LUXEMBURG
PASCAL STEINWACHS

Sieben Fragen an Claude Wiseler, geschäftsführender Fraktionschef der CSV

Für unsere diesjährige Sommerserie ließen wir einer Reihe von Politikern drei seriöse und vier lockere Fragen per Email zukommen. Befragt wurden neben den neuen Abgeordneten auch die Fraktionsvorsitzenden bzw. Gruppenanführer der im Parlament vertretenen Parteien sowie die Parteipräsidenten resp. Parteisprecher. Als neue Abgeordnete zählen auch diejenigen Politiker, die vielleicht schon einmal in einer Regierung, aber noch nie in der Abgeordnetenkammer saßen.

Als langjähriger Minister und Majoritätspolitiker muss sich Claude Wiseler, der geschäftsführende Fraktionschef der CSV (die Fraktion wird offiziell immer noch von Jean-Claude Juncker geführt), erst einmal an seine Rolle als Oppositionschef gewöhnen.

Wie haben Sie die ersten sieben Monate in Ihrer neuen Funktion erlebt?

Claude Wiseler Ich war schon in der Legislaturperiode 99-04 Abgeordneter, zu der Zeit einer der jüngsten. So wie damals liebe ich auch heute noch diesen Job, weil er die Möglichkeit bietet, ein sehr breites Themenfeld anzugehen und über sämtliche zentrale Probleme des heutigen Politikgeschehens nachzudenken, seine Meinung zu formulieren und sie nach außen hin zu verteidigen. Das war als Minister anders. Ich hatte zwar wohl wesentlich mehr direkte Gestaltungsmöglichkeiten, doch die waren, in meinem Fall, hauptsächlich auf technische Dossiers limitiert. Dies ist also eine neue Herausforderung - und da ich immer versuche positiv zu reagieren, nehme ich sie also mit Freude an. Hinzufügen möchte ich, dass ich die Rolle als Oppositionsabgeordneter als vollkommen unterschiedlich von der als Majoritätsabgeordneter empfinde. In der Opposition ist man frei von notwendigen Koalitionskompromissen und kann ohne den Druck des umzusetzenden Koalitionsprogrammes über Alternativen und Visionen nachdenken. Es gibt also schon positive Seiten an der Opposition, doch Zielsetzung ist, wen wundert es, mit Alternativen zu überzeugen und somit den Weg in die Majorität wieder zu finden.

Was war in Ihren Augen das wichtigste politische Dossier in der zurückliegenden Kammersession?

Wiseler Es gab in meinen Augen drei wichtige Dossiers in der zurückliegenden Kammersession: Die Haushaltsvorlage 2014, die Neuregelung der Ehe mit Homo-ehe und der Adoptionsmöglichkeit für gleichgeschlechtliche Paare sowie die Trambahn. Der Haushalt 2014 war für mich eine Enttäuschung, da viel versprochen und wenig gehalten wurde. Die Neuregelung der Ehe war gesellschaftspolitisch ein wichtiges Projekt, das schon von der vorigen Regierung in die legislative Prozedur geschickt wurde. Es wird heute als Beispiel der neuen Gambia-Politik verkauft, ist aber von CSV- Seite initiiert und bis zum Schluss mitgetragen worden. Entgegen dem, was in anderen Ländern geschehen ist, hat die Luxemburger Politik es geschafft, diese wesentliche Reform mit der notwendigen Würde und großer Majorität im Parlament zu beschließen.

Und schlussendlich die Trambahn! Nach so vielen Jahren. Als Transportminister war ich von diesem Projekt - im Rahmen eines globalen Mobilitätsprogrammes - überzeugt und habe viel Zeit darin investiert, zu erklären und zu überzeugen. Ich habe mit Freude mit „Ja“ gestimmt.

Welches sind für Sie die Prioritäten für die Rentrée?

Wiseler Die Haushaltsvorlage 2015. Es wurde eine kopernikanische Revolution versprochen, ein Haushalt 2.0. 200 Millionen strukturelle Einsparungen. Nun ja, ich bin gespannt. Natürlich ebenfalls die Gesetzgebung über die Organisation von Referenden und die hiermit verbundene wichtige Frage über die politische Beteiligung von Nicht-Luxemburgern an nationalen Wahlen. Ich hoffe, dass diese notwendige Diskussion nicht für populistische Zwecke entfremdet wird. Und schlussendlich die anstehende Verfassungsreform. Luxemburg braucht eine neue Verfassung und die Diskussionen im Institutionsausschuss der Abgeordnetenkammer sind nicht weit von einem Abschluss entfernt.

Wohin fahren Sie in den Urlaub und warum?

Wiseler Wie öfters nach Portugal, nicht weit von Lissabon entfernt. Wegen der Sonne, der Ruhe, den Stränden, der Familie meiner Frau, die aus Lissabon stammt, unseren erwachsenen Kindern, die von weitem kommen, um zusammen mit uns die Ferien zu verbringen, den vielen Freunden, die einige Tage vorbeikommen, dem Fado und den langen, warmen Abenden mit südländischer Küche.

Was haben Sie sich in sportlicher Hinsicht für den Urlaub vorgenommen?

Wiseler Jeden Tag joggen, 10 km in einer Stunde, und mich dabei nicht von den Kindern auf eine vernichtende Art und Weise abhängen lassen. Viel schwimmen, weil es sonst einfach zu heiß in Portugal ist, und mit dem Motorrad auf den schmalen Straßen des portugiesischen Hinterlandes die wunderschönen Landschaften genießen. Vielleicht ebenfalls surfen, aber nur wenn keiner zuschaut.

Welche Bücher planen Sie im Urlaub zu lesen?

Wiseler Eine ganze Menge. Auch Politik mit Hillary Clintons neuem Buch „Hard Choices“. Aber hauptsächlich zeitgenössische französische Literatur, der ich seit meinem Literaturstudium vor 30 Jahren treu geblieben bin. Yann Queffélec neues Buch „Désirable“, Jean-Christophe Ruffins „Le Collier Rouge“, oder Philippe Le Guillous „Les années insulaires“ stehen auf dem Programm. Dann steht für den August noch deutsche oder internationale Literatur auf der Liste. Z.B.: Uwe Kolbe: „Die Lüge“, Paulo Coelho: „Adultère“ oder auch Ian McEwan: „Sweet Tooth“. Und dann werden wir sehen, wie viel Zeit noch bleibt.

Welche Musik hören Sie am liebsten?

Wiseler Von Klassik bis HipHop bin ich für jede Musik zu haben. Ferien ohne Fado in Portugal sind undenkbar, Serge Tonnar mit Legotrip in Belval ein Mordsspaß, Pianosonaten von Beethoven oder Mozart in der Philharmonie ein Genuss und am allerliebsten höre ich die Rolling Stones, und das seit 40 Jahren, auch wenn sie heute schon 70 sind.