LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Ist Fleiß negativ behaftet?

Schulkindern wird immer gepredigt, sie sollen fleißig sein und sich anstrengen. Als Erwachsene lernen sie eine Welt kennen, die nach ganz anderen, geradezu gegenteiligen Maximen funktioniert; eine Welt, in der man sich gegenseitig auf die Schulter klopft und achselzuckend beteuert: „Niemand ist perfekt!“ Wirklich Trost spendet dieser Gemeinplatz nicht, denn er wertet uns nicht auf. Er wertet nur die anderen ab. Der Maßstab wird nach unten hin angeglichen.

Passivität und Resignation

Die Akzeptanz imperfekter Handlungen und Eigenschaften kann ungemein entlastend wirken. Daran ist nichts zu bemäkeln. Doch es liegt ein schmaler Grat zwischen Akzeptanz und Gleichgültigkeit, Resignation. Die Toleranz von Fehlern und Schwächen sollte meines Erachtens nur einstwillig und gegenwartsbezogen sein und einer künftigen Besserung nicht im Wege stehen. Fremde Aufmunterung sollte weder Süffisanz noch Faulheit nähren, sondern die nötige Kraft spenden für bevorstehende Bestrebungen. Anders als Tiere nämlich antizipiert der Mensch seine Zukunft. Und warum sollte er das tun, wenn es nicht darum geht, sie – und sich – zum Positiven zu verändern?

Dennoch werden wir nicht zu Taten ermuntert. „Du musst nur an dich glauben!“, heißt es. Glaube ist ja auch etwas Schönes, ebenso wie Optimismus. Ich frage mich nur, ob das wirklich ausreicht. Ob alleiniger Glaube nicht zugleich bedeutet, Fortschritt zu unterbinden. Stehen passiver Glaube und aktiver Einsatz nicht in einem geradezu diametralen Gegensatz zueinander?  Wer vorankommen möchte, wer sich bessern will, darf eigentlich nicht glauben. Er muss an sich zweifeln. Und es versteht sich von selbst, dass wir dem lieber aus dem Weg gehen würden.

Sanktionierung von Fleiß

Zudem interpretieren wir Ehrgeiz und Fortschrittsdrang stets als Konkurrenzdenken. Das geht aber mit unserer Mentalität nicht konform. Unser Ideal ist die absolute Gleichheit, die absolute Uniformität. Wettkampf, der hinter Ehrgeiz vermutet wird, passt in diese Welt nicht hinein.

Sicher, absolut gerechte Hierarchien sind utopisch. Aber wir können deswegen nicht gleich auf sie verzichten. Wir wehren uns auch gar nicht gegen Ungerechtigkeit, nein, wir stellen uns im Gegenteil gegen Systeme, die auf Leistung basieren. Wir verachten den Leistungsethos aus egoistischen Gründen; weil wir eifersüchtig sind und befürchten, uns nicht behaupten zu können. Deswegen reden wir Leistung lieber klein, aus Selbstschutz. Gute schulische Noten und universitäre Abschlüsse werden abgetan durch die Behauptung, sie wären sowieso nichts wert. Es käme auf „ganz andere Dinge“ an, die aber auf Nachfrage hin nie benannt werden. Dabei verstrickt man sich in Paradoxien, denn müsste das Erstreben dieser „anderen Dinge“ nicht ebenso mit Fleiß und Leistung verbunden sein, die Komponenten, ohne die sich das Erarbeiten eines Ziels im Grunde gar nicht denken lässt?

Trotz dieser argumentativen Aporien wird Leistung konsequent niedergemacht und sogar sanktioniert. Strenge und Perfektionismus sind negativ behaftet, ihre Verfechter alles andere als Sympathieträger. „Streber“ und „Erbsenzähler“ sind keine neutralen Bezeichnungen, es sind Beleidigungen. Erfolgreiche Menschen, so die allgemeinen Vorurteile, haben „kee Liewen“ und neigen zum Masochismus.

Vergebliche Rastlosigkeit?

Wirklich neu ist die scheinbar negative Betrachtung der Bemühung und des Fleißes nicht. Die Tradition dieser Denkweise ist in der klassischen Literatur und Philosophie verankert. Schon Schopenhauer beschreibt, wie auf jedes unserer erreichten Ziel sogleich das nächste folgt, was den Menschen zu einem rastlosen, nie endgültig zufriedenen Wesen macht und das Streben zu einem vergeblichen. Er orientiert sich am Buddhismus, in dem „Durst“ als primäre Ursache des Leiden, Dukkha, gilt. In Goethes „Faust“ wird der Mensch mit einer langbeinigen Zikade verglichen, „die immer fliegt und fliegend springt“ – und sogleich wieder ins Gras fällt.

Doch seien wir mal ehrlich, macht dieses Verhalten den Menschen nicht sogar ein bisschen liebenswürdig? Sind Streben und Scheitern nicht einfach Teil der „conditio humana“?
Faust fordert Mephisto, den Teufel, dazu heraus, ihn dazu zu verführen, sich „beruhigt auf das Faulbett zu legen“. Und Mephistos Versuch, dem nachzukommen, ist aus gutem Grund nicht von Erfolg gekrönt. Der Mensch kann gar nicht anders. Sein Zikadenwesen macht ihn aus.

Imperfektion in perfekter Umgebung

Ja, vielleicht ist es hip, sich gehen zu lassen, vielleicht lässt es uns sympathisch wirken, vielleicht ist es bequemer. Doch zu welchem Preis? Faul und bequem mogeln wir uns nun durch alle Prüfungen, die das Leben an uns stellt, verlieren stetig mehr an Energie, Motivation, Selbstbewusstsein und Lebensfreude. Nie werden wir erfahren, wozu wir wirklich fähig wären, strengten wir uns an. Wir bevorzugen eine Welt ohne Perfektionisten und Streber, ohne hohen Ziele, ohne Greifen nach den Sternen, ohne Vorbilder, Ideale, Träume, ohne Vorwärtskommen.

Mit einer solch trostlosen Einstellung geben wir uns zufrieden und das paradoxerweise in einer Zeit, in der die Technik immer präziser, schneller und effizienter wird. An sie und an die Dinge, die wir kaufen können, stellen wir die höchsten Ansprüche. Den Mitmenschen wie uns selbst aber verlangen wir nichts mehr ab. Lieber packen wir uns in Watte ein und gammeln vor dem Fernseher, als auf unserem Weg auch mal ein Scheitern hinzunehmen. Macht das wirklich zufriedener?