LUXEMBURG
CLAUDE MÜLLER

An- und aufregende CD-Release von „David Helbock’s Random Control“

Originalität und stilistische Vielfalt, das zählt sowohl für die äußerst beeindruckende hauptstädtische „Fête de la Musique“ wie für den Überraschungsact einer sensationellen Band aus Österreich, die zudem noch eine CD-Release ihrer neusten Produktion lieferte. Erstens war da die von der Planung bestens durchdachte musikalische Vielschichtigkeit optimal präsent und die Ausführung der über 60 Konzerte, die sich über das gesamte Stadtzentrum erstreckten, vorbildlich organisiert, wobei die Auswahl der einzelnen Bands, von denen einige besonders ins Auge stachen oder die Ohren zu vollster Zufriedenheit verwöhnten, exemplarisch war. So konnte man während einer etwa zweistündigen Schnuppertour urigen Blues mit „Sneaky Pete“, ein großes Sounderlebnis mit der Luxemburger Militärmusik, aktuellen Lounge Jazz mit „Dock In Absolute“ und anschließend das angenehme Evergreenambiente mit dem Edith van der Heuvel Quintet oder die fantastisch gelungene Show von Serge Tonnar & Lego Trip mit der Wiltzer Harmonie Grand-Ducale Municipale erleben. Und dann eben der unumstrittene Geheimtipp, die Entdeckung der österreichischen Ausnahmeband „david helbock’s random control“ mit der effektvollen Inszenierung der Release ihrer neuen Produktion „tour d’horizon“ auf dem Paradeplatz.

Klavierspielende Vorbilder neu arrangiert

Für diese Platte hat der Pianist und Leader fast ausschließlich Kompositionen seiner klavierspielenden Lieblingsvorbilder neu arrangiert und dies in einem unvergleichlich originellen und gelungenen Konzept, wie man es sicher vorher noch nie so intensiv vorgesetzt bekam. Schon allein die Polyvalenz der beiden Multiinstrumentalisten, wovon der eine für das Holzbläserregister, der zweite für die Blechbläsersektion zuständig ist, ist sensationell. So spielt der auf Tenor- und Sopransaxofon brillierende Andreas Broger auch noch Querflöte, Bassklarinette und andere Rohrblattinstrumente, während Johannes Bär sich unter anderem an Trompete, Flügelhorn, Tuba, Sousaphon betätigt und das Ganze mit einer Rekordleistung in Sachen rhythmische Substanz mit akrobatischen Beatboxperformances bereichert. Selbstverständlich kommt bei der ostalpinen Band auch das spektakuläre Alphorn zum Einsatz. Rund zwanzig Instrumente führen die drei Musikmagier vor, die gleich beim ersten Stück, der wunderbaren, atmosphärisch dichten Klangcollage „African Market Place“ von Abdullah Ibrahim (Dollar Brand) eingesetzt werden.

Quer durch den fruchtbaren Garten der großen Meister führt uns Pianist David Helbock mit seinem feinen Gespür für außergewöhnliche, experimentelle, manchmal avant-gardistisch anmutende Effekte, die niemals aufdringlich oder forciert wirken, wobei, bei allen möglichen Freiheiten und Verfremdungen, das Ganze immer so klingt, als müsse es so sein und wäre niemals anders gedacht gewesen. Zwölf Standards, von Duke Ellington bis Keith Jarrett, hat der „begnadete Geschichtenerzähler am Klavier“ seinen persönlichen Stempel aufgedruckt und präsentiert mit seinem perfekt aufeinander abgestimmten Trio Arrangements, die auf einer atemberaubenden Achterbahnfahrt das ideale Konzept des Jazz der Zukunft umsetzen. So ist denn auch eine besonders gut gelungene Komposition ihres Landsmanns, dem Weather Reportgründer Joe Zawinul, der Welthit „Merci, Mercy, Mercy“, einer der Ohrwürmer der 50-minütigen hochspannenden Erlebnisreise mit neuen Perspektiven betreffend Sound, Stimmung und Aussage. Und selbst solch abgedroschene Titel wie Chick Coreas „Spain“, Herbie Hancocks „Watermelon Man“ oder das Aushängeschild des Dave Brubeck Quartets, Paul Desmond’s „Take Five“, mit wunderbarer Alphornintro, bekommen durch die unorthodoxe Arrangierkunst und die unverdorbene Spielfreude der drei beeindruckenden Interpreten neues Leben eingehaucht.

Aber auch eher unbekannte Kompositionen von Esbjörn Svensson und Mal Waldron oder Carla Bley’s „Utviklingssang“ werden durch die intensive musikalische Spannung zu Highlights des Albums.

Qualitä und Ideenreichtum

In puncto Qualität, Originalität und Ideenreichtum kann man getrost das Prädikat perfekt gelungene Miniaturausgabe des großorchestralen, ebenfalls aus der Donaumetropole stammenden „Vienna Art Ochestra“ verleihen. Eine tadellos funktionierende, experimentierfreudige Band, die endlich neuen Wind mit unverbrauchter, belebenden Frische in die stagnierende Welle des sterilen Alltagsjazz wehen lässt. Dass die im Mai erschienene Produktion für das Label „Act“, das Pianisten wie Joachim Kühn oder Michael Wollny unter Vertrag hat, eingespielt wurde, spricht für sich. Ein Vorzeigetrio, das unbedingt in absehbarer Zeit auf den Spielplan des Kammermusiksaals der Kirchberger Philharmonie gehört.