LUXEMBURG/ SANKT GALLEN
CORDELIA CHATON

Martin Ford hat jahrelang Software entwickelt, bevor er Bücher über die Entwicklung des Arbeitsmarktes schrieb - Menschen haben dort immer weniger Platz

Die Angst vor dem Supercomputer, der die Menschheit auslöscht, ist fast so alt wie der Computer selbst. Kann künstliche Intelligenz es so weit bringen? Zumindest revolutioniert sie die Arbeit, zerstört sie laut Martin Ford. Er ist in den USA bekannt. Den einen gilt er als Nestbeschmutzer, den anderen als Visionär. Denn der studierte Informatiker und Betriebswirt, der als Softwaredesigner begann und lange sein eigenes Unternehmen leitete, glaubt nicht an Zukunft durch ein Studium und Wissen. Der Amerikaner ist viel mehr überzeugt, dass Roboter die Jobs machen werden, die heute Menschen erledigen. Deshalb plädiert er für ein garantiertes Einkommen. Seine Bücher beruhen auf eigenen Überlegungen. 2009 erschien „The Lights in the Tunnel: Automation, Accelerating Technology and the Economy of the Future“ und 2015 - als Antwort auf die Kritiker - dann „Rise of the Robots: Technology and the Threat of a Jobless Future“. Während des Symposiums in Sankt Gallen erklärte er seine Ideen.

Ihr Buch „Rise of the Robots“ wurde von der „Financial Times“ als Buch des Jahres ausgezeichnet. Roboter aber sind keine Neuheit. Warum jetzt der Hype?

Martin Ford Es gibt in den USA schockierende Studien über Absolventen, die trotz der hohen Kosten für das Studium keine Arbeit finden. Das betrifft die Menschen. Ich selbst hatte ein Geschäft in den 90er Jahren, das auf Microsoft basierte. Dann kam die Automatisierung und ich habe die Folgen gesehen. Wir müssen den Kapitalismus adaptieren. Das Geld muss zu den Leuten und nicht mehr zu der Ware kommen. Die ideale Idee wäre ein garantiertes Grundeinkommen. Diese Idee gibt es schon länger. Sie bedeutet aber nicht, den Leuten einfach Geld in die Hand zu drücken. Finnland denkt beispielsweise darüber nach. Denn das derzeitige Modell funktioniert nur, solange eine Wirtschaft da ist, die Steuern zahlt. Im Moment wird Arbeit sehr stark besteuert. Aber die Arbeit wird verschwinden und dann muss man das anders organisieren. Es gibt aber auch viel radikalere Ideen. Denken Sie nur an Zentralbanken, die Helikoptergeld verteilen.

Sind Sie ein Antikapitalist?

Ford Nein, ich halte Kapitalismus immer noch für das bessere System. Mir geht es um die Auswirkungen der technologischen Revolution. Das Kapital wird mehr Wohlstand absorbieren als Arbeit. Aber Arbeit sorgt für Einkommen. Ein Millionär wie Bill Gates kann sich alles kaufen. Doch das tut er nicht. Wenn Einkommen sich nur in einer Hand befindet, wird es abgezogen. Die Frage ist, wie sich der Kapitalismus behaupten kann, wenn es sehr viele Arbeitslose gibt. Denken Sie nur an die große Krise in den 30er Jahren in den USA. Damals gab es eine Arbeitslosenrate von 25 Prozent und reiche Menschen hatten Angst vor einer Revolution.

Wie schnell können Maschinen Menschen ersetzen?

Ford Die Entwicklung ist beeindruckend. Es gibt Tests, wo Menschen denken, sie reden mit anderen Menschen, obwohl sie in Wahrheit mit Maschinen reden. Maschinen ersetzen heute viele Jobs, die früher undenkbar waren, beispielsweise die Auswertung von Röntgenaufnahmen oder auch das Schreiben von Artikeln. Computer können in Zukunft Jobs in der Logistik ersetzen oder auch Wachdienste in Gebäuden. Oder nehmen Sie das Beispiel selbstfahrender Autos: Auch die können in Zukunft sehr viele Jobs ersetzen. Uber investiert dort massiv, weil es sich von seinen Fahrern trennen will. Auch Versicherungen und Werkstätten werden betroffen sein. Elon Musk, der Silicon-Valley-Milliardär und Gründer des Elektroautokonzerns Tesla und des Raumfahrtunternehmens SpaceX, fürchtet die drohende Übermacht der Computer. Deshalb hat er dieses Jahr zehn Millionen Dollar an das „Future of Life Institut“ in Boston gespendet. Es soll mit einem Forschungsprogramm sicherstellen, dass die künstliche Intelligenz nicht eines Tages die Menschheit zerstöre. Maschinen werden intelligenter werden und bald auch fühlen können. Dennoch werden Bereiche wie Krankenpflege und Gesundheitswesen schwierig für Roboter bleiben. Menschen werden aber nicht überflüssig. Ihre Einzigartigkeit bleibt. Dieses Thema verfolgen Forscher an der Google University eifrig.

Wie steht es mit der Automatisierung von Politikern? Lässt sich Trump ersetzten?

Ford Ich denke, die künstliche Intelligenz wird in viele Bereiche vorstoßen. Es gibt eine bekannte Studie über Richter und ihre Urteile. Sie zeigt: Wer kurz vor dem Essen dran ist, muss mit einem harten Urteil rechnen. In den USA gibt es viele Probleme mit Rassismus in der Polizei. Menschen sind nicht immer gut in ihrem Job.

Riskiert die Menschheit, Humanität und Handwerk zu verlieren?

Ford Ich denke, das Risiko ist hoch. Wir müssen echte Anstrengungen unternehmen, damit wir die Kulturpraktiken erhalten. Das Buch „Moonwalking with Einstein“ von Joshua Foer beschreibt das ganz gut. Wie wir das erhalten, ist eine Frage der Gesellschaft. Vielleicht wird man eines Tages keinen Unterschied mehr machen zwischen 3D-Druck und Handwerk. Vielleicht werden Menschen eines Tages ein Handwerk deshalb ausüben, weil es sie zufrieden macht und nicht, weil sie dafür Geld erhalten. Das wäre noch ein Argument für das Grundeinkommen.

Welche Folgen wird das für Schwellenländer haben?

Ford Große Fabriken werden verschwinden. In Indonesien werden Nike-Schuhe hergestellt, aber die Leute dort wurden ersetzt, weil ihre Löhne zu sehr stiegen. In Alabama fertigt Adidas übrigens auch mit Computern. Andererseits: Wenn wir die Menschen in Afrika ernähren wollen, kann Automatisierung eine wichtige Rolle spielen. Dienstleistungen, die früher in Länder wie Indien ausgesourct wurden, werden dort mittlerweile auch von Maschinen erledigt. In Indien sorgt das für ein Problem, weil zehn Millionen neue Jobs pro Jahr gebraucht werden. Dort gibt es übrigens eine Studie zum garantierten Einkommen, laut der es einen großen Erfolg hätte. Ich denke, das erste, was man machen müsste, ist den Armen und Obdachlosen zu helfen.

Welches Bewusstsein haben Politiker für dieses Thema?

Ford Recht wenig. In Südkorea und den Niederlanden sind die Politiker interessiert. Zumindest habe ich das in Gesprächen mit Verantwortlichen dort festgestellt. In den USA ist das kein Thema.

Gibt es für Sie eine Alternative zum garantierten Einkommen?

Ford Vielleicht, dass Unternehmen für Daten zahlen. Amazon sammelt seit zwanzig Jahren immense Datenmengen über Konsumverhalten. Auch Facebook, Youtube und Google sammeln. Das wäre dann ein Mikropayment mit neuer Consumeridentität. Ein Problem könnte sein, dass Menschen ihr Verhalten ändern, um eine Verbraucheridentität zu erhalten. Eines ist sicher: Die Entwicklung lässt sich nicht einfach durch Verbote aufhalten. Hier gibt es viel Wettbewerb. Die nächsten Dekaden werden sehr interessant. Ich denke, in der Zukunft werden die Menschen mehr Teilzeit arbeiten und mehr Zeit mit ihrer Familie verbringen.

Zur Person

Martin Ford

Der Gründer des Unternehmens „Solutionsoft“ und Autor des Bestsellers „Rise of the Robots“ hat über 25 Jahre Erfahrung im Bereich Technologie. Nach einem Informatikstudium an der „University of Michigan“ in Ann Arbor und einem Wirtschaftsabschluss an der the University of California in Los Angeles war er lange Zeit selbständig. Laut eigenen Angaben hat er über 25 Jahre Erfahrung in Computerdesign und Softwareentwicklung. Bekannt wurde der 1962 geborene Amerikaner durch zwei Bücher und zahlreiche Fachartikel. Heute tritt er als Keynote-Speaker auf.

Twitter: @MFordFuture - www.facebook.com/RiseoftheRobotsBook