LUXEMBURG
PATRICK WELTER

Wie kann man den Absturz der Erzeugerpreise für Schweinefleisch aufhalten?

Man begreift erst wie groß die Marktmacht des norddeutschen Schlacht- und Zerlege-Betriebs „Tönnies“ ist, wenn man merkt, dass die Corona-bedingte Schließung dieser Fleischfabrik bis auf den luxemburgischen Markt durchschlägt.

In dieser Zeit des Stillstandes ging es deutlich weniger Sauen an den Kragen als üblich. Plötzlich saßen Tausende Schweine in den Zuchtbetrieben fest, ohne ihren vorherbestimmten Weg zum Schnitzel gehen zu müssen – die Folge war ein Überangebot und ein krachender Preisverfall. Selbst die Chinesen, die im letzten Jahr noch jede geschlachtete  Sau gekauft haben, der sie habhaft werden konnten, sind derzeit kein Abnehmer. Vorbei die Zeiten, als die Aufkäufer jederzeit ordentlich Geld für Schweinefleisch auf den Tisch legten.

Der Einbruch ist so stark, dass die CSV-Fraktionschefin Martine Hansen sich mit einer umfangreichen und dramatisch formulierten Frage an Landwirtschaftsminister Romain Schneider gewandt hat, um eine Lösung für die Schweinezüchter und  -mäster zu finden.

Für Hansen ist besonders bitter, dass sich der Preisverfall bei den Erzeugerpreisen nicht bei den Preisen im Handel niederschlägt, sich die Verbraucherpreise nicht im freien Fall befinden. Wie kann den luxemburgischen Produzenten in dieser Situation geholfen werden? Sollten sich nicht die Akteure der gesamte Wertschöpfungskette vom Bauern bis zum Supermarkt auf einen Ertrag einigen, der allen nützt? Hansen stellt sogar die ketzerische Frage ob die Produktion nach den Standards der „Marque Nationale“ etwas bringt.

Ein echtes Problem

Die lange und ausführliche Antwort von Minister Schneider zeigt, dass der Preisverfall bei Schweinefleisch kein nebensächliches Problem ist.

Nach einem guten Jahr 2019, das einen kontinuierlichen Preisanstieg und damit auch eine Produktionssteigerung mit sich brachte, schlug die spezielle Situation des Corona-Jahres 2020 durch. Seit Anfang März sind die Erzeugerpreise für Schweinefleisch  nur noch auf dem Weg nach unten. Nach einer kurzen Stabilisierung im Juni, ging der Preisverfall, weiter.

Schneider weist darauf hin, dass die Nachfrage seit Ausbruch der Pandemie  weltweit zurückgegangen ist. Im Gegensatz zu Hansen nannte Schneider den Verursacher des weiteren Preiseinbruchs beim Namen – die Fleischwarenfabrik „Tönnies“, die als Corona-Hotspot ihre Produktion wochenlang einstellen musste, womit erhebliche Schlachtkapazitäten wegfielen. Damit wurde auch der deutsche Export nach China stark beeinträchtigt. Da sich Luxemburg an den deutschen Markt anlehnt, hat das auch deutliche Folgen hierzulande.

In der EU geht man, laut Schneider,  aber davon aus, dass sich die Preise in den nächsten Wochen stabilisieren werden – wenn es nicht zu einer Verschlechterung der Covid-19 Lage kommt. Schneider erklärt aber anhand einer Modellrechnung, dass die kumulierten Erträge von 2020 unter Berücksichtigung der Produktion zu Jahresbeginn immer noch ein paar Prozent über dem Mittelwert der letzten Jahre liegen. In den Sommermonaten sei die Nachfrage nach Schweinefleisch, aufgrund der „Grill-Saison“ besonders hoch, je nachdem wie sich die Preise in den nächsten Monaten entwickeln, müsse man über Maßnahmen nachdenken. Derzeit werden noch Daten gesammelt. Die Europäische Union habe immerhin die Möglichkeit staatlicher Beihilfen in Krisenzeiten flexibler gestaltet. Es sei zwar noch zu früh um etwas zu unternehmen, aber man müsse die Situation „ganz ernst nehmen“.

Die Abstimmung der Wertschöpfungskette sei eine zweischneidige Sache, weil gekoppelte und nicht gekoppelte Preise  jeweils Vor- und Nachteile haben. Mit der Anlehnung an den deutschen Markt habe man den China-Boom genauso mitgenommen, wie jetzt den Preisverfall. Schneider formuliert es freundlich und verklausuliert, aber wenn man seine Antwort auf die Frage nach der „Marque Nationale“ richtig interpretiert beziehungsweise zwischen den Zeilen liest, ist die Antwort klar erkennbar: Es wird nichts nützen.

Konventionell produziertes Schweinfleisch (also das Gegenteil von Bio) gehöre nun mal zum „Niedrigpreissegment“. Langfristig gehe es um mehr Qualität, Regionalität und eine bessere Anerkennung der Landwirte in der Wertschöpfungskette.