LUXEMBURG
PATRICK WELTER

Neue Wege im Kampf gegen Lehrermangel -

Ein kleines Land mit vielen Sprachen und einem komplizierten Schulsystem stellt an die Ausbildung von Grundschullehrern automatisch hohe Ansprüche. Kommen noch andere Faktoren hinzu, wie eine sehr anspruchsvolle Universität, ist der Mangel an Lehrernachwuchs gerade an den Grundschulen vorprogrammiert. So standen zu Schuljahresbeginn 2017/2018 einem Bedarf von rund 300 Junglehrern nur etwa 70 Absolventen der Universität Luxemburg gegenüber.

Diese Zahlen nannte gestern Bildungsminister Claude Meisch, als er zusammen mit Patrick Remakel, dem Präsidenten der nationalen Lehrergewerkschaft (SNE/CGFP), ein Abkommen zwischen Ministerium und Gewerkschaft über neue Wege der Lehrerrekrutierung vorstellte. Angesichts kontinuierlich steigender Schülerzahlen war eine entsprechende Einigung unumgänglich.

Drei statt vier Jahre können reichen

Bisher wurde von den Junglehrern ein vierjähriges erziehungswissenschaftliches Studium verlangt, das alle Zyklen (I - IV) der Grundschule abdeckt, von der Vorschule bis zum (früheren) sechsten Schuljahr. In Anlehnung an die in Belgien geänderte Ausbildung können sich die angehenden Lehrkräfte nun schon nach einem dreijährigen Studium bewerben, wenn sie entweder einen Abschluss als Vorschullehrer für den Zyklus I oder einen als Grundschullehrer für die Zyklen II bis IV gemacht haben. Ab sofort können sie mit dem dreijährigen Studium in den luxemburgischen Schuldienst eintreten. Die Ausbildung für den jeweils anderen Zyklus kann - muss aber nicht - berufsbegleitend mit einem Weiterbildungspaket von 160 Stunden nachgeholt werden.

Für Absolventen eines vierjährigen Lehramtsstudiums verkürzt sich der obligatorische „Stage“ (im deutschen Sprachraum als „Referendariat“ bezeichnet) von drei auf zwei Jahre - das betrifft auch schon die aktuellen Berufsanfänger. Sie dürfen nach zwei Jahren zum Staatsexamen antreten, um danach beamteter Lehrer zu werden.

Die bisher übliche Praxis des Einsatzes von Hilfslehrern (suppléants), deren Qualifikation nur aus einem Abitur und einem mehrwöchigen Praktikum besteht, soll beendet werden. Die Hilfslehrer mussten in Zeiten des Lehrermangels durch Elternurlaub, Halbtagsarbeit oder unbezahltem Erziehungsurlaub der festen Lehrkräfte in weit größerem Maße an den Grundschulen einspringen, als durch ihre Qualifikation vorgesehen.

Quereinstieg für fachfremde Bachelor

Bisher können nur Jungakademiker mit einem erziehungswissenschaftlichen Abschluss Lehrer werden. Der Zugang wird nun deutlich erweitert. Für ein Lehramt in der Grundschule können sich nun auch Inhaber eines Bachelor-Abschluss bewerben, wenn ihr Studium in einem gewissen Zusammenhang zur Arbeit eines Grundschullehrers steht. So dürften beispielsweise Germanisten oder Musikwissenschaftler Chancen auf eine Einstellung in den Schuldienst haben, Bauingenieure eher nicht. Wobei es wohlgemerkt nicht um den Job eines Fachlehrers geht, sondern um die Ausbildung zum Allrounder für die Grundschule. Dieses Angebot eines Quereinstiegs richtet sich nicht nur an Berufsanfänger, sondern auch an Berufstätige, die ihr Aufgabenfeld wechseln wollen. Weitere Voraussetzung ist, dass nicht alle freien Lehramtsstellen mit Absolventen eines „normalen“ erziehungswissenschaftlichen Studiums besetzt werden können.

Die akademischen Quereinsteiger werden mit einem unbefristeten Arbeitsvertrag eingestellt und analog zu den Lehrbeauftragten bezahlt. Im ersten Unterrichtsjahr erfolgen 240 praktische und theoretische Ausbildungsstunden, unter anderem werden sie dafür fünf Wochen vom Unterrichten freigestellt. Nach einem erfolgreichen ersten Jahr sind sie den Erziehungswissenschaftlern gleichgestellt und können ein Staatsexamen ablegen.

Bildungsminister Meisch betonte, dass es bei dieser Neuregelung in allererster Linie darum gehe, das System der unterqualifizierten Hilfslehrer überflüssig zu machen.

Uni.lu sollte mehr tun

Meisch appellierte außerdem an die Universität Luxemburg, die Ausbildung von Grundschullehrern zu verstärken, in dem sie mehr Studienplätze zur Verfügung stellt und auch die Voraussetzungen bei der Aufnahmeprüfung absenkt. „Notwendige Sprachkompetenz kann man auch während des Studiums erwerben!“, so Meischs Aufforderung an die Universität.