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Vietnam zwischen Reisfeldern und Weltwirtschaft

Mit der Unabhängigkeitserklärung von Präsident Ho Chi Minh wurde 1945 die Demokratische Republik Vietnam begründet – danach erlitt das Land über einen Zeitraum von 30 Jahren zwei lange Kriege. Der eine setzte 1954 dem französischen Kolonialismus in Indochina ein Ende, der nächste 1975 dem Konflikt zwischen Nord- und Südvietnam. Vietnams Bevölkerung besteht aus 54 ethnischen Gruppen, wobei die Kinh (Vietnamesen) 86,2 Prozent der Bevölkerung ausmachen.
    Vietnams Erneuerungspolitik „Doi moi”, eine sozialistisch orientierten Marktwirtschaft, die 1986 von der Kommunistischen Partei Vietnams verordnet wurde, beschert dem Land einen Modernisierungsschub. Und der ist auch notwendig: Etwa 60 Prozent der Bevölkerung sind unter 25 Jahre alt, wodurch sich die Anzahl der Arbeitskräfte jährlich um eine Million erhöht. Laut Angaben des Vietnamesischen Roten Kreuzes leiden übrigens heute noch viele Vietnamesen - auch junge - an den Spätfolgen des Vietnamkrieges und besonders am von der US-Armee eingesetzten chemischen Entlaubungsmittel „Agent Orange“. 2012 beteiligten sich die USA zum ersten Mal an der Entgiftung des Bodens im Land.

EU größter Absatzmarkt
Die EU ist einer der wichtigsten Handels- und Investitionspartner Vietnams. Die vietnamesischen Exporte in die EU stiegen zuletzt auf 20 Milliarden Dollar, was Europa zum größten Absatzmarkt für vietnamesische Produkte macht. Die Landwirtschaft spielt dabei im sozioökonomischen Leben Vietnams noch immer tragende Rolle, weil sie rund 60 Prozent aller Arbeitsplätze stellt und einen wichtigen Beitrag zur Ausweitung des nationalen Außenhandels leistet, vor allem mit Erzeugnissen wie Reis (Produktion letztes Jahr 43,7 Millionen Tonnen), Kaffee (1,2 Millionen Tonnen) und Pfeffer (112.700 Tonnen). Das Mekong-Delta, das „Delta der Neun Drachen”, ist eines der größten Reisanbaugebiete der Welt.
    Seit 2009 allerdings muss Vietnam aufgrund der Auswirkungen der Finanzkrise und der weltweiten Rezession zahlreiche Rückschläge meistern: Das Bruttoinlandsprodukt wuchs letztes Jahr nur um
5,03% und war damit die niedrigste Rate seit 13 Jahren. Der Boom ist ins Stocken geraten. Dass sich der Lebensstandard der Bevölkerung dennoch verbessert, sieht man daran, dass die Zahl der Personen, die an Nahrungsmittelknappheit leiden, sich von Jahr zu Jahr weiter verringert; umgekehrt erreichte die Zahl der Telefonanschlüsse letztes Jahr 136 Millionen (davon 121 Millionen Mobiltelefone). Eine Erholung ist also spürbar, denn nicht nur der Export konnte letztes Jahr um 18% auf rund 42 Mrd. Dollar gesteigert werden, auch die Zahl ausländischer Besucher im Land nahm wieder zu - mehr
als vier Millionen Touristen besuchten 2012 Vietnam und rund eine Million Geschäftsreisende