PARIS
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Antisemitismus in Frankreich sorgt für Unruhe in der jüdischen Gemeinschaft

Francis Kalifat spricht mit ruhiger Stimme, doch seine Warnung ist alarmierend. „Wir sind in unserem Land an der Schwelle dessen angekommen, was für die jüdische Gemeinschaft Frankreichs erträglich ist“, sagt der Vorsitzende des Crif, des Dachverbandes der jüdischen Organisationen des Landes. „Wir müssen diese Welle des Antisemitismus stoppen, die unsere Gesellschaft vergiftet.“

Mehrere aufsehenerregende Übergriffe haben die Debatte um Judenhass in Frankreich neu angefacht, Premierminister Édouard Philippe sprach von einer „neuen gewaltsamen und brutalen Form des Antisemitismus“. „Eine neue Form, die wir seit langem kennen“, sagt Kalifat. Drei Jahre nach dem islamistischen Terroranschlag auf einen Supermarkt für koschere Produkte in Paris ist es weiterhin ein Thema, ob Juden sich in Frankreich sicher fühlen können - immerhin das Land mit der größten jüdischen Gemeinschaft Europas.

Die Empörung war groß, als Ende Januar eine Tritt-Attacke auf einen Achtjährigen mit Kippa gemeldet wurde, bei der die Ermittler ein antisemitisches Motiv vermuten. Der Fall ist noch nicht aufgeklärt, doch umgehend schaltete sich Staatschef Emmanuel Macron ein: „Jedes Mal, wenn ein Bürger wegen seines Alters, seines Aussehens oder seiner Religion angegriffen wird, greift man die ganze Republik an.“

Schicksal von Sarah Halimi sorgt für Unruhe

Er wollte offensichtlich ein klares Zeichen setzen. Die schnelle Reaktion unterscheidet sich auffällig vom Umgang mit der brutalen Tötung einer Jüdin im vergangenen Jahr. Sarah Halimi wurde im April von einem Nachbarn in Paris misshandelt und vom Balkon geworfen. Der Mann habe die Rentnerin als „Sheitan“ (Teufel) bezeichnet und auf Arabisch „Gott ist groß“ gerufen, berichteten die Anwälte der Familie Halimi später. Die Justiz behandelte den Fall jedoch zunächst als Tötungsdelikt ohne besondere Umstände. Und den Medien wurde vorgeworfen, die Geschichte zunächst zu wenig beachtet zu haben.

In der jüdischen Gemeinschaft aber sorgte das Schicksal von Sarah Halimi für neue Unruhe. Inzwischen will die Staatsanwaltschaft das Verfahren auf den antisemitischen Charakter der Tat erweitern, doch die Ermittlungsrichterin hat bislang nicht zugestimmt.

Der Politikwissenschaftler und Rassismus-Experte Pierre-André Taguieff beschreibt einen starken Anstieg der Judenfeindlichkeit in Frankreich zu Beginn der 2000er Jahre. „Es handelt sich nicht um eine Wiederkehr des alten politischen Antisemitismus, der Nationalisten und Katholiken vereint, sondern um das Entstehen einer neuen antijüdischen Konfiguration, die sich aus der Islamisierung der palästinensischen Sache ableitet“, sagte er dem Magazin „L’Obs“. Verbandschef Kalifat sieht die Juden „im Schraubstock“ von drei Arten des Judenhasses: des rechtsextremen, linksextremen und „arabisch-muslimischen“ Antisemitismus.

Rückgang von Drohungen und Gewaltakten

Nun zeigen die jüngsten offiziellen Zahlen für Frankreich auch eine positive Entwicklung. Das französische Innenministerium meldete für das vergangene Jahr 311 antisemitische Drohungen und Gewaltakte, ein Rückgang um 7,2 Prozent. 2015 waren noch 808 antijüdische Taten gezählt worden. Jüdische Organisationen berichten jedoch, dass viele Juden bei kleineren Vorfällen gar keine Anzeige mehr erstatteten. In Deutschland ist die Zahl der erfassten judenfeindlichen Straftaten deutlich größer, mehr als 1.400 im Jahr 2017.

27.000 Juden sind nach Angaben der Jewish Agency in den vergangenen fünf Jahren aus Frankreich nach Israel ausgewandert - in den fünf Jahren davor waren es weniger als 10.000. Auch hier ging die Zahl nach der Spitze im Terrorjahr 2015 wieder zurück, blieb aber auf höherem Niveau als früher. Kalifat berichtet noch von einem anderen Phänomen: Juden sähen sich gezwungen, manche Vorstädte zu verlassen und in andere Viertel zu ziehen. „Wir schätzen, dass zwischen 50.000 und 60.000 Menschen seit den 2000er Jahren erlebt haben, was ich das innere Exil nenne.“ Es gebe in gewissen Problemvierteln in der Peripherie großer Städte einen „Antisemitismus im Alltag“. „Das sind Graffiti auf den Autos, abgerissene Briefkästen, absichtliche Drängeleien am Aufzug...“ All das schüre ein Klima der Unsicherheit.

Die Zeitung „Le Monde“ schilderte vor Kurzem den Fall einer Familie aus Noisy-le-Grand bei Paris: Drohbriefe mit Patronen, Schmierereien an ihrer Hauswand - „Tod den Juden.“ Schließlich sei die Familie umgezogen.

Die Regierung hat einen neuen Plan gegen Rassismus und Antisemitismus versprochen. „Was wir wirklich erwarten, ist zu handeln“, sagt Crif-Chef Kalifat. Er fordert vor allem ein härteres Durchgreifen der Justiz, um für Abschreckung zu sorgen. Und wünscht sich einen Aufschrei der Gesellschaft in Frankreich: „Wir haben eine ohrenbetäubende Stille unserer Mitbürger. Für uns ist es ein echtes Problem zu sehen, dass sie sich letztlich nicht betroffen fühlen von dem, was ihren jüdischen Landsleuten heute passiert.“