PASCAL STEINWACHS

Jetzt, wo die Briten ihren Scheidungsbrief bei der EU eingereicht haben - Theresa May hatte den Anstand, die Scheidung offiziell erst nach dem Jubiläumsgipfel von Rom zu beantragen - kann das europapolitische Leben endlich wieder seinen gewohnten Gang gehen, wenigstens bis zum 23. April, wenn die Franzosen im ersten Wahlgang wählen gehen.

Derweil sich die Luxemburger Grünen nach der offiziellen EU-Austrittserklärung in Schwarzmalerei üben, und befürchten, dass die nun anstehenden Verhandlungen das Potenzial hätten, „den Einfluss von rechtspopulistischen Parteien im Rest von Europa noch weiter zu befeuern“ und niemand voraussehen könne, wie schädlich der Prozess für beide Parteien werden könnte, gab EU-Kommissionschef Juncker gestern auf dem Kongress der Europäischen Volkspartei in Malta den Zweckoptimisten. Der Brexit sei nicht das Ende von allem, sondern der Anfang eines Neubeginns in Europa, der Anfang von etwas Neuem, Größerem, Stärkeren. Statt ständig die Kommission zu prügeln, heiße es jetzt, den Kopf einzuschalten und den Mund aufzumachen, sagte Juncker.

Tatsächlich hat der Brexit-Schock die verbleibenden EU-Mitgliedstaaten wieder dazu gebracht, näher zusammenzurücken, wobei selbige Mitgliedsländer sich aber jetzt auch einer Realitätsprüfung unterziehen müssen, wie die Londoner „Times“ schreibt. Das Ende der Union würde wohl erst ein Wahlgewinn von Marine Le Pen bei unseren französischen Nachbarn bedeuten, aber auch in einem solchen Fall würden sich die verbleibenden EU-Mitglieder wahrscheinlich noch auf eine Lösung einigen können, findet die EU, wenn es wirklich ernst wird, doch irgendwie immer eine Lösung.

Streit dürfte jedoch erst einmal um die 60 Milliarden Euro entbrennen, die Brüssel nun vom Vereinigten Königreich fordert, sei Großbritannien doch als EU-Mitglied Verpflichtungen eingegangen, für die es auch einstehen müsse, wie es vonseiten der EU-Kommission heißt. „Das ist, als würden Sie in der Kneipe eine Runde Bier für 27 Freunde ausgeben und dann verschwinden wollen“, umschrieb das Ganze kürzlich ein Sprecher der EU-Behörde. Dann erwarte auch jeder, „dass sie die Runde, die Sie bestellt haben, noch bezahlen“. Für die Briten selbst stand nämlich immer nur das Geld im Mittelpunkt der Beziehungen mit der EU, wie unter anderem die „I want my money back“-Sonderwünsche der früheren britischen Premierministerin Thatcher deutlich machen.

Ersten Ärger zwischen der EU und London nach dem Brexit-Startschuss gab es indes gestern in Bezug auf die künftige Sicherheitszusammenarbeit, hatte May doch in ihrem Scheidungsbrief erklärt, dass „unsere Kooperation im Kampf gegen Kriminalität und Terrorismus geschwächt wäre“, sollte es keinen Deal geben - eine kaum versteckte Drohung an die Adresse der EU.

Dann gibt es aber auch eine gute Nachricht im Zusammenhang mit dem Brexit, brachte sich Luxemburg doch gestern als neuer Standort für die Europäische Bankenaufsicht ins Rennen. Die Versicherungsbörse „Lloyd’s of London“, wo Luxemburg ebenfalls im Gespräch war, entschied sich ihrerseits für Brüssel, um künftig Geschäfte in der EU machen zu können...