Der Großteil der Asylsuchenden in Luxemburg kommt immer noch aus den Westbalkan-Staaten, auch wenn ihre Chancen, als Flüchtlinge anerkannt zu werden, verschwindend gering sind. Im ersten Halbjahr 2015 kamen insgesamt 318 Asylsuchende aus den Westbalkan-Staaten, was einem Anteil von 58 Prozent entspricht. Bei unserem deutschen Nachbarn sieht die Situation ähnlich aus.
Viele von den Balkan-Flüchtlingen sind Roma. Deren Lage habe sich in den letzten Jahren „dramatisch verschlechtert“, erzählt Ljatife Shikovska von der mazedonischen Roma-Hilfe „Ambrela“. In dem kleinen Balkanland seien etwa 5.000 von ihnen überhaupt nicht existent. Ohne Personalpapiere und damit ohne Sozial- und Krankversicherung. Sie haben keinen Zutritt zum Bildungssystem und zum Arbeitsmarkt. „Es kommt zu grotesken Situationen, dass Roma wegen Straftaten ins Gefängnis müssen ohne dass ihre Identität festgestellt wurde.“
Keine Perspektiven, korrupte Politiker
Amdi Bajram ist der führende Roma-Politiker des EU-Beitrittskandidaten Mazedonien und sitzt sogar im Parlament. Er kann die Massenflucht seiner Landsleute ins gelobte Deutschland nachvollziehen. Praktisch alle seien arbeitslos. Mit der staatlichen Sozialhilfe von 20 Euro pro Person kann man nicht überleben. Von fünf Euro pro Tag durch Papier- und Metallsammeln erst recht nicht. Die Leute verkauften ihre bescheidenen Behausungen zu Spottpreisen, um die Reise nach Ländern wie Deutschland oder Luxemburg zu finanzieren. „Hier gibt es für sie keine Perspektive.“ Die Folge: In der größten Roma-Siedlung in Europa, im Skopje-Stadtviertel Sutka, hat jede Familie Kontakte nach Deutschland. Die Dörfer rund um Strumica im Süden des Landes - ebenfalls eine Roma-Hochburg - sind leer, berichten Menschen aus der Region.
Aber nicht nur Roma strömen aus Südosteuropa in die EU. Im Frühjahr machten sich Zehntausende Albaner aus dem Kosovo auf den Weg. Sie waren nach Parlamentswahlen maßlos enttäuscht, dass sich die beiden eigentlich tief verfeindeten größten Parteien zu einer Regierungskoalition zusammengeschlossen hatten. Das wurde als Zeichen gewertet, dass keine Besserung des miserablen tagtäglichen Lebens zu erwarten ist. „Die bis ins Mark korrupten Politiker wollen das Land nur noch mehr ausrauben“, begründeten viele Flüchtlinge ihre Motive.
Viele Kroaten in Bosnien-Herzegowina besitzen indes Pässe des jüngsten EU-Mitglieds Kroatien. Mit denen können sie unbehelligt in die EU kommen, berichtet Behördensprecher Sefik Smlatic in Bihac der größten bosnischen Zeitung „Dnevni avaz“. Ganze Dörfer rund um die Städte Livno, Tomislavgrad. Kupres, Drvar und Grahovo seien „fast leer“. Bei einer Arbeitslosigkeit unter jungen Menschen von bis zu 67 Prozent will praktisch jeder weg. Den Vorteil von EU-Pässen wollen auch viele Mazedonier nutzen, die sich als Angehörige der bulgarischen Minderheit ausgeben und Dokumente im Nachbarland Bulgarien erwerben. 100.000 sollen es sein, berichten Medien.
Die Regierung all dieser Länder, denen die Bürger den Rücken kehren, reagieren uninteressiert, lustlos oder genervt auf dieses für sie unangenehme Thema, berichten deutsche Diplomaten in der Region. Die erste Aufgabe, die Lage der Armen und Perspektivlosen zu verbessern, liege doch bei den jeweiligen nationalen Behörden. Es sei skandalös, dass sich Ende August in Wien wieder die Spitzen der Balkanländern mit EU-Vertretern zu einem Gipfel treffen und gleichzeitig zuhause nicht ihre Aufgaben erledigten.


