PARIS
CORDELIA CHATON

Der weltgrößte Stahlhersteller will Klimawandel und Wettbewerbsfähigkeit gegenüber China in Einklang bringen

Grüne Anpassungen - nicht mehr und nicht weniger forderte der weltgrößte Stahlhersteller ArcelorMittal vor der europäischen Presse während seines traditionellen Medienjahrestreffs in Paris. Diese Forderung zielt vor allem auf die chinesische Konkurrenz. Deren Importe unterliegen nicht den gleichen Anforderungen wie der in Europa hergestellte Stahl, wie Aditya Mittal, Präsident, Chief Financial Officer und CEO von ArcelorMittal Europe betonte.

Der Sohn des Firmengründers unterstrich, dass zwar etwas geschehen sei, weil China seine Überkapazitäten um 140 Millionen Tonnen heruntergefahren habe. „Aber es gibt noch Überkapazitäten. Um die abzubauen, wäre eine Reduktion Chinas von 250 Millionen Tonnen Kapazität nötig“, erklärte er. „Die bisherigen Kürzungen hatten einen positiven Effekt, sind aber nicht ausreichend.“ Neben diesen strukturellen Problemen gebe es auch die politische Agenda des Handels. Stahl sei ein globales Produkt, dass durch die Überkapazitäten die Handelsströme und somit die Politik beeinflusse. „Ein Drittel des Stahls wird auf fremden Märkten verkauft“, betonte Mittal. Solange die Importe so hoch blieben, sei eine weitere politische Unterstützung notwendig.

Die Mahnung an die Adresse vor allem der EU findet vor dem Hintergrund des „Emission Trading Systems“ (ETS) statt, das Stahlherstellern in der EU vor allem im Hinblick auf CO2 Auflagen macht und ein Instrument der EU-Klimapolitik ist. Das ETS steht vor der vierten Phase seiner Umsetzung. Stahlhersteller in Europa sehen sich daher Auflagen gegenüber, die mit Kosten verbunden sind.

ArcelorMittal will, dass diese Auflagen auch für Importstahl gelten, um gleiche Bedingungen im Wettbewerb, ein so genanntes „level playing field“, zu schaffen. Das würde sowohl dem Klimaschutz als auch der europäischen Stahlindustrie helfen, so der Konzern-Chef. „Wir wollen eine Anpassung. Das jetzige System wird nicht verändern, wie Stahl produziert wird, sondern vor allem, wo Stahl produziert wird“, kritisierte Mittal. „Wir brauchen die politische Unterstützung.“ Sonst würde immer mehr Stahl aus Ländern ohne Klimaauflagen importiert, deren Importe sich allein 2018 auf 26 Millionen Tonnen belaufen hätten.

Ausreichende Nachfrage

Im Hinblick auf die Nachfrage geht ArcelorMittal davon aus, dass sie weiter positiv bleibt, auch wenn global gesehen das Niveau von 2008 noch nicht wieder erreicht worden sei. Nach der Finanzkrise 2008/2009 war die weltweite Stahlnachfrage eingebrochen. Zwar steht die endgültige Berechnung des Stahlkonzerns erst im Februar 2019, aber ArcelorMittal geht schon jetzt davon aus, dass die Nachfrage 2018 um zwei bis drei Prozent stieg und 2019 bei plus 1,4 Prozent liegen wird. „In unseren Märkten ist die Nachfrage positiv, wenn auch geringer“, erläuterte der Stahlmanager.

Mittal betonte die großen Anstrengungen im Bereich Forschung und Entwicklung, um weniger CO2 auszustoßen. „Dafür geben wir pro Jahr rund 300 Millionen Dollar aus“, sagte er. „Wir wollen unsere führende Stellung nutzen, um die Entkarbonisierung auszubauen. Aber wir brauchen global die gleichen Bedingungen.“ Alles hänge von Anfang bis Ende mit China zusammen.

„Sie haben Riesenkapazitäten aufgebaut und ihre Verluste exportiert, bis andere Stopp gesagt haben.“ Zwar hätten auch massive Exporte der krisengeschüttelten Türkei zu Problemen geführt, jedoch in weit geringerem Maß. Mittal plädierte für Quartalsquoten, um Marktverzerrungen zu vermeiden.

Investitionen in Italien, Brasilien und Indien

Intern will der Konzern durch Forschung und Entwicklung, das Projekt Action 2020 sowie Produkte mit Mehrwert wachsen. International soll das vor allem durch drei große Zukäufe gelingen. Zunächst ging der Stahlmanager auch auf die Werke des von ArcelorMittal übernommenen Ilva-Konzerns in Italien ein. Dort werden derzeit 2,4 Milliarden Euro investiert, die zu großen Teilen in die Umwelt fließen. Dazu gehören neue Filter und Wassereinigung, aber auch ein neues Forschungszentrum. Derzeit ist der Stahlriese dabei, 10.700 Mitarbeiter des alten Werks neu einzustellen. Der Prozess soll im Januar 2019 abgeschlossen sein.

Neben Ilva investierte ArcelorMittal 2018 auch in Brasilien, wo die brasilianische Tochter des Konzerns mit dem Langstahlhersteller Votorantim fusionierte und die Walzstahlaktivitäten zusammenführte. Mittal sprach von einer Rohstahlkapazität von 5,1 Millionen Tonnen und nannte das Geschäft komplementär zu vorhandenen Aktivitäten an anderen Standorten in Brasilien.

In Indien schließlich will ArcelorMittal den Hersteller Essar kaufen. „Wir sind seit 2006 in diesem stark wachsenden Markt aktiv. Essar hat eine Kapazität von 8,5 Millionen Tonnen Stahl“, sagte Mittal. Jetzt erwarte man die offizielle Bestätigung des Angebots.