SVEN WOHL

Mit fast ungebremster Leidenschaft denke ich aktuell über Bücher nach. Naja, hauptsächlich denke ich eher über den Büchermarkt nach. Das klingt komplexer, wenn auch unliterarischer. Diese Beschäftigung stammt nicht aus einer Liebe zum Buch, die bei mir zweifellos vorhanden ist, sondern aus der Verzweiflung, die bei mir in Anbetracht der Diskussionen hochkommt. Das liegt auch an der allgegenwärtigen Verteuflung von Amazon.

Denn das böse Amazon hat einen neuen bösen Plan, um die Weltherrschaft (oder so) an sich zu reißen: Eine Flatrate für eBooks. Quasi ein Netflix für Bücher, das bereits jetzt für zahlreiche Alpträume bei den Buchhändlern sorgt.

Die Erkenntnis, dass der Ursprung der Alpträume im eigenen Verschlafen der digitalen Wende zu finden ist, scheint sich noch nicht allzu vielen offenbart zu haben. Die Tatsache, dass es nicht reicht, Bücher zu digitalisieren und verfügbar zu machen, ist genauso wenig in der Gedankenwelt des Buchhandels angekommen. Dabei wäre eine effiziente digitale Strategie mit einem höheren Absatz von gedruckten Büchern durchaus vereinbar.

Der amerikanische Comicmarkt macht da einige interessante Dinge vor. Dieser hat relativ früh auf das digitale Pferd gesetzt und auch dort hat man erkannt: Comics bloß zu digitalisieren, reicht nicht. Man muss sie auch den Plattformen und Lesegewohnheiten der jeweiligen Zielgruppe anpassen. Also wurden Leseoptionen eingeführt, die automatisch durch Panels führen und so es auf Smartphones und Tablet möglich machten, Comics schnell und bequem zu lesen. Andere Faktoren spielen ebenfalls eine Rolle: Comicverfilmungen bringen neue Leser, und Relaunches sorgten ebenfalls für steigende Absätze. Auch der leichte Zugriff auf alte Hefte machte den Einstieg für Neulinge einfacher. Der Clou: Während digitale Verkaufszahlen steigen, tun es die Zahlen bei den gedruckten Comics ebenfalls - Guten Inhalten sei dank! Und anstatt auf eine Flatrate eines Drittherstellers zu warten, geht Comic-Gigant Marvel hin, und schafft mit „Marvel Unlimited“ einfach selbst eine - und bestimmt die Konditionen damit selbst.

Noch eine Idee: Sascha Lobo versucht nun mit Sobooks, Social Media mit digitalen Büchern zu kombinieren.

Das Konzept ist an und für sich simpel: Da Smartphones und Tablets als Lesegeräte immer stärker genutzt werden und Social Reading gerade im Trend ist, soll beides gleich auf einen Schlag verbunden werden. Ob die Rechnung aufgeht, ist eine ganz andere Frage.

Es reicht aber nicht, nur etwas am Verhältnis zum Kunden zu ändern. Auch die inhaltliche Qualität des Angebotes muss steigen. Denn viel zu oft, und das ist auch in Luxemburg der Fall, schleudern Verlage junge Autoren auf den Markt, ohne sie zu pflegen. Die Spiegel-Kommentatorin Sybille Berg lag da meiner Ansicht nach richtig: Junge Schriftsteller schnell auf den Markt zu bringen, mag kurzzeitig Erfolg bringen, ist langfristig betrachtet jedoch ein Schuss nach hinten. Man sollte da nicht so naiv sein und glauben, dass Leser keine minderwertige Qualität erkennen. Dass Verlage zusätzlich mit einem Mangel an Pflege angesichts der zahlreichen Self-Publishing-Angeboten junge Autoren eher abschrecken, sollte einen weiteren Nagel im Sarg darstellen.