LUC SPADA

Ich mag es ja nicht gerne sagen, aber FRÜHER, vor zehn Jahren, war es besser, war es klarer. Da wusste man, wenn man draußen, in der Kälte, stehen möchte, dann muss man zum Berghain, hedonistisches Paradies für Nachtschwärmer in Berlin.

Ja, und dort gibt es ganz viele Homosexuelle und natürlich auch Heterosexuelle, die so tun, als wären sie homosexuell, und weil Homosexuelle doch immer Glitzer im Gesicht haben, schmieren sich Heterosexuelle auch Glitzer ins Gesicht, um homosexueller zu wirken, und zwar, weil sie gehört haben, dass Homosexuelle wirklich viel bessere Chancen haben, in den Club zu kommen, weil Homosexuelle doch immer so schön Party machen, und lustig sind, und so freizügig, und so glücklich. Die Warteschlange als Event.

Nachdem das Glitzervolk dann zwei Stunden in der berühmt-berüchtigten Warteschlange gewartet hat, entscheidet Deutschlands berühmt-berüchtigter Türsteher (er hat überall Tattoos, auch im Gesicht, hihi, voll Berlin, hihi) und sehr mittelmäßiger Fotograf, ob du rein darfst oder nicht, willkürlich, aber sehr Zeitgeist, sehr, Trommelwirbel, POSTFAKTISCH.

Übrigens frage ich mich, was diese Türsteher (nicht alle, jaja, ich weiß) denken, das frage ich mich auch immer bei Donald Trump, bevor sie einschlafen: „Geil, heute wieder ein paar Leute aufgrund ihres Äußeren beleidigt.“ „Gut, dass ich den mit der Jogginghose nicht reingelassen habe, der sah aus wie ein Mexikaner. Der hätte bestimmt Probleme gemacht.“ Gute Nacht, Welt.

Alle anderen Clubs pflegten eigentlich eine immer etwas offenere Türpolitik. Hauptsache niemandem auf die Fresse hauen, viel Spaß. Willkommen in Berlin.

Zehn Jahre danach. Berlin hat nur noch sehr wichtige, trendige Clubs, die sich mit Easyjet-Touristen und Berliner Startup-Versagern füllen. Die Generation mit den vielen Möglichkeiten. In der Regel meide ich diesen Zirkus. Aber drei sehr gut aussehenden, jungen Frauen zuliebe, ich weiß, ich bin billig, warte ich in einer riesen Warteschlange vor dem Kater Blau, DER Club.

Nach einer Stunde vor der Türsteherin, sehr farbig angezogen, Style: Ich kaufe alle meine Kleider second-hand, weil ICH finde den Kapitalismus ganz doof. Bewusstes Leben und so. Anfang 40, natürlich Tattoo in der Fresse, guckt eine meiner gutaussehenden Freundinnen an und fragt, ob sie traurig ist, sie verneint.

Dann lässt sie uns wieder warten, redet in der Zwischenzeit irgendwelchen sinnlosen Müll mit den zwei anderen Türstehern, die ebenfalls sehr bemüht um einen coolen Auftritt - sie haben auch alle eine lustige Mütze auf und einen sehr langen, ungewaschenen Bart (du hast da was) - sind.

Ich frage mich in der Zwischenzeit, wie klein die Vision eines Menschen sein muss, wenn man Gefallen daran findet, junges und weniger junges, partywilliges Volk mit Machtspielchen zu belästigen.

Dann umarmt sie einen (der sehr zahlreichen) Milli-Vanilli-Hipster(s) von der Gästeliste, emmm, mit übertriebenem Maß an hypokritischem Glücksgefühl. Ich muss grinsen, mein Gott, bin ich froh, nicht so ein Arschloch zu sein, ah, und jetzt dreht sie sich wieder zu uns: „Eure Fressen passen mir nicht, und schwarz gekleidet, da steh ich nicht so drauf.“

Ich habe Lust, sie mit allen möglichen Schimpfworten zu beglücken, mach es dann auch, aber ein paar Meter weiter, nein, das ist es nicht wert. Ich werde ganz einfach Immobilienhai und kaufe das Ding auf und packe ein Fünf-Sterne-Hotel drauf. Voilà, you get what you deserve. In meiner Hotel-Bar seid ihr alle willkommen. Gute Nacht, Sexy.