LUXEMBURG
CLAUDE KARGER

Dokument belegt: Sprengstofftraining bei „Stay Behind“-Übung - Staatsministerium relativiert

Lange, sehr lange wird das Kapitel „Stay Behind“ (SB) das Gericht im „Bommeleeër“-Prozess ab kommender Woche beschäftigen. Denn diese Spur, in die nie richtig ermittelt wurde, obwohl sogar Leute aus dem Geheimdienst selbst fest daran glauben, dass Agenten, die für das geheime Netzwerk tätig waren, die „Bommeleeër“-Attentate verübten, wird immer heißer. RTL veröffentlichte gestern eins der Dokumente aus dem Bestand, den Geheimdienstdirektor Patrick Heck am 30. April zur allgemeinen Überraschung an das Gericht schickte und zu einer Unterbrechung des Prozesses führte zwecks Auswertung der Materialen. Besagtes Dokument ist ein Bericht der Geheimdienstmitarbeiter GG und HH zu einem Kurs über SB-Aktivitäten vom 23. bis 27. April 1979 im Süden Englands. Darin wird berichtet, dass die beiden Luxemburger mit zwei belgischen Kollegen von britischen Spezialisten in die Infiltration von Personen und Material über den See- und Luftweg eingewiesen wurden.

Eine glatte Lüge?

Aber auch in den Umgang mit Sprengstoff. Ein äußerst pikantes Detail, denn bislang behaupteten die Autoritäten stets, die SB-Agenten seien lediglich zur Sammlung von Informationen und zur Schleusung von Personen und Material im Falle eines Angriffs von Truppen des Warschauer Pakts ausgebildet worden. Einer der Teilnehmer am SB-Kurs berichtet Folgendes vom Nachmittag des 26. April 1979: „L’après-midi eut lieu un exposé suivi d’exercices pratiques très intéressants sur la confection et le maniement d’explosifs ainsi qu’une démonstration de différents genres de bombes anti-personnel utilisées par les terroristes IRA et autres“.

Im Anhang des Berichts befinden sich dann unter anderem Erklärungen darüber, wie man TNT am effizientesten einsetzt, auf was man bei der Vorbereitung der Zündmechanismen achten muss und wie man Zündkapseln richtig einsetzt. Was hätten die SB-Agenten, die in England auch noch an Schießübungen teilnahmen, mit diesem Wissen anfangen sollen, wo sie doch lediglich Funk- oder Schleusungsmissionen durchführen sollten? Und was ist von der Antwort von Staats- und Verteidigungsminister auf eine rezente parlamentarische Frage des DP-Abgeordneten Claude Meisch zu halten, in der die Minister beteuern, dass die Mitglieder des SB nie eine Ausbildung in Sabotage und Umgang mit Sprengstoff erhielten? Eine glatte Lüge?

Auf jeden Fall fühlte sich der Staatsminister gestern wenige Stunden nach der RTL-News dazu genötigt, in einer Pressemitteilung zu unterstreichen, dass die Antwort auf Meischs Frage immer noch korrekt sei. Auch bleibt die Regierung bei der Darstellung, dass das SB-Netzwerk in Luxemburg lediglich Informations- und Schleuseraufgaben hatte. Sabotage-Aktionen seien nie ins Auge gefasst worden. Erst im Kriegsfall sollten aus Luxemburger Flüchtlingen, die in noch freie Zonen - sprich nach England - gelangten, Sabotage-Teams gebildet werden.

Wem nützte im SB Wissen überTerroristenbomben?

Ferner erklärt Juncker: „En ce qui concerne l’aspect de la formation, il est nécessaire de faire une distinction entre les membres du réseau „Stay Behind“ et les agents du Service de Renseignement chargés de l’encadrement des agents du réseau „Stay Behind““. Die beiden SB-Leiter hätten an einem Kurs teil genommen, den die NATO an sämtliche SB-Netzwerke angeboten habe. Wobei in Sachen Sprengstoff lediglich eine Basiseinführung stattgefunden habe. Nicht zwecks Einsetzung zur Sabotage, unterstreicht Juncker, sondern „en matière de maniement d’explosifs par des groupes terroristes IRA et autres“.

Weshalb sie aber im Rahmen von SB wissen mussten, wie terroristische Gruppen Sprengstoff verwenden, erklärt der Premier nicht. Auf jeden Fall hatte das SB-Netzwerk nie die Aufgabe, solche Terrorgruppen zu bekämpfen. Sollten sie sich das Wissen zu eigen machen, um selbst wie Terroristen bomben zu können? Die Vorstellung lässt einen erschaudern. Die Frage dürfte jedenfalls kommende Woche mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit beim „Bommeleeër“-Prozess gestellt werden. Zumal in den SB-Akten auch weitere Dokumente über den Umgang mit Sprengstoff auftauchten.

Der RTL-Scoop beschäftigte gestern auch die „Enquête“-Kommission Geheimdienst, die nun überprüfen will, ob die SB-Dossiers, die der SREL-Direktor ans Gericht lieferte, mit jenen übereinstimmen, die 2008 der Geheimdienstkontrollkommission zur Verfügung gestellt wurden, als diese die Aktivitäten des SB überprüfte. Auch sie hatte unterstrichen, dass die SB-Agenten keine Schulung im Umgang mit Sprengstoff erhielten. Mit den Kompetenzen der SB-Leiter im SREL scheint sie sich wenig beschäftigt zu haben.