CORDELIA CHATON

Jeder weiß, wie es heißt: Coronavirus. Doch dann hört das Wissen meist auf - und das macht es nicht minder gefährlich. Denn die Angst plustert das Coronavirus auf, führt zu Sorgen und wohl auch zu überspannten Reaktionen.

Mindestens 80 Menschen sind bislang gestorben, 2.800 erkrankt, melden die Nachrichtenagenturen. Der Aktienindex Dax sackt ab, die Rohölpreise geben nach, die Wirtschaftswundermaschine China scheint zu stottern. Nicht nur Schulen bleiben geschlossen, sondern auch Firmen und die Börse Shanghai. Die Mongolei macht die Grenze dicht. Deutschland empfiehlt, Reisen nach China zu vermeiden und andere Länder wollen ihre Landsleute heimholen. Das Klima als Welt-Thema scheint kurzfristig in den Schlagzeilen nach unten zu rutschen.

In der Stadt Wuhan, die mit elf Millionen Einwohnern größer ist als Singapur, London oder New York, steht das Leben still. Die meisten Neujahrsreisen und -einkäufe können nicht stattfinden, die Regierung hat es verboten. So etwas ist nur in ganz wenigen Ländern der Welt durchsetzbar - und Peking nutzt hier seine ganze Macht. Das hat nicht nur mit Überlegungen zur Gesundheit, sondern auch zur Wirtschaft zu tun.

Wissenschaftler untersuchen den Virus. Dennoch ist vieles unklar. Der Coronavirus wird offenbar von Wildtieren auf den Menschen übertragen, weshalb der Handel mit wilden Tieren derzeit in China verboten ist. Doch sind vor allem ältere und schwächere Menschen gefährdet. Wie genau die Übertragung läuft und in wieweit sie zwischen Menschen ansteckend ist, ist derzeit unklar. Symptome wie Atembeschwerden oder Fieber sind noch dazu etwas, was sehr viele Krankheiten begleitet - und keineswegs nur diesen Virus. Angesichts der weltweiten Reisetätigkeit und des ständigen Austauschs ist mit weiteren Ansteckungen und einer Ausbreitung zu rechnen. Tests bei der Einreise sind nur begrenzt hilfreich, denn durch die Inkubationszeit kann sich der Virus erst später manifestieren.

So bleibt vor allem eines: Ungewissheit. Wenn der Coronavirus sinnvoll bekämpft werden soll, dann am besten von allen zusammen: Virologen und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) können sich zusammentun und forschen, auch wenn es bis zur Impfung dauern wird.

Auf der anderen Seite lohnt ein Blick auf andere tödliche Krankheiten. Laut der WHO sterben rund 57 Millionen Menschen pro Jahr. In den ärmeren Ländern erliegen sie eher Infektionskrankheiten wie Durchfall oder bakteriellen Atemwegserkrankungen. Bei den reichen Industrienationen kommen verstärkt Zivilisationskrankheiten zum Tragen, von Herz-Kreislauferkrankungen bis Diabetes mellitus. Auch Schlaganfälle, Erkrankungen in Folge des Rauchens sowie Atemwegserkrankungen fordern jedes Jahr Millionen Tote. Angesichts dieser Zahlen relativiert sich die Gefahr. Häufig ist es der eigene Lebensstil, der zum Tod führt - und nicht ein Virus.

Besorgniserregend ist, was China tatsächlich preisgibt. 2002 beim SARS-Virus, der weltweit 800 Opfer forderte, war es weniger, als sich die internationale Gemeinschaft erhofft hatte. Dabei wusste der chinesische Gelehrte Konfuzius schon: Die Erfahrung ist wie eine Laterne im Rücken; sie beleuchtet stets nur das Stück Weg, das wir bereits hinter uns haben.