NIC. DICKEN

Angst ist ein schlechter Ratgeber, so ein altes Sprichwort. Gewiss mag es richtig sein, dass beispielsweise Angst vor Versagen, sei es im privaten oder beruflichen Leben, jegliche Initiative und jeglichen Fortschritt von Anfang an lähmt und
damit unmöglich macht. Wer Angst hat, eine Aufgabe oder eine Hürde nicht zu bewältigen, wird sich der Herausforderung gar nicht erst stellen. Wer sich vor eigenem Versagen fürchtet, wird jedem Risiko aus dem Weg gehen und wird damit auch niemals das befriedigende Gefühl einer erfolgreichen Selbstüberwindung kennen lernen.

Allerdings darf man aber auch behaupten, dass gerade die Angst, jenes Gefühl von Sorge angesichts einer reellen oder vermeintlichen Bedrohung, ein wesentlicher Faktor war für das Überleben der Menschheit angesichts von Gefahren, die zu Recht als solche erkannt und folgerichtig auch gemieden wurden. In solchem Fall ist also Angst nicht so sehr eine Bremse für die persönliche Entfaltung, sondern eine sinnvolle Reaktion der Vernunft auf eine existenzielle Bedrohung.

Die Zurückhaltung als Reaktion auf eine bis dato noch keineswegs in all ihren Facetten erkannte Corona-Gefährdung hat also weniger mit Feigheit oder Mangel an Wagemut, sondern vielmehr mit präventivem Selbstschutz, implizit aber auch mit dem Schutz anderer Menschen in unserem Umfeld zu tun.

Es ist gewiss eine Zumutung, im Namen einer von der Vernunft diktierten Vorsicht einer ganzen Reihe von Leuten die Ausübung ihrer beruflichen Tätigkeit zu untersagen, die ihnen die materielle Lebensgrundlage sichert. Genau so stellt sich die Frage, warum Schulen geschlossen werden, wenn doch hauptsächlich ältere Menschen von der Pandemie gefährdet sind. Andererseits: Kann man nicht etwa die Angst einer 30jährigen Mutter in Krebsbehandlung nachvollziehen, wenn diese Bedenken hat, ihre beiden kleinen Kinder zurück in den Vorschulbetrieb zu lassen und damit, in ihrer Situation, das Risiko einer möglicherweise tödlichen Infektion einzugehen?

Nun soll es ja auch Menschen geben, die ganz bewusst die Gefahr ausblenden und (für sich) so tun, als ob es sie gar nicht gäbe. Hier aber stellt sich die Frage der persönlichen Verantwortlichkeit: Als Mitglied einer organisierten und funktionierenden Gesellschaft hat das eigene Verhalten auch Auswirkungen auf die Lebensumstände der Menschen, die zu unserem täglich Umgang gehören.

Der leichtfertige Umgang mit dem Virus kann auch Ignoranz bedeuten gegenüber biologischen Fakten, wie es der Gouverneur des US-Staates Washington vor einigen Tagen formulierte, dem man angesichts steigender Corona-Fallzahlen die Aufhebung der Ausgangsbeschränkungen aufdrängen wollte.

Die Freiheit, die viele jetzt so inständig für sich beanspruchen, bedingt auf jeden Fall auch die Verantwortung für die Mitmenschen, die viele zu übernehmen offensichtlich aber nicht bereit sind.