenübers einzuschätzen.

Doch auch, wenn es um gegenseitige Einschätzung geht, gibt es eine Komponente, die erarbeitet werden muss, und eine, die sich ohne unser Zutun einstellt. So können wir durchaus intuitiv Blicke lesen und aus dem Verhalten und der Mimik deuten, wie es jemandem ergeht und wie es in seinem Inneren aussieht. Gemeinsam verbrachte Zeit kann diese Fähigkeit stärken, sie ist aber kein zwingendes Kriterium.

Wie gut wir jemanden lesen und verstehen können, hängt wohl auch viel von der Menge an Gemeinsamkeiten ab. Je mehr wir uns mit einem Menschen, seinen Handlungen und Gedanken identifizieren, desto eher können wir seine künftigen Aktionen und Reaktionen voraussagen. Sind wir hingegen sehr unähnlich, fällt uns das potenziell schwerer. Solche verbindenden Ähnlichkeiten können auf ganz unterschiedlichen Dingen beruhen. Auch neigen sie dazu, eine Verbindung herzustellen, indem gleichzeitig andere aus dem Kreis ausgeschlossen werden. Menschen, die sich nahe stehen, entwickeln im Laufe der Zeit oft eine Reihe von Insiderwitzen, die nur sie verstehen. Sie benutzen ähnliche Wörter und Ausdrücke, haben ähnliche Assoziationen bei bestimmten Songs und teilen sich Trigger, die an eine gemeinsame Erfahrung erinnern.

Geborgenheit vor Mysterium

Letztlich können wir uns nie vollends sicher sein, jemanden wahrhaftig zu kennen. Fehleinschätzungen sind prinzipiell immer möglich und die Erfahrung, sich in jemandem getäuscht zu haben, gehört zu den schmerzlichsten überhaupt. Doch bei einigen Menschen sind wir uns sicher, dass wir unserem Bild von ihnen vertrauen können und stellen es unser ganzes Leben lang nicht in Zweifel. Das, und nur das, bildet das Fundament, um, ganz klischeehaft, behaupten zu können, uns bei jemandem „zuhause zu fühlen“.

Das wiederum ist vielmehr Wert als das romantisierte Mysteriöse, die Geheimnisse, die in Büchern und Filmen so häufig idealisiert werden. Jemanden nicht deuten und durchschauen zu können, ist nicht reizvoll. Es ist im Gegenteil frustrierend und auf Dauer verletzend.