LUXEMBURG
JAN SÖFJER

Das „Outdoor Journal“ und outdoorvoyage.com wollen von Luxemburg aus Europa erobern

Alexander Lindsay war schon ziemlich abgehärtet, als er auf das Wikingerschiff stieg und auf das offene Meer hinausfuhr. In den 80ern gab ihm die BBC 3.000 Pfund, ein Flugticket nach Afghanistan und eine Super 8-Kamera. Auftrag: Kampfszenen zwischen den Mudschaheddin und der russischen Armee zu liefern. Zuvor hatte er ein halbes Jahr mit den Massai in Tansania gelebt, nachdem ihn ein Touristenjob nach seinem Studienabbruch dorthin geführt hatte. Und dann fand er sich 1992 plötzlich auf dem Wikingerschiffsnachbau von keltischen Freunden wieder. 1.500 Meilen über den Atlantik bis zu den Färöer-Inseln und zurück. Fünf Wochen auf See ohne wirkliche Kajüte. Ohne jemals auf einem Segelschiff mitgefahren zu sein.

Heute bereist Alexander Lindsay abgelegene Orte, um Großformatfotos zu schießen. Foto: Alexander Lindsay - Lëtzebuerger Journal
Heute bereist Alexander Lindsay abgelegene Orte, um Großformatfotos zu schießen. Foto: Alexander Lindsay

„Die Wellen waren so groß, man sah sie fünf Meilen entfernt. Das hat mir mehr Angst gemacht als alles zuvor.“ Aber das weckte sein Interesse an Ozean-Expeditionen. Mitte der 90er nahm Lindsay dann als Chef-Fotograf an Expeditionen zum Wrack der Titanic teil. Bis heute möchte er wieder runter und das Wrack angemessen fotografieren, wie er am Mittwochabend den rund 200 Zuhörern in den Räumen von „Arendt & Medernach“ bei der Veranstaltung „Adventure Stories“ erzählte. Ausgerichtet wurde das Ganze von „The Outdoor Journal“ - einem Magazin mit Geschichten von Abenteurern und Reisenden aus aller Welt, das in rund einem halben Jahr auch in Europa erhältlich sein wird. Nach dem Start des Magazins in Indien 2013 und in den USA in 2015 soll es dieses Jahr in Europa erscheinen - mit Basis im Luxemburger „Technoport“ in Esch/Alzette.

Verlorene Natur der Kindheit

Gegründet wurde „ The Outdoor Journal“ von Apoorva Prasad (Chefredakteur) und Lorenzo Fornari (Chief Operating Officer). Mittlerweile zählt die Stammbelegschaft knapp 20 Leute aus aller Welt, alle Ende 20, Mitte 30 und verteilt auf die USA, Indien und Europa. Es ist allerdings kein gewöhnliches Heft, das die Runde publiziert. Und das Heft ist nur ein Teil des Konzepts.

Die „Outdoor Journal“-Mitglieder Nuno Rocha (CMO), Apoorva Prasad (Gründer und CEO), Rodrigo Rodrigues (CTO), Lorenzo Fornari (Co-Gründer und COO) und Trivik Verma (CSO). Foto: The Outdoor Journal - Lëtzebuerger Journal
Die „Outdoor Journal“-Mitglieder Nuno Rocha (CMO), Apoorva Prasad (Gründer und CEO), Rodrigo Rodrigues (CTO), Lorenzo Fornari (Co-Gründer und COO) und Trivik Verma (CSO). Foto: The Outdoor Journal

Die Chefs leben seit einem Dreivierteljahr in Luxemburg. Prasad entschied sich für den Standort wegen des „multilingualen, multikulturellen Umfelds zum Netzwerken“ und der „guten Unterstützung durch die Regierung und Arendt & Medernach“.

Prasad (36) wuchs in Indien auf. Mit 18 ging er zum Wirtschaftsstudium in die USA und kehrte danach nach Indien zurück, um bei der frisch auf den Markt gebrachten Landesausgabe von „Maxim“ anzuheuern. Als Kind hatte sich Prasad viel in der Natur vor den Toren Neu Delhis herumgetrieben. „Als ich Neu Delhi verließ, begannen sie einen Vorort zu bauen. Als ich wiederkam waren die Felder, Seen und Felsen unter Asphalt und Baustaub verschwunden.“ Die verlorene Natur seiner Kindheit ist das, was Apoorva Prasad heute antreibt. Er möchte, dass die Menschen die Natur erleben und verstehen, wie schützenswert sie ist.

Unsere Atemluft

Als Kind hatte Pierre-Yves Cousteau noch Angst vor dem Wasser. Foto: Giampaolo Vimercati - Lëtzebuerger Journal
Als Kind hatte Pierre-Yves Cousteau noch Angst vor dem Wasser. Foto: Giampaolo Vimercati

Darüber sprach am Mittwochabend auch Pierre-Yves Cousteau (34), jüngster Sohn des 1997 verstorbenen Meeresforschers Jacques-Yves Cousteau. Auch Pierre-Yves strebt danach, den Ozean zu studieren und zu schützen. „Jeder zweite Atemzug, den wir machen, wurde von den Meeren produziert“, veranschaulicht Cousteau. Wie viel die Meere leisten, zeigt die Tatsache, dass 90 Prozent der globalen Erwärmung von den Ozeanen absorbiert worden ist. Doch das bringt diese selbst in Gefahr. Vor Australien ist deswegen beispielsweise ein großer Teil des „Great Barrier Reef“ abgestorben. „Die Meere haben sich in der Erdgeschichte immer wieder stark erwärmt, aber nie in so einer kurzen Zeit“, sagt Cousteau. Die Folge ist Stress für das maritime Leben. Gefährlich, wenn etwa eine Milliarde Menschen vom Fischfang abhängig sind. Und die Bestände sind bereits dramatisch überfischt. „Bis 2030 sollen 30 Prozent der Meere geschützt werden, bislang sind es nicht einmal fünf Prozent.“ Cousteau sagt: „Wir müssen nicht mehr Dinge kaufen, sondern mehr in der Natur erleben.“ Die gleichen Worte, wie sie Prasad benutzt.

Das englischsprachige Magazin hat eine Auflage von 40.000 bis 50.000. - Lëtzebuerger Journal
Das englischsprachige Magazin hat eine Auflage von 40.000 bis 50.000.

Nachdem dieser drei Jahre als Journalist bei France24.com gearbeitet hat, gründete er mit dem Italiener Lorenzo Fornari „The Outdoor Journal“. 40.000 bis 50.000 Exemplare verkaufen sie mittlerweile von dem englischsprachigen Heft. Freunde, Familie und Erspartes ebneten finanziell den Start. Dass sich das Heft, das kaum auf Werbung setzt, trägt, liegt allerdings auch daran, dass die Beiträge nicht oder kaum von freien Journalisten kommen, sondern Abenteurer, Reisende und Sportler Berichte selbst gratis liefern und sich über die Plattform freuen. Das zweite Standbein wird in ein paar Monaten die Website www.outdoorvoyage.com sein, eine Plattform für den Austausch von Naturreisenden, aber auch für Anbieter von Abenteuerreisen und Sporttrips in der Natur. Bei Buchungen erhält Prasads Team eine Provision.

Tony Philp beherrscht nicht nur das Windsurfen. Foto: Miguel Sacramento - Lëtzebuerger Journal
Tony Philp beherrscht nicht nur das Windsurfen. Foto: Miguel Sacramento

Möglicherweise ist der olympische Segler und vierfache Windsurfweltmeister Tony Philp (47) einer der künftigen Anbieter. Nach dem Ende seiner Profisportlerkarriere fiel er aus dem „privilegierten Leben in seiner Blase voller Sonne und Meer“ heraus und musste überlegen, was er mit seinem Leben anfangen möchte. Heute entwirft er schwimmende Event-Plattformen mit Bars und Sonnenliegen (siehe Foto oben). Die erste entstand in seiner Heimat Fidschi. Aktuell plant er eine vielfach größere Plattform an der Küste von Cannes, Südfrankreich. Die Plattform wird nachhaltig sowie autark sein und über regenerative Energie versorgt.

Pierre-Yves Cousteau hätte sich als Kind vermutlich nicht auf so eine künstliche Insel getraut. „Ich hatte Angst vor dem Wasser, Angst, wenn ich nicht mehr stehen konnte“, gesteht er am Mittwochabend. „Uncool, wenn man Cousteau heißt.“ Eines Tages, als er sieben Jahre alt war, sprang er einfach ins kalte Wasser - und die Angst war weg. Geblieben ist die Faszination.