BETTEMBURG
GUSTY GRAAS

Vor 385 Jahren bekam der Dreißigjährige Krieg (1618-1648) neue Ausmaße

Viele internationale Konflikte und regelmäßige terroristische Anschläge mit zahlreichen Toten verleiten zu einem kollektiven Gefühl der Unsicherheit und können als Ausdruck eines aufflammenden Hasses gewertet werden. Unabhängig von der aktuellen Corona-Krise sehen nicht wenige einen Wendepunkt in der Menschheitsgeschichte, weil ein solidarisches und humanes Zusammenleben immer schwieriger erscheint. Doch ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt, dass, sich insbesondere in unseren Regionen, zivilisiertes Denken und Handeln im Laufe der Jahrhunderte bedeutend entwickelt haben, auch wenn die Gesellschaft noch immer mit enormen sozialen Herausforderungen zu kämpfen hat.

Prager Fenstersturz entzündet Konflikt

Als abschreckendes historisches Beispiel von Mord und Totschlag gilt der Dreißigjährige Krieg, der an Barbarei selbst für damalige Zeiten kaum zu überbieten war.

Vorläufer waren die 1517 in Wittenberg von Martin Luther veröffentlichten Thesen, die 100 Jahre später erneut für größere Spannungen sorgten und die sich bereits nach 1600 in Deutschland anbahnten. Vor allem im Königtum Böhmen, damals ein Land des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, entstand ein regelrechtes Pulverfass. Es war der berühmte Prager Fenstersturz vom 23. Mai 1618, der neue blutige Auseinandersetzungen zwischen Katholiken und Protestanten auslöste und zum Dreißigjährigen Krieg führte.

Trotz aller Warnungen vor einem Konflikt mit den Habsburgern wurde am 19. August 1619 der ungeliebte König Ferdinand in Böhmen abgesetzt und durch einen Protestanten, den 23-jährigen Pfälzer Kurfürsten Friedrich, ersetzt. Der geschasste König errang jedoch die Kaiserkrone! Unter seinem Impuls bildete sich eine von Bayern unterstützte Liga, um einen Krieg gegen Böhmen und die Pfalz vorzubereiten. Im Sommer 1620 kam es schließlich zu einer ersten Auseinandersetzung. Unter den 28.000 Soldaten der kaiserlich-katholischen Armee, die gegen Prag marschierte, befand sich übrigens ein gewisser René Descartes. Kurfürst Friedrich ergab sich kampflos und floh in die Niederlande. Da ihm nur eine kurze Regentschaft gegönnt war, ging er unter dem Spottnamen „Winterkönig“ in die Geschichte ein. Böhmen wurde alsdann vom Protestantismus gesäubert.

Wenn auch 1624 der erste Teil des Dreißigjährigen Krieges beendet war, so verspürte Kaiser Ferdinand den Drang das kriegerische Treiben fortzusetzen. Er nahm das Angebot eines böhmischen Adligen an, ein Heer von 24.000 Mann unter Albrecht von Wallenstein aufzustellen. Eine Privatisierung des Krieges hatte eingesetzt!

Ende 1625 betrat dann der protestantische König Christian IV. von Dänemark die deutsche Kriegsbühne. 1626 erlitten die Protestanten eine Reihe von Niederlagen, die 1629 in Friedensverhandlungen mündeten. Der zweite Akt des Dreißigjährigen Krieges war somit beendet. Kaiser Ferdinand goss aber mit seinem Restitutionsedikt vom 6. März 1629 erneut Öl ins Feuer. Katholische Kirchengüter, die nach 1552 in protestantische Hände gefallen waren, sollten gemäß dieser Verordnung der katholischen Kirche wieder zurückerstattet werden.

Kriegsgelüste in Schweden

Einen neuen Höhepunkt mit verheerenden Folgen für Deutschland erreichte der Krieg 1630 mit dem Eingreifen des 35-jährigen schwedischen Königs Gustav II. Adolf. Unterstützt wurde er durch den Vertrag von Bärwalde, demzufolge das katholische Frankreich versprach, Schweden jährlich 400.000 Taler zu gewähren. Dies führte zu einer erfolgreichen Verteidigung des deutschen Protestantismus. In Frankreich hingegen ging Kardinal Richelieu, Erster Minister unter König Ludwig XIII., hart gegen die Protestanten vor.

Stellvertretend für die Barbarei dieses Krieges sei die „Magdeburger Hochzeit“ erwähnt, wie die Eroberung der protestantischen Stadt im Mai 1631 durch katholische Truppen genannt wurde und die das Klima zwischen Protestanten und Katholiken nachhaltig vergiftete. Von den 30.000 Bewohnern kamen etwa 20.000 um.

Gustav II. Adolf unterwarf viele deutsche Fürstentümer und ritt am 17. Mai 1632 triumphal in München ein. Gegenwehr leistete Feldherr Albrecht von Wallenstein, dem es mit einem neuen riesigen Heer gelang, die Sachsen aus Prag zu vertreiben. Während in der berühmten Schlacht bei Lützen im November 1632 Gustav II. Adolf sein Leben verlor, fiel Wallenstein, dessen Verhältnis zu Kaiser Ferdinand sich stetig verschlechterte, am 25. Februar 1634 einem von kaiserlichen Soldaten inszenierten Mordanschlag zum Opfer. Die Figur Wallenstein lieferte übrigens ausreichend Stoff für die Literatur. Hohen Bekanntheitsgrad hat vor allem Schillers Dramentrilogie „Wallenstein“ aus dem Jahre 1799 erreicht.

Frankreich betritt die Kriegsbühne

In der Zwischenzeit begab sich die spanische Armee in die Niederlande, wo sie in einen langen Krieg verwickelt wurde. Der sogenannte Schwedisch-Französische Konflikt bildete den vierten und letzten Akt des Dreißigjährigen Krieges. Hoffnungen auf ein baldiges Ende der Auseinandersetzungen zwischen den deutschen Katholiken und Protestanten hatte der Prager Frieden vom 30. Mai 1635 geweckt, doch sollte die Kriegserklärung Frankreichs an Spanien diese Erwartungen zunichtemachen. Der Krieg der Religionen wandelte sich nun in einen Krieg der Nationen. Auch das damalige Herzogtum Luxemburg litt unter den fürchterlichen Konsequenzen des Dreißigjährigen Krieges. Hunger und Pest nagten an der Substanz der Einwohner.

1639 griffen die Franzosen Diedenhofen (Thionville) an, mussten aber eine herbe Niederlage gegen die kaiserlichen Truppen von Piccolomini einstecken. Eine bedeutende Rolle spielte ebenfalls General Jean Beck, damaliger Statthalter in Luxemburg. Er verlor sein Leben 1648 in der Schlacht bei Lens. Ein erneuter französischer Vorstoss gegen Diedenhofen fand 1643 statt. Mit Ausnahme der Jahre 1871-1918 und 1940-1944, wo die Stadt von den Deutschen besetzt war, blieb Diedenhofen französisches Territorium.

Besonders die Schlussphase des Krieges kennzeichnete sich durch extreme Gewalt aus. Heftige Verwüstungen fanden unter dem schwedischen Feldherrn Banérs in Böhmen statt. Dessen Tod am 20. Mai 1641 im Alter von nur 44 Jahren nutzte Böhmen, um ein sarkastisches Requiem zu feiern. Ende 1642 fügten die Schweden dann auch in der zweiten Schlacht bei Breitenfeld den kaiserlichen Truppen eine Niederlage zu. Nun galt es jedoch die Franzosen zurückzudrängen. Der kaiserlich-bayerischen Truppe mit an ihrer Spitze Franz von Mercy gelang bei Tuttlingen im November 1643 ein großer Erfolg, löschte sie doch die französische Infanterie nahezu komplett aus.

Nach dem Tod von Richelieu im Dezember 1642 und von König Ludwig XIII. im Mai 1643 kam es zu bedeutenden Nachfolgeregelungen in Frankreich: Kardinal Jules Mazarin und Ludwig XIV., der spätere Sonnenkönig, hießen die neuen Staatslenker. Da Ludwig XIV. aber erst vier Jahre alt war, übernahm dessen Mutter Anna von Österreich bis zu seiner Volljährigkeit die Regentschaft. Obwohl Anna der Habsburger Dynastie angehörte, setzte sie zusammen mit Mazarin die antihabsburgische Politik ihrer Amtsvorgänger fort. Den Franzosen gelang dann in der Schlacht bei Rocroi am 19. Mai 1643 in Nordfrankreich ein deutlicher Sieg gegen die spanische Armee. Etwas überraschend zog sich anschließend der französische Alliierte Schweden unter seinem Feldherrn Lennart Torstensson aus Deutschland zum Jahreswechsel zurück, um Jütland, den Festlandteil des heutigen Dänemarks, zu erobern. Doch sollten die Dänen in der sogenannten Seeschlacht auf der Kolberger Heide einen Sieg gegen den alten Rivalen feiern. An diesen Sieg wird übrigens heute noch in der königlichen Nationalhymne Dänemarks erinnert.

Kaiser Ferdinand III. beschloss den Dänenkönig Christian zu unterstützen. Das von 60-jährigen Alkoholiker Matthias Gallas angeführte kaiserliche Heer wurde allerdings von Torstensson vernichtend geschlagen. Am 5. März 1645 verließ Schweden die Schlacht bei Jankau, das heutige Jankov, als Sieger. Frankreich sah sich daraufhin ermuntert, erneut in die Offensive zu gehen. Den Schweden gelang aber nicht die Einnahme von Brünn.

Zu einer der letzten großen Schlachten zählt jene bei Alerheim nahe Nördlingen, wo der kaiserlich-bayrische Feldherr Mercy sein Leben verlor. Diese Schlacht kannte keinen richtigen Sieger und die Franzosen zogen sich im weiteren Verlauf des Jahres 1645 zum Rhein zurück.

Historischer Westfälischer Frieden

Der am 4. Dezember 1644 eröffnete Friedenskongress in Westfalen, an dem 109 Delegationen und der größte Teil Europas vertreten war, sollte dann die entscheidende Wende im Dreißigjährigen Krieg einläuten. Obwohl der Konflikt unvermindert fortgesetzt wurde, verblieb neben dem Verhandeln aber noch ausreichend Zeit, um im großen Stil zu feiern! Schweden schloss schon 1644 mit Brandenburg und 1645 mit Sachsen Waffenstillstand. Mitte November befahl Mazarin seinen Streitkräften Bayern zu verlassen. Am 14. März 1647 schloss Bayerns Kurfürst Maximilian einen Waffenstillstand mit Schweden und Frankreich. Doch nur sechs Monate später kündigte er wieder dieses Abkommen und es kam schließlich am 17. Mai 1648 beim schwäbischen Ort Zusmarshausen zur letzten bedeutenden Schlacht des Dreißigjährigen Krieges.

Im Frieden von Münster, der am 24. Oktober 1648 unterschrieben wurde, entließ die geschwächte spanische Krone die Nordprovinzen der Niederlande in die Unabhängigkeit und im Februar desselben Jahres nahmen das Deutsche Reich, Schweden und Frankreich wieder Friedensgespräche auf.

Die Verträge von Münster und Osnabrück bildeten zusammen den Westfälischen Frieden. Dieser zog verschiedene territoriale Veränderungen nach sich. Unter anderem schied die Schweiz aus dem Deutschen Reichsverband aus. Toul, Metz und Verdun fielen an Frankreich. Eine Abschlussvereinbarung aus dem Jahre 1650, Reichs-Friedens-Rezess genannt, regelte das definitive Abrüstungsprozedere. Bedeutende Fortschritte brachte das Vertragswerk für das Zusammenleben der Religionen: Der Calvinismus wurde offiziell anerkannt und der Ausgburger Religionsfrieden wurde abgeschafft. Sekten blieben aber verboten. In Deutschland, im Gegensatz zu anderen Regionen auf der Welt, gehörten fortan Religionskriege der Vergangenheit an.

Schätzungen zufolge verringerte sich durch den Krieg das Heilige Römische Reich Deutscher Nation etwa um ein Drittel seiner 20 Millionen Einwohner. Rund 1,7 Millionen Soldaten kamen ums Leben. Wahrlich steht dieser Konflikt wohl für die größte Kriegskatastrophe bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Dass 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wir glücklicherweise keinen solchen Konflikt mehr kannten, ist nicht zuletzt auf ein verstärktes internationales Bewusstsein zurückzuführen. Eine Garantie für die Zukunft ist das allemal nicht.

Bibliografie: Pantle Christian, Der Dreissigjährige Krieg, Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2017

Trausch Gilbert, L’Histoire du Luxembourg, Éditions Privat, Toulouse, octobre 2003