LUXEMBURG
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Die europäischen Kulturhauptstädte 2017 Aarhus und Paphos bieten ehrgeizige Programme

Kultur als ein Mittel des Friedens und des Zusammenlebens: Diese Botschaft stand im Mittelpunkt des Programms der baskischen Stadt San Sebastián, die zusammen mit Breslau in Polen die Kulturhauptstadt Europas 2016 war. Die Perle an der spanischen Atlantikküste war lange wie kaum eine andere Stadt vom Terror der baskischen Untergrundorganisation ETA betroffen - bis diese vor fünf Jahren öffentlich der Gewalt abgeschworen hat. Seither blüht San Sebastián auf. Für ihr renommiertes Filmfestival ist die Stadt schon seit den 1950er Jahren bekannt. Als Kulturhauptstadt wollte die Metropole mit 200.000 Einwohnern nun auch endgültig das Image von Terror und Hass von sich werfen. Insgesamt gab es rund 100 Projekte in Bereichen der Kunst, des Tanzes, des Kinos, der Musik, der Architektur und der Gastronomie. Mit einer großen Silvesterfeier rundet derweil Breslau ein gelungenes Jahr als Europäische Kulturhauptstadt 2016 ab. Das ganze Jahr über fanden rund 2.000 Events aus den Bereichen Architektur, Film, Literatur, Musik, Oper, Kunst und Theater statt.

Aarhus: Schluss mit zweiter Geige

2017 will nun Kopenhagens kleiner Bruder endlich allen zeigen, was er drauf hat: Dänemarks zweitgrößte Stadt Aarhus hat sich als Kulturhauptstadt 2017 viel vorgenommen. Den Titel trägt „die kleinste Großstadt der Welt“, wie die Aarhusianer ihr Zuhause liebevoll nennen, gemeinsam mit dem zyprischen Paphos. Für Aarhus‘ Bürgermeister Jacob Bundsgaard ist das Jahr „eins der absolut ehrgeizigsten Kulturprojekte aller Zeiten in Dänemark“. Um das zu meistern, hat die Studentenstadt mit knapp 320.000 Einwohnern das ganze Umland ins Boot geholt. Die Events unter dem Motto „Let’s Rethink“ sind auf 19 Kommunen verstreut, mehrere hundert kulturelle Institutionen in der Region Midtjylland machen mit. Selbst die Insel Samsø ist mit ihrem Nachhaltigkeits-Festival ein Teil des Spektakels.

Kulturhauptstadt-Chefin Rebecca Matthews verspricht „epische Werke“ und „intime Momente“. Zur ersten Kategorie gehört die Saga „Røde Orm“ über die Abenteuer eines jungen Wikingers auf dem Weg zu seiner großen Liebe. Auf dem grasbewachsenen Dach des Museums Moesgaard bei Aarhus wird die Geschichte den Sommer 2017 über unter freiem Himmel aufgeführt. Schließlich wollen die Aarhusianer im Kulturhauptstadtjahr auch in ihrer eigenen Geschichte graben - und wer, wenn nicht die Wikinger, sollte da eine tragende Rolle spielen?

Im Gegensatz zu ihren kriegstreibenden Vorfahren sind die Dänen heute ein friedfertiges Völkchen und statt auf Schiffen vor allem auf dem Fahrrad unterwegs. Wenn es nach Programmchefin Juliana Engberg ginge, erkundeten damit auch die Besucher aus Dänemark und dem Ausland vorzugsweise die Events der Kulturhauptstadt. „Es ist eine großartige Art, das Land zu entdecken“, sagt Engberg. „Ich meine das wirklich so! Ich glaube, dass das ein Weg ist, wie die Leute hier herumkommen können. Mach’s wie die Dänen und fahr Fahrrad.“ Zum Auftakt wird von der West- an die Ostküste Jütlands geradelt.

Von Mitmach-Kunst bis Hochkultur

Ein Blick in das mehrere Kilo schwere marineblaue Programmheft offenbart hunderte Veranstaltungen, von Mitmach-Kunst bis Hochkultur. Nikolaj Scherfig, Autor der Krimi-Erfolgsserie „Die Brücke“, kommt zu einem Schreib-Workshop in den Urlaubsort Hvide Sande. Im Konzerthaus Musikhuset in Aarhus bringt der Choreograph Wayne McGregor Jonathan Safran Foers Werk „Tree of Codes“ mit einem Design des dänisch-isländischen Künstlers Olafur Eliasson und Musik des Briten Jamie xx auf die Bühne. Kurz zuvor ist dort im April Daniel Barenboim mit dem West-Eastern Divan Orchestra zu Gast. „Größer zu denken“, hat sich Aarhus als Kulturhauptstadt vorgenommen. Fünf Millionen Menschen sollen 2017 zu den Events in die Region kommen.

Paphos: Kultur an der Schnittstelle Europas mit dem Nahen Osten

Auch in Paphos laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren. Es ist das erste Mal, dass eine Region der Republik Zypern diese Aufgabe übernimmt. Das ganze Projekt drohte wegen der schweren Finanzkrise zu scheitern. Doch die Zyprer haben es geschafft. Die Inselrepublik kommt aus der Krise heraus und schaut optimistisch in die Zukunft. Paphos wird 2017 ein multidimensionales Programm anbieten. „Die Völker, die als Reisende, Eroberer oder Händler hier waren, haben ihre Spuren hinterlassen, und die sind sichtbar“, sagt der Chef des Organisationskomitees „Pafos2017“, Christos Patsalides. Das Programm wird ein „Mosaik dieser Kulturen“ und eine „Brücke zwischen den Kulturen“ sein, fügt er hinzu.

Die Touristen-Hafenstadt ist der perfekte Ort für diese Bestrebungen. Nur 15 Kilometer östlich der Stadt soll der Mythologie nach die Liebesgöttin Aphrodite aus dem Schaum des Meeres gestiegen sein. In der Nähe des Hafens soll Apostel Paulus gepredigt haben. Griechen, Perser, Araber, Kreuzritter, Osmanen und Briten, alle kamen auf die Insel als Eroberer oder Siedler und hinterließen ihre Bauten. Gräber, Burgen, Häfen und Tempel sind überall in und um Paphos zu sehen.

Stichwort „Vielfalt“: Mehr als 350 Veranstaltungen

Es sind mehr als 350 Veranstaltungen vorgesehen. Der Start ist für den 28. Januar geplant. Vielfalt ist das Stichwort: Neben vielen lokalen Künstlern werden die Berliner Philharmoniker ihr Europakonzert 2017 (am 1. Mai) in Paphos geben. Sängerin Ute Lemper wird mit Werken von Kurt Weill und Bertolt Brecht in Paphos performen. Doch auch der Osten des Mittelmeeres mit einem musikalischen Ensemble aus dem benachbarten syrischen Aleppo steht auf dem Programm. Die meisten Veranstaltungen werden im Freien stattfinden. Die Kulisse ist malerisch: In Paphos gibt es einen Bilderbuch-Hafen und mehrere antike Stätten aus der hellenistischen und römischen Zeit. Im Sommer will sich Paphos von seiner modernen Seite präsentieren. Eine spektakuläre Sommernachtfeier soll im Hafen am 1. Juli steigen. Die Veranstalter wollen überraschen und halten sich da bedeckt. „Es wird eine Open-Air-Veranstaltung der Superlative sein. Das kann ich verraten“, sagt eine Mitarbeiterin des Organisationskomitees. Für einen Erfolg gibt es gute Voraussetzungen: In Paphos herrscht mediterranes Klima. Selbst im tiefsten Winter sind es um die Mittagszeit 17 bis 20 Grad. Von April bis Ende Oktober herrschen sommerliche Verhältnisse. Da kann kein organisatorisches Problem die gute Laune verderben: „Bei uns wird der Besucher - egal zu welcher Jahreszeit er kommen wird - ein reiches Programm mit 1.200 Künstlern genießen“, sagt der Chef des Organisationskomitees Patsalides. Und die Zyprer sind sich sicher: Überall auf den Straßen von Paphos hängen Schilder mit dem Spruch „Wir werden es schaffen“.