LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Eine kleine philosophische Betrachtung des Phänomens „Beziehungsstatus“

Wenn es um Beziehungen geht, verstehe ich meine eigene Generation manchmal nicht. Mir erschließen sich vor allem die diesbezüglichen Konventionen nicht. Man sollte dem anderen zeigen, dass man ihn mag, aber auf keinen Fall zu sehr, man sollte mit dem ersten Kuss warten, aber auch nicht zu lang - und wenn man zu früh miteinander schläft, schließt das eine Beziehung aus. Und doch „kauft“ niemand gern „die Katze im Sack“. Wer also das goldene Maß der Dinge erraten möchte, der verschafft sich besser eine Art sechsten Sinn.

Verwirrung statt rosaroter Brille

Vor einigen Wochen besuchte ich aus reiner Neugierde eine Singleparty. Am Eingang erhielt man wahlweise ein rotes, ein grünes oder ein blaues Armband: Rot stand für „Single“, Blau für „vergeben“ und Grün für den mittlerweile so beliebten Status „Es ist kompliziert“. Ich konnte mir nicht so recht erklären, was denn daran kompliziert sein sollte; entweder man war in einer Beziehung oder man war es nicht, aber so leicht scheint es dann doch nicht mehr zu sein. Viele können sich wohl mit dem Phänomen „Mingle“ identifizieren, das sich aus den Worten „Single“ und „mix“ zusammensetzt. Im Grunde beschreibt dieses nichts anderes als das Unvermögen, den eigenen Beziehungsstatus zu definieren.

Eine Freundin von mir konnte sich gar nicht erst entscheiden - selbst das grüne Armband hätte nicht ausgereicht, um auszudrücken, wie kompliziert ihre Lage gerade war!

Auch mit den Bezeichnungen ist es komplizierter geworden. Unsere Eltern und Großeltern kennen wohl nur die Beziehung, die Ehe und möglicherweise noch die Affäre, was es heißt „friends with benefits“ oder aber „fuckbuddys“ zu sein - letzteres ist hoffentlich schöner als dessen saloppe Bezeichnung- , das wissen sie wohl kaum, denn das sind kreative Erfindungen der jüngeren Generation, die teils in Anlehnung an Filme entstanden sind und einen Weg darstellen können, von den Vorteilen einer Beziehung zu profitieren, ohne Kompromisse und Verpflichtungen eingehen zu müssen, was immerhin so lange vertretbar ist, wie sich beide Seiten darüber einig sind.

Wirtschaftlich denkendes Vernunftwesen

Ein Freund von mir bemerkte übrigens, dass man auf den Tischen keine Pokale mit Kondomen aufgestellt hatte, denn offenbar, so klärte man mich auf, entpuppten sich Singlepartys oft eher als etwas ganz anderes…

In dem Fall allerdings hatten die Veranstalter sich etwas überlegt, damit sich doch noch vielleicht einige Pärchen finden würden: Am Eingang hatte jeder männliche Besuch gegen ein Entgelt von fünf Euro eine Rose erhalten, die Damen einen Getränkegutscheine, und nur wenn man beides zusammen einlöste, erhielt man zwei Getränke, für die man ja indirekt bereits gezahlt hatte.

Das Ganze verlief dann etwas weniger romantisch als gedacht, denn völlig rational wollte man vermeiden, das Geld umsonst ausgegeben zu haben. Wenn man nämlich einmal angesprochen wurde, dann mit der Frage: „Hast Du Deinen Gutschein noch?“ - ohne Begrüßung und ohne, dass man sich dabei mit seinem Namen vorstellte. Es war der liebe Durst und die Angst, ein paar Euro in den Sand gesetzt zu haben, der die Besucher dazu brachte, andere anzusprechen, nicht der Wunsch, jemanden kennenzulernen.

Was mir ferner auffiel: Die meisten Singles saßen entweder in einer Ecke und starrten mit leerem Blick vor sich hin oder beschäftigten sich mit ihren Smartphones.

Ein Hoch auf die Unabhängigkeit

Am Ende des Abends wurde mir bewusst, dass es nicht leichter geworden ist, jemanden kennenzulernen, sondern schwerer.

Die moderne Technik siegt über die geographische Distanz, dass sie dabei aber eine menschliche Distanz geschaffen hatte, ist kein bloßes Klischee. Man lernt im Internet oder in den sozialen Netzwerken nur sehr selten jemanden kennen, im Bus oder auf der Uni oder sonst irgendwo jemanden anzusprechen kommt nicht immer gut an, weil Menschen Angst haben, was Fremde darüber denken könnten, wenn man sich mit Fremden unterhält - so paradox das auch klingen mag - und Verpflichtungen und Kompromisse eingehen will man sowieso schon gar nicht mehr, solange man noch nicht arbeitet; vorher muss man seine Freiheiten genießen- um jeden Preis.