LUXEMBURG
YORICK SCHMIT

Wie die Welt lernte, Pixel zu lieben

Nicht jedem ist Pixel Art ein Begriff, aber jeder, der in den 80er und 90er Jahren vor einem PC saß, hat sie schon mal gesehen: quadratische Farbelemente, die sich zu einem stilisierten Bildmosaik zusammensetzen,  das oft nur aus einiger Entfernung als konkretes Objekt erkannt werden kann. Die Ästhetik der damaligen Bildschirmgrafik ist durch die begrenzte Rechenkapazität und den limitierten Speicherplatz der Computer bestimmt.

Die niedrige Auflösung erlaubt nur eine geringe Anzahl an Pixeln als Bausteine für Grafiken zu nutzen - so entsteht zwangsläufig der typische Look, dessen bekannteste Ausprägungen sich in frühen Videospielen wiederfinden: „Pac Man“ (1980), „Space Invaders“ (1978) oder auch „Donkey Kong“ (1981). Aber auch die ersten grafischen Benutzeroberflächen der Betriebssysteme von Microsoft (Windows) und Apple (Mac Os) folgen diesem Darstellungsmodus und machen ihn einem breiteren Publikum bekannt.

Da sie über ein Jahrzehnt lang auf allen Bildschirmen zuhause sind - von PCs über Taschenrechner bis hin zu Telefonen und Uhren - sind diese treppenartig abgestuften Pixelkonstruktionen bis heute Synonym für Computergrafik.  

Erst Mitte der 90er Jahre geht diese Ära zu Ende. Fortschritte in der Rechenleistung und höhere Bildschirmauflösungen erlauben detailliertere grafische Darstellungen auf heimischen PCs, so dass die kantigen Bilder wieder aus unserem Alltag verschwinden. Von einem technischen Standpunkt aus betrachtet findet man auf Computerschirmen immer noch Pixel Art, aber die eigentümliche Formensprache hat konventionelleren Mustern Platz gemacht.

Wiedergeburt dank Indie Games

Der Begriff Pixel Art wurde wahrscheinlich erstmals in den frühen 70ern geprägt, wird aber erst nach 2004 einem größeren Publikum bekannt, als die Indie Game-Szene aufzublühen beginnt: Die neuen Vertriebsmöglichkeiten des Internets sowie die breite Verfügbarkeit von Tools zur Videospielentwicklung ermöglichen es, einer ganzen Generation von Programmierern und Designern ihre eigenen Videospiele zu entwickeln und zu vertreiben - ohne auf die finanzielle und logistische Rückendeckung der großen Herausgeber angewiesen zu sein. Diese jungen Entwickler entdecken die klassische Form der Pixel Art für sich und bauen sie weiter aus. Gründe für ihre Popularität gibt es viele: Einerseits ist diese Art der Darstellung weniger komplex und deshalb schneller und kostengünstiger zu produzieren als die auf Polygonen basierende 3D-Grafik moderner Mainstream-Spiele, andererseits ist diese Generation von Entwicklern mit dieser Stilrichtung aufgewachsen und jagt nicht zuletzt nostalgischen Kindheitserinnerungen nach. Letzteres erklärt wohl auch die Popularität dieser Spiele bei den Konsumenten.

Eine Ästhetik, die auf den technischen Limitierungen der Zeit gefußt hat, wird nun als eigenständige Designsprache verstanden. Ziel ist es jedoch nicht, die alte Optik so authentisch wie möglich zu rekonstruieren, sondern sie behutsam zu modernisieren und aktuellen Trends anzupassen.

Über das Medium hinaus

Die Popularität der Indie Games hat dazu geführt, dass sich die Pixel-Art-Ästhetik von ihren Videospiel-Wurzeln gelöst hat. Auch Digital Artists, Grafiker und Designer, die nicht in der Gaming-Szene zuhause sind, entdecken diesen Stil für sich und exportieren ihn in andere Medien. So findet man Pixel Art unter anderem in Musikvideos, in Comics, auf Werbeplakaten und  sogar  in Urban Art Installationen – zum 20. Geburtstag der Hackervereinigung Chaos Computer Club wurden die Fenster eines Gebäudes am Berliner Alexanderplatz  nach dynamischen Mustern beleuchtet, um sie wie riesige Pixel wirken zu lassen und so die gesamte Hausfront in einen Computerschirm zu verwandeln.  Die populäre Veranstaltung fand in den Folgejahren zahlreiche Nachahmer. Auch in der Street Art-Szene gibt es Versuche, diese spezifische Ästhetik in analoger Form weiterzuentwickeln.

Angesichts dieser großen kulturellen Reichweite könnte man Pixel Art als erste genuin digitale Stilrichtung interpretieren. Es war nicht zuletzt diese Überlegung, die mich dazu angeregt hat, die vorliegende Kolumne nach ihr zu benennen. In den folgenden Beiträgen von Pixel Art soll die digitale Kultur in allen ihren Formen und Facetten diskutiert werden. Leitfaden ist die Frage, wie die Digitalisierung unser Leben beeinflusst, im Guten wie im Schlechten. Sind Videospiele eine digitale Kunstform? Warum sollte das Internet archiviert werden? Welche moralischen Dilemmas lauern in den Algorithmen von selbstfahrenden Autos? Können Computer Literatur analysieren? Dies sind nur einige der Fragen, die hier in den nächsten Monaten diskutiert werden sollen.