LUXEMBURG
NORA SCHLEICH

Kant über Preisgestaltung

Dass Amazon sich mit Werten wie Gerechtigkeit und Gleichberechtigung, sowie mit Ethik und sozialen Idealen eher weniger identifizieren kann, dürfte wohl nur noch die Wenigsten unter uns erstaunen. Natürlich haben wir es hier vorwiegend mit einem Internetriesen zu tun, einer milliardenschweren Firma, die ihren Gewinn nicht dadurch sichert, dass sie ihren Kunden in aller Transparenz und sittlicher Konformität entgegentritt. Amazon – und natürlich noch etliche weitere Internetplattformen – verfolgen jedoch eine Preispolitik, die ohne Weiteres faktisch als amoralisch bezeichnet werden kann. Sie haben vielleicht schon davon gehört, je nach Kundenprofil, Suchverhalten oder Tages- und Jahreszeit steigen oder fallen die angegebenen Preise zu den Produkten, die Sie sich ansehen. Sind Sie ein potenzieller Kunde für Schmuck und Uhren – der Algorithmus, nach dem die Preisgestaltung funktioniert, erkennt dies anhand ihrer vergangener Klicks und Einkäufe – ist es wesentlich plausibler, dass Sie dem Reiz, das nächste Armband für ihre Sammlung zu kaufen, eher erliegen werden als jemand, der sich vorab mit DVDs über Dinosaurier oder Gartenmöbeln beschäftigt hat. Bestimmt wird das Armband auch noch in den Warenkorb befördert, wenn es ein paar Dollar mehr kostet, schließlich erkennen Sie als Schmuckliebhaber ja ohnehin den Wert des Produkts, nicht wahr? Loggen Sie sich nun mit einem anderen Konto ein, lässt sich oft ein deutlicher Preisunterschied feststellen. Ähnlich verhält es sich, wenn Sie sich ein Objekt etliche Male ansehen. So kann es passieren, dass dies das Preisgebot in die Höhe treibt. Wird so eine unterbewusste Angst losgelöst, durch die Sie sich dann doch lieber schnell zum Kauf entscheiden, bevor es ständig noch teurer wird?

Ist es vertretbar, dass den Kunden verschiedene Preise angeboten werden? Dass das Verlangen nach maximalem Gewinn das Recht auf Gleichbehandlung übertrumpft?

Dieser Umstand beschäftigt mich schon recht lange und lässt mich immer an ein Beispiel meines Lieblingsphilosophen Immanuel Kants (1724–1804) denken. In der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (1785) beschäftigt sich Kant mit den Fragen nach einer moralischen Handlung. Eine solche, so lautet die These, ist nur wahrhaft moralisch, wenn sie aus dem Innersten heraus nur um des moralischen Gesetzes willen getätigt wird. Das moralische Gesetz beschreibt bei Kant das allgemeingültige und objektive Prinzip, nach dem sich der Wille des Menschen frei bestimmbar zeigt. Eine Handlung, die ohne persönliche Interessen oder triebhafte Befriedigungen ausgeführt wird, kann nur eines zum Zwecke haben: das Gute für jeden Weltbürger wollen. Aus diesem Prinzip erfolgt auch Kants Kategorischer Imperativ. Etwas vereinfacht gesagt: Entscheide dich nur für diejenigen Handlungen, von denen du wollen kannst, dass sie als Gesetz für jeden gelten würden; also dass jeder so handeln würde.

In der Grundlegung führt Kant dies natürlich in gewohnt detaillierter Manier aus und gibt auch einige Beispiele, nach denen das eben Erläuterte verständlich werden soll. Kant unterscheidet zudem zwischen Handlungen, die der Pflicht, dem moralischen Gesetz entsprechend zu handeln, zuwider sind, wie etwa aus Gründen der persönlichen Gewinnmaximierung Preisgestaltungen zu manipulieren und Handlungen, die pflichtgemäß sind. Letztere können aus Pflicht erfolgen und sind somit moralischer Natur, oder nur pflichtgemäß und sehen bloß so aus als würden sie der moralischen Pflicht entsprechen, sind aber an sich aus anderen Motiven erfolgend – und somit nicht moralisch einwandfrei. Das Beispiel des Kaufmanns gibt hierüber Aufschluss.

Der Kaufmann bietet einen für die Allgemeinheit einheitlichen Preis an, sogar da, wo er sich über viel Kundschaft freuen kann, „so daß ein Kind ebenso gut bei ihm kauft als jeder andere“. Die Kunden werden zwar ehrlich bedient, aber zu seinem eigenen Vorteil und aus genuiner Achtung der Moral. Je mehr Leute sich durch die Preise angesprochen fühlen, desto mehr Ware wird verkauft. Moralisch einwandfrei ist dies nicht, denn es geht vorwiegend um das eigene Geschäft. Dass es im Gewerbe nun mal so läuft, ist klar. Wir untersuchen hier bloß moralische Formen, keine marktwirtschaftlichen Gesetze. Szenario 2: Der Kaufmann bietet jedem den gleichen Preis an, aus Angst davor, dass seine unlautere Preispolitik aufflöge, er als unseriöser Geschäftsmann dastehen würde und ihm somit die Kunden abhandenkämen. Hier ist erneut das persönliche Interesse überwiegend, um Gerechtigkeit geht es nicht an erster Stelle. Es ist aber genau diese primäre Gesinnung, die laut Kant ausschlaggebend für den moralischen Wert einer Handlung ist. Denn auch derjenige, der nur moralisch handelt, um sich selbst auf die Schulter klopfen zu können und sich gut zu fühlen, weil er sich als gerechter Mensch sieht, ist nicht per se moralisch unterwegs – die pflichtgemäße Handlung ist hier wiederum nur Mittel zum Zweck und nicht Endzweck an sich selbst. Das Gute um des Guten willen, mehr kann ein freier Wille nicht wollen.

Moral und Amazon in Verbindung bringen zu wollen, ist von mehr als bloß einem gedanklichen Gegensatz begleitet zu sein, wie er hier präsentiert wurde. Aber dennoch schadet es mitunter nicht, gewisse Politiken großer Konzerne dennoch einmal genauer zu beobachten. Alles muss man sich nämlich dann doch nicht gefallen lassen.