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Die Philosophie des Kanner-Jugendtelefon: Zuhören und gemeinsam nach Antworten suchen

Ob Junge oder Mädchen, ob selbst betroffen oder um jemanden besorgt, ob mit einer banalen Frage oder aus einer akuten Notsituation heraus, in allen Fällen ist das Kanner-Jugendtelefon (KJT: Tel. 116 111) der richtige Ansprechpartner. Geschaffen wurde das Angebot vor rund 20 Jahren. Verändert hat sich natürlich so manches in diesen zwei Jahrzehnten, zum einen das Angebot selbst, zum anderen aber auch die Probleme, mit denen die Mitarbeiter täglich zu tun haben. Direktionsbeauftragte Barbara Gorges-Wagner kennt die kleinen und großen Sorgen der Anrufer.

Was hat eigentlich damals zur Schaffung des KJT geführt und wie hat es sich das Angebot entwickelt?

Barbara Gorges-Wagner Ein solches Angebot fehlte ganz einfach. Die Erwachsenen waren schon damals oft zu beschäftigt mit sich selbst und hatten nur zu wenig Zeit, Kindern wirklich zuzuhören. Einfach ausgedrückt war diese Feststellung in gewisser Weise der Startschuss. Das hat natürlich ganz klein angefangen, anfangs mit einem hauptamtlichen Mitarbeiter, der diese Aufgabe halbtags übernahm und sozusagen das KJT auf den Weg brachte. Inzwischen kennen die meisten Kinder und Jugendlichen die Helpline, bei der sie anrufen können, wenn sie in Not oder gefährdet sind. Das Angebot haben wir über die Jahre deutlich ausgebaut. Mittlerweile ist auch die Online-Beratung möglich. Seit 2008 haben wir auch ein eigenes Elterntelefon. Zunehmend hatten nämlich Eltern unter der Nummer des KJT angerufen, weil sie auch Fragen hatten. Die Kinder und Jugendlichen sollten natürlich ihr eigenes Angebot behalten. Es erschien uns dennoch wichtig, dass auch Eltern einen Ansprechpartner haben. 2006 wurde daneben die Bee Secure-Helpline eingerichtet, um Fragen die sozialen Medien und die Sicherheit im Internet betreffend zu beantworten. Schließlich kam auch noch die Bee Secure-Stopline hinzu. Illegale Inhalte, auf die man im Internet trifft, können dort gemeldet werden. Aus einer Telefon-Helpline sind demnach im Laufe der Jahre vier Helplines geworden.

Im Grunde ist der Ausbau des Angebots also auf die Veränderung der Probleme und die wachsende Nachfrage zurückzuführen?

Gorges-Wagner Sicherlich war es zum Teil eine Antwort auf gesellschaftliche Realitäten. Vor 20 Jahren haben soziale Medien und Internetsicherheit schließlich noch eine ganz andere, beziehungsweise überhaupt keine Rolle gespielt. Mobbing gab es zwar schon immer, mit „Cybermobbing“ hat das Phänomen aber heute noch einmal eine ganz andere Dimension erhalten. Gleichzeitig haben wir mit Themen wie „Sexting“ zu tun: Kinder und Jugendliche stellen Nacktfotos von sich ins Netz und wissen dann nicht mehr, wie sie sie rausbekommen. Wir werden mit „Grooming“ konfrontiert: Täter sind bewusst im Netz unterwegs, um sich mit jungen Mädchen oder Jungen zu verabreden, die sie dann im schlimmsten Fall missbrauchen. Über die neuen sozialen Medien sind folglich eine Menge neuer Themen hinzugekommen.

Welches sind ansonsten die typischen Probleme?

Gorges-Wagner Zu einem sehr großen Teil geht es um Familienkonflikte: Streit mit den Eltern oder Streit zwischen Mutter und Vater. Auch Suchtprobleme in der Familie sind ein Thema genau wie Gewalt. Das sind durchaus ernste Themen. Natürlich geht es auch oft um für das jeweilige Alter typische Probleme. Mädchen, die ihren ersten Freund haben, rufen an, weil sie nicht sicher sind, wie weit sie mit ihm gehen sollen. Fragen über Verhütung werden an uns gerichtet… Wir behandeln alles anonym und streng vertraulich. Das sind die Grundprinzipien des KJT. Jeder kann bei uns anrufen, egal welcher Weltanschauung und egal mit welchem Problem. Man wird gehört und muss sich nicht schämen. Es gibt auch nette Anrufe. Ich erinnere mich an eine Achtjährige, die mit ihren Rechenaufgaben nicht klar kam und wollte, dass wir ihr dabei helfen. Wir werden aber auch immer wieder mit schwerwiegenden Problemen konfrontiert, wo es etwa um heftige Gewalt oder sexuellen Missbrauch geht. Solche Sachen kommen nicht jeden Tag vor, aber sie sind da.

Reicht ein Gespräch in solch schwierigen Fällen noch aus?

Gorges-Wagner Wir nehmen das total ernst. Wir sind aber ein niedrigschwelliges Angebot, das, wie gesagt, anonym und vertraulich funktioniert. Kinder, Jugendliche und Elternteile, die sich bei uns melden, wollen genau das. Sie wollen nicht, dass jemand überstürzt irgendetwas tut. Sie wollen sich orientieren, sie wollen sich erklären, sie wollen mit uns überlegen, welchen Schritt sie als erstes tun könnten und außerdem erfahren, was die Auswirkungen davon sein könnten. Wird man als Kind regelmäßig geschlagen, kommt einem diese Situation vielleicht ganz normal vor. Kein Kind der Welt muss sich jedoch Gewalt gefallen lassen. Das verdeutlichen wir dem Anrufer. Selbstverständlich verwenden wir ganz viel Mühe darauf, gut mit den psychosozialen Einrichtungen hier im Land vernetzt zu sein, damit wir gegebenenfalls Adressen weitergeben und Betroffene weiterleiten können.

Nicht alle Probleme können also in einem einzigen Gespräch gelöst werden?

Gorges-Wagner Nein, deshalb gibt es auch viele Mehrfachanrufer, die wir also über einen längeren Zeitraum begleiten. Große Probleme sind nicht von heute auf morgen lösbar. Wir helfen und ermutigen dabei, den eigenen Weg zu gehen. Wir drängen aber niemanden in eine bestimmte Richtung. Man darf nicht unterschätzen, welchen Mut es braucht, um nach Hilfe zu fragen, gerade wenn es um familiäre Probleme geht. Da redet man nicht drüber. Kinder schämen sich oft und schützen ihre Eltern. Es ist eine ungemeine Wertschätzung von einem Kind oder Jugendlichen, wenn es oder er sich öffnet und sich jemandem anvertraut. Erst dann kann eine Veränderung beginnen. Darüber zu reden, ist der Anfang.

Von wie vielen Anrufern reden wir überhaupt?

Gorges-Wagner 2013 haben beim KJT über 700 Personen angerufen, online beraten haben wir noch einmal rund 100 und beim Elterntelefon sind mehr als 150 Anrufe eingegangen. Das sind bedeutende Zahlen, die sich aber stabilisieren. Auf der Bee Secure-Hotline hat sich die Zahl der Anrufe allerdings verdoppelt. In diesem Bereich herrscht noch große Unsicherheit und es gibt viele Fragen.