Wer all dem, was auf der Leipziger Buchmesse passiert, gerecht werden möchte, müsste ein Buch darüber schreiben. Während sich dadurch der Kreis bestimmt schließen würde, kann man jedoch nicht davon ausgehen, dass sich jeder für das gleiche interessiert. Auch deshalb ist das Programm der Buchmesse so voll und jeder sollte sich wenigstens eine gute Stunde Zeit nehmen, um alles im Voraus zu planen. Obwohl die Veranstaltung eine enorme Diversität darbietet, lassen sich doch gewisse Trends beobachten.
Politische Seiten
Zum Beispiel, dass die verschiedenen Buchformen auf Augenhöhe zueinander stehen: Sowohl das klassische Buch als auch E-Books und Audiobücher können sich hier behaupten und finden interessierte Besucher. Das war natürlich auch schon in den vergangenen Jahren der Fall, doch vor allem die Hörbücher scheinen sich dieses Jahr verstärkt bemerkbar gemacht zu haben. Weiterhin muss man feststellen, dass der Altersdurchschnitt ziemlich hoch ist. Die jugendlicheren Gesichter findet man in der Halle der Manga-Convention. Diese schwappen zwar gerne über in die anderen Hallen, allen voran dem Science-Fiction- und Fantasy-Bereich, doch sie bleiben insgesamt in der Minderheit. Ein anderer Trend ist die Politik: Bereits vor dem eigentlichen Eingang zur Messehalle findet man eine Hand voll tapferer Menschen, die in der Kälte gegen das Gastland Israel und die deutsche Unterstützung des Staates protestieren.
In der eigentlichen Messe sind die politischen Dimensionen gelegentlich subtiler: Jan Weiler war zu Gast bei einer Live-Aufzeichnung von „Druckfrisch“ mit dem Moderatoren Denis Scheck. Eine solche Gelegenheit ließen sich viele Literaturfans, vor allem des älteren Semesters, nicht entgehen. Das Publikum war gut gelaunt, bis Jan Weiler auf die Nazivergangenheit zu sprechen kam, die er teils in seinem Buch auch anspricht. Zuerst kam das bedrückte Schweigen und als Weiler schließlich beschrieb, dass man selbst heute nicht viel kratzen müsse, um die Nazi-Vergangenheit ans Tageslicht zu bringen, war viel Kopfschütteln zu sehen. Einige verließen ihre Plätze.
Philo-schockiert
Ähnlich sah es dann beim „Blauen Sofa“ aus, als man den Philosophen Slavoj Žižec zu Islamismus, Pegida und Co. interviewte. Wer Žižec ansatzweise kennt, konnte einige Antworten bereits prophezeien: Das Erstarken der Rechte sei nur möglich, weil eine gute radikale Linke fehle und auch an relativ ausgewogener Kapitalismus-Kritik wurde nicht gespart. Dass er den IS nicht als eine mittelalterliche Bewegung, sondern als eine Perversion der Moderne betrachtet, verwirrte jedoch und auch seine Kritik am „Pathos der allgemeinen Solidarität“ hatte Schwierigkeiten, bei den Zuschauern anzukommen. Dennoch waren es eben solche Gespräche und Events, die die Messe wertvoll für alle Literaturbegeisterten machten.



