NIC. DICKEN

Die Vorliebe unserer hellenischen EU-Partner für das Dramatische, das Tragische, das wir von der klassischen Antike her kennen und zum Teil auch immer noch schätzen, konnte offenbar bis ins 21. Jahrhundert herübergerettet werden. Wie sonst wäre es zu erklären, dass sich dieses Volk am südöstlichen Zipfel des europäischen Kontinents mit unverkennbaren Einflüssen aus dem orientalischen Kulturkreis, nach wie vor beharrlich darum bemüht, neues Unheil nicht nur zu akzeptieren und zu ertragen, sondern es sogar regelrecht zu provozieren und anzulocken, damit die offenbar leidenssüchtige Volksseele nach Belieben darin baden kann.

Es mag 1981 wie die Besinnung auf edle Werte und eine Rückkehr zu den Wurzeln empfunden worden sein, Griechenland als die Wiege der demokratischen Staatsform in die europäische Staatengemeinschaft aufzunehmen und das ausschließlich von mehr oder weniger rabiat geführten Diktaturen umgebene Land, das zuvor selbst jahrzehntelang unter einem undemokratischen Regime gelitten hatte, aus seiner geopolitischen Isolation heraus in einen demokratisch fundierten Völkerbund aufzunehmen.

Besonders die letzten Jahre haben gezeigt, dass sich im Empfinden und im Gebaren der eigentlichen Staatsführung in Griechenland über die letzten 35 Jahre hinweg kaum etwas geändert hat, dass der Verwaltungsapparat und seine Funktionsmechanismen nach wie vor sehr weit entfernt sind von den Standards, die in modernen, rationell geführten und vor allem um sozialen und fiskalischen Ausgleich bemühten Volkswirtschaften heute üblich sind. Wenn das hellenische Volk nach der radikalen politischen Kehrtwende, die am 25. Januar über die Wahlurnen vollzogen wurde, jetzt weiterhin um neue und umfangreiche Hilfen bettelt, für die große und kleine Steuerzahler in den Partnerstaaten Rückendeckung liefern sollen, dann sei doch zunächst einmal die Frage gestattet, was denn im Lande selbst in den letzten sechs Jahren unternommen wurde, um beispielsweise die Steuermoral, zumindest aber die Möglichkeiten der Eintreibung von geschuldeten Steuerbeträgen, zu verbessern.

Damit hätten zumindest neue Voraussetzungen geschaffen werden können, auf Dauer die Ertragslage des Staates zu festigen und damit gewisse Garantien für alte Gläubiger und neue Geldgeber zu liefern..

Stattdessen grassieren weiterhin Kumpanei, Günstlingswirtschaft und Bestechung, an deren Beseitigung sich wohl auch das neue Gespann Tsirpas/Varoufakis die Zähne ausbeißen dürfte, weil Steuerhinterziehung, Steuerbegünstigung etwa von milliardenschweren Reedern, sowie eine allgemein schludrige Behandlung von Steuerdossiers in Griechenland seit Jahrzehnten Methode haben und eine echte Besserung weder von der EU-Kommission noch von der Euro-Gruppe bislang ernsthaft und nachdrücklich angemahnt wurde.

Es kann doch nicht damit getan sein, andere funktionierende europäische Steuerverwaltungen das ausgleichen zu lassen, was man im eigenen Land nicht erreichen wollte und damit auch nicht konnte.