ESCH/ALZETTE
SIMONE MOLITOR

Während der „Open Market Days“ gibt es einen Vorgeschmack auf das Kulturhauptstadtjahr Esch 2022

Morgens 10.30 in der Escher „Muart-Hal“. Es gibt zwar weder Obst noch Gemüse, dafür aber zumindest Appetizer, also einen kleinen Vorgeschmack auf das europäische Kulturhauptstadtjahr 2022. Insbesondere geht es bei diesen „Open Market Days“, die morgen für die Öffentlichkeit zugänglich sind, aber darum, das Konzept von Esch 2022 noch einmal zu erklären. Die Bevölkerung soll auf den Geschmack gebracht werden und der bittere Beigeschmack, der sich über die zuletzt turbulente Zeit aufgebaut hatte, endgültig verschwinden. In den kommenden Monaten will man ganz gezielt auf die Bürger zugehen, um letztlich auch die erwünschte Beteiligung zu stimulieren.

Sind die Kopfhörer erst einmal aufgesetzt, führt der Weg in einen dunklen Tunnel, der mit seinen verschiedenen Lichteffekten die erste Station des multimedialen Informationsparcours durch die ehemalige Markthalle bildet. Begleitet von der Stimme im Ohr, die das Leitthema „Remix“ erklärt, tauchen wir in diese „Sound & Light“-Installation ein.

Die vier Remix-Themensäulen

Die Projekte des Kulturhauptstadtjahres sind in vier zentrale Themen gegliedert: „Remix Nature“ wirft einen Blick auf die natürliche Schönheit der Region, die stark von der Industrie geprägt ist. Gleichzeitig wird die Frage aufgeworfen, welchen Beitrag wir leisten können, damit die Stadt und ihre Umgebung über diese industrielle Vergangenheit hinauswachsen können. „Remix Europe“ soll dazu stimulieren, neue Wege zu gehen und althergebrachte Vorstellungen zu hinterfragen, dies wiederum verbunden mit der Botschaft, dass wir mit unserer Vergangenheit, unserer Gegenwart und unseren Geschichten eine Inspiration für ein neues Europa sein können. „Remix Art“ soll zu Kreativität ermutigen, demnach die Angst vor der aktiven Beteiligung und kreativen Einbringung nehmen. Ohnehin wird die Einbindung der Bevölkerung und der Besucher von außerhalb groß geschrieben. „Remix Yourself“ soll dazu anregen, den Blick auf sich selbst zu richten, zurückzublicken und zu überlegen, was man an seinem vergangenen Leben und letztlich seiner Identität ändern würde, hätte man die Chance dazu.

Vier greifbare Projekte

Nach dieser Einführung wird es in einem nächsten Raum, der mit vier Bildschirmen ausgestattet ist, dann etwas konkreter, zumindest was vier Projekte in ihren Grundzügen anbelangt. Der Wanderweg „Minett Trail“, der die elf Südgemeinden miteinander verbindet, ist ein Sujet, auf das im Themenblock „Remix Nature“ eingegangen wird. „Der Minett Trail bietet die Möglichkeit, jede Gemeinde auf eine tolle Art und Weise vorzustellen. In jeder Kommune kann man noch dazu an einem einzigartigen Platz übernachten, sei es in einem Eisenbahnwagen oder einer alten Schule“, erklärt ProSud-Präsidentin Anouk Boever-Thill in dem Video.

Sandra Schwender, Kultur-Projektmanagerin von Esch 2022, geht auf das Thema „Remix Art“ ein. Ein großer Aspekt ist die digitale Kunst, die ihren Platz in Belval in der früheren Möllerei finden wird. „Digitale Kunst ist etwas Neues, das es so in Luxemburg nicht unbedingt gibt. Es gibt wenige Künstler, die in diesem Bereich arbeiten, den wir dem Publikum näherbringen wollen. Für uns als Esch 2022 ist es wichtig, Grenzen abzubauen und auch eine Plattform zu bieten, wo die Menschen aktiv mitreden können“, erklärt sie.

Laurent Zeimet, Bürgermeister der Gemeinde Bettemburg, wirbt in seinem Beitrag für das Festival „LiteraTour“: „Esch 2022 steht auch unter dem Motto ,Remix Europe‘, also Europa neu denken, Europa neu mischen, und wie könnte das besser gehen als über die Literatur“. Beim Jugend-Literaturpreis könnten etwa Texte aus ganz Europa eingereicht werden. Ein weiteres Projekt in Bettemburg lässt den Riesen aus dem „Parc Merveilleux“ auf Reise gehen, beziehungsweise werden die Leute dazu aufgerufen, sich zu überlegen, was der Riese macht, wenn er nicht im Park liegt. Daraus soll dann ein Comic entstehen.

Stéphanie Luzi, die Leiterin des Jugend- und Kulturzentrum MJC von Villerupt, gibt Details für eine geplante Tanzveranstaltung unter dem Titel „Bal Pop“: „Dahinter steckt die Idee, der Bevölkerung ein festliches und geselliges Programm anzubieten, das gleichzeitig Tanz und Musik aller Richtungen, aller Kulturen und aller Altersstufen verbindet. Im Vorfeld möchten wir die Bürger dazu anregen, sich vollständig in das Projekt einzubringen. Teilen, kultureller Austausch sowie die Schaffung einer sozialen Bindung, genau das verstehen wir unter ,Remix Culture‘“.

Facettenreiches Kulturjahr

Nach dieser Station sitzt die Presse dann endlich den Verantwortlichen von Esch 2022 gegenüber. Dem Publikum wird am Samstag übrigens ein Mitschnitt der Kernaussagen dieser „Pressekonferenz“ geboten, die über eine Stunde dauert. „Heute geht es uns darum, unsere Kommunikationskampagne zu starten, erste Teile des Programms vorzustellen und einen Vorgeschmack auf das Kommende zu geben“, erklärt Generaldirektorin Nancy Braun. Das Digitale beschreibt sie als einen wichtigen Aspekt, betont aber, dass das Kulturjahr ganz viele verschiedene Facetten habe.

Das Esch2022-Team setzt sich momentan aus 13 Mitarbeitern zusammen, hinzukommen 20 externe Partner. Die Mannschaft wird im Laufe der Zeit noch wachsen, auch innerhalb der beteiligten Gemeinden, wo die Wichtigkeit dieses Projekts inzwischen erkannt wurde, wie Nancy Braun erfreut feststellt. Ziel sei es, noch näher zusammenzurücken und noch vernetzter zu arbeiten. Die Wichtigkeit der Tourismusstrategie wird mehrfach hervorgehoben, schließlich geht es nicht nur darum, Besucher von außerhalb in die europäische Kulturhauptstadt und ihre Partnergemeinden zu locken, sondern auch die Bevölkerung zu motivieren, die Region mit ihrer jahrhundertelangen Geschichte zu erkunden. „Wir legen viel Wert auf Barrierefreiheit und zwar auf allen Ebenen. Meine Vision ist es, die ganze Region zusammenwachsen zu lassen. Jeder soll seinen Beitrag dazu leisten können und so die Zukunft der Region mitgestalten“, betont Nancy Braun.

Das Headquarter wird derweil in Belval eingerichtet, wofür es auch Kritik gab. „Belval als Stadtteil ermöglicht es uns, ein ganz vielfältiges Programm auf die Beine zu stellen, Projekte, die von der Größe her nur schwer im Zentrum von Esch realisierbar wären. Belval ist wichtig, aber nicht wichtiger als andere Austragungsorte auf dem ganzen Gebiet der Kulturhauptstadt. Es gibt keine Hierarchie“, unterstreicht die Generaldirektorin.

Suche nach Sponsoren

Das Esch2022-Team ist immer noch auf der Suche nach Sponsoren. „Wir haben uns den 31. Mai als Deadline gesetzt, um sechs große Partner zu finden. Sponsoring liegt uns aber nicht nur für uns selbst am Herzen, sondern auch für unsere externen Projektträger. Wegen der Entscheidung, nur maximal 50 Prozent der Finanzierung eines Projekts zu übernehmen, stehen wir ja etwas in der Kritik, Wir wissen, dass es nicht leicht ist, den anderen Teil aufzubringen, deshalb werden wir ein Matchmaking-Event organisieren, um Partner für die Projektträger zu finden. Wir erhoffen uns, dass daraus Partnerschaften entstehen, die 2022 überdauern“, sagt Nancy Braun.

Programmdirektorin Françoise Poos versteht das Programm nicht als simple Anhäufung einzelner Events: „Es ist kein Festival, das jetzt ein Jahr lang dauert. Die vielen kleinen Teile sollen aber am Ende ein großes, gemeinsames Programm ergeben. Daran sind viele verschiedene Partner beteiligt. Es ist uns ein Anliegen, Anstöße zu geben und in Zusammenarbeit mit allen neue Wege auszukundschaften“. Eine ganze Reihe toller Projekte nehme momentan konkret Form an, wie viele es am Ende genau sein werden, lasse sich aber noch nicht sagen. 606 Projektvorschläge sind eingereicht worden, womit das große Interesse an der Mitgestaltung von Esch 2022 deutlich wird. „32 Prozent in der Kategorie ,Remix Art‘, 25 Prozent für ,Remix Europe‘, 23 Prozent für ,Remix Yourself‘ und 20 Prozent für ,Remix Nature‘“, listet Françoise Poos auf. Zwei Drittel davon sind bislang vom „Comité de lecture“ ausgewertet worden. Bis Mai soll der Prozess, zu dem auch die Nachbearbeitung vieler Projekte mit den jeweiligen Trägern zählt, abgeschlossen sein.

Vier Ausstellungen in der Möllerei

Am weitesten fortgeschritten ist momentan das in der Möllerei geplante Expo-Programm mit dem Schwerpunkt auf digitale Kunst. Für die erste Ausstellung in dem 375 m2 großen „Digital Space“ zeichnet die Kulturinstitution ZKM Karlsruhe verantwortlich. Partner für weitere Ausstellungen sind das „Ars Electronica Center“ aus Linz sowie das „Haus der elektronischen Kunst“ aus Basel. Eine letzte Schau in der Möllerei wird vom luxemburgischen Historiker Pit Péporté und seiner Firma „Historical Consulting“ zusammengestellt. Bereits an diesem Wochenende wird übrigens der Pavillon auf dem Brillplatz, „Annexe22“, der im Jahr 2022 als Ausstellungs- und Austragungsort fungieren wird und noch dazu eine Anlaufstelle für Bürger und Gäste sein soll, erstmals mit einer Installation des Künstlers und Designers Floris Hovers bespielt.

Am Ende des multimedialen Informationsparcours finden wir uns in der Virtual-Reality-Lounge wieder, wo es mittels VR-Brille dann auch einen Vorgeschmack auf die große Eröffnungsfeier am 22. Februar 2022 gibt, die ebenfalls ganz partizipativ gestaltet werden soll. Übergeordnetes Ziel ist es letztlich, das Image der Stadt Esch/Alzette, der elf Pro Sud-Gemeinden sowie der acht französischen Gemeinden der Region „Communauté des communes du Pays Haut Val d’Alzette“ nachhaltig zu verbessern. Unter Einbeziehung der Bürger soll eine neue Identität geschaffen werden. In diesem Sinne steht die Abschlussfeier am 22. Dezember 2022 dann auch unter dem Motto „Re-Start“.

Alle Informationen unter www.esch2022.lu

Einschreibung für den „Open Market“ an diesem Samstag über folgenden Link: tinyurl.com/OpenEsch22

„European Capital of Culture“

Worum es geht

Kulturhauptstädte Europas werden vier Jahre vor dem tatsächlichen Kulturhauptstadtjahr formell ernannt. Diese lange Vorlaufzeit ist für die Planung und Vorbereitung eines so komplexen Ereignisses notwendig. Der von der Europäischen Kommission unterstützte Ausschuss ist während dieser vier Jahre fortlaufend involviert, um den Kulturhauptstädten Europas mit Ratschlägen und Empfehlungen zur Seite zu stehen und den Stand ihrer Vorbereitungen zu prüfen. Die Initiative „Kulturhauptstädte Europas“ soll:

• den Reichtum und die Vielfalt der Kulturen in Europa hervorheben
• die kulturellen Eigenschaften würdigen, die den Europäern gemein sind
• bei den Bürgerinnen und Bürgern Europas das Gefühl stärken, einem gemeinsamen Kulturkreis anzugehören
• den Beitrag der Kultur zur Entwicklung von Städten unterstützen
Zusätzlich hat die Initiative gezeigt, dass sie eine hervorragende Gelegenheit bietet für:
• Stadterneuerung
• Stärkung des internationalen Profils von Städten
• Imageverbesserung von Städten in den Augen ihrer eigenen Bewohnerinnen und Bewohner
• kulturelle Neubelebung einer Stadt
• Belebung des Tourismus
Quelle: EU-Kommission: tinyurl.com/EU-Prozedur

BUDGET UND INFRASTRUKTUR

Arbeiten unter Zeitdruck

Rund 57 Millionen Euro stehen an Budget für Esch 2022 zur Verfügung. Die Stadt selbst beteiligt sich mit zehn Millionen Euro, die EU-Kommission mit 1,5 Millionen Euro, und der Staat steuert 40 Millionen Euro bei und investiert zudem 35,3 Millionen in Infrastrukturarbeiten in Belval. Diese fließen unter anderem in den Bau einer Passerelle zwischen dem Hochofen A und der ehemaligen Möllerei, die ebenfalls instand gesetzt wird und zur Hauptattraktion beziehungsweise zum Herzstück von Esch 2022 werden soll. Dort soll nämlich ein „Digital Space“ mit einer Ausstellungsfläche von 375 m2 eingerichtet werden.
War von Anfang an immer wieder die  Gebläsehalle – wo bereits 2007 die große Ausstellung „All we need“ untergebracht war – als Wunsch-Headquarter genannt worden, so hatten Analysen gezeigt, dass eine Instandsetzung bis 2022 nicht umsetzbar wäre. Belval wird dennoch als Hauptquartier für Esch 2022 fungieren. Auch die Büros des Koordinatorenteams werden dort eingerichtet. Eine Brücke wird das Zentrum von Esch dann auch mit Belval verbinden. In der Minettmetropole selbst stehen ebenfalls aufwendige Umbauarbeiten an. So werden etwa das Kino Ariston und das Bridderhaus komplett renoviert. Beide sollen zu wichtigen Schauplätzen für die Kulturhauptstadt werden.  SIM