LUXEMBURG
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„Hadjoghutiun Armenia*, Moie Lëtzebuerg!“: Gohar fühlt sich in beiden Ländern wohl

Wie fühlt es sich eigentlich für eine Ausländerin an, nach Luxemburg zu ziehen und sich hier ein Leben aufzubauen? Worin liegen die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen dem Heimatland und Luxemburg? Und wo ist eigentlich „Zuhause“? Im Interview geht Gohar, eine gebürtige Armenierin, auf diese Fragen ein und erklärt, warum sie sich in Luxemburg am besten weiterentwickeln konnte.

Wer bist Du?

Gohar Ich heiße Gohar, bin 27 Jahre alt und komme aus Armenien. Ich habe meinen Bachelor in Linguistik in Armenien gemacht und heute mache ich meinen Master an der luxemburgischen Universität in der Mehrsprachigkeit.

Erzähl uns doch mehr über Dein Leben in Armenien.

Gohar Ich bin in Armenien geboren, habe jedoch die ersten Jahre meines Lebens in Russland verbracht. Mit sechs war ich dann wieder in Armenien und ging dort zur Schule. Das Land kennt ziemliche Extreme in Bezug auf Menschen und ihr Benehmen: Es gibt extrem freundliche Menschen die so warmherzig zu dir sind, und es gibt diese mürrischen, fiesen Menschen. Die sind zum Glück in der Unterzahl. Was die Natur angeht, hat Armenien viele idyllische Wanderwege zu bieten. Überraschenderweise wurden diese in den letzten Jahren sehr populär bei den Touristen. Ich bin mir nicht sicher, woran das liegen könnte, vielleicht an der Revolution, die letztes Jahr stattfand und während der die Regierung wechselte. Ansonsten hat Armenien eine schöne Hauptstadt und sehr gutes Essen. Du findest dort sehr viel Street Food, das fehlt schrecklich hier in Luxemburg, wo du zum Essen in ein Restaurant gehen musst. Zudem gibt es eine aufregende Underground-Musikszene in Armenien, mit vielen jungen Bands, die sehr verrückte musikalische Experimente wagen.

Welche Wörter würdest Du benutzen, um Armenien zu beschreiben?

Gohar Ein Wort wäre „herzerwärmend“. Viele Menschen, die nach Armenien kommen, spüren diese Gastfreundlichkeit und Wärme, die die Menschen untereinander aber auch den Touristen gegenüber ausstrahlen. Dann ist Armenien wie bereits erwähnt „extrem“: Es gibt extrem saubere oder heruntergekommene Wohngegenden, extrem reiche und arme Menschen. Persönlich würde ich sagen, dass mich das an Esch erinnert: Hier gibt es auch erfolgreiche Menschen mit wunderschönen Häuser und Gärten, und dann gibt es Menschen, die Überlebensschwierigkeiten haben. Dann würde ich „lebhaft“ sagen: Die Geschäfte in Armenien sind täglich bis Mitternacht geöffnet, es gibt viele Bars und Menschen, die ausgehen.

Du hast längere Zeit in drei unterschiedlichen Ländern gelebt. Was bedeutet „Zuhause“ für Dich?

Gohar Das Wort „Zuhause“ ist sehr abstrakt für mich. Ich verbinde es nicht mit einem Land oder einem Haus mit Dach und Türen. Für mich ist „Zuhause“ dort, wo ich mich gut mit mir selbst fühle und im Reinen bin. Wenn ich in Armenien bin, beginne ich, mein Leben in Luxemburg zu vermissen, wo ich viel flexibler bin, mehr experimentiere und mich weiterentwickle. Und wenn ich dann wieder für längere Zeit hier bin, vermisse ich meine Familie und Freunde, die Sonne und das gute Essen in Armenien. Wir machen also einen Ort zu unserem Zuhause, wo wir uns wohlfühlen. Für mich ist das großenteils in diesen beiden Ländern, es kommt aber auch in anderen Städten vor.

Seit wann bist Du in Luxemburg, und warum ausgerechnet dieses Land?

Gohar 2015 war ich auf der Suche nach einem Projekt im Rahmen des „European Voluntary Service“ (EVS). Die Idee dahinter ist, dass man in ein neues Land geht, um als Freiwilliger in Unternehmen oder Vereinigungen zu arbeiten. Als ich sah, dass Radio ARA auf der Suche nach einem Freiwilligen ist, interessierte ich mich sofort dafür, da ich unbedingt testen wollte, wie es ist, im Radio zu arbeiten. Ich wurde angenommen und bin ohne zu zögern nach Luxemburg gezogen. Damals wusste ich noch gar nichts über das Land. Seitdem habe ich viele Freunde gefunden und liebe es, hier zu leben. Deswegen habe ich mich auch hier an der Universität für einen Master eingeschrieben. Zudem arbeite ich immer noch für das Radio, das ist meine größte Leidenschaft geworden.

Du hast einen Gegenstand mitgebracht, den Du mit Luxemburg verbindest...

Gohar Genau, ich habe mein Mikrofon mitgebracht, das ich benutze, wenn ich Interviews für das Radio mache. Der Hauptgrund, warum ich in Luxemburg bin, ist das Radio, und deshalb gehen die Begriffe „Luxemburg“ und „Radio“ für mich zusammen. Das Radio und meine Zeit hier im Land haben mein Leben komplett verändert, ich bin hier erwachsen geworden und habe gelernt auf eigenen Füßen zu stehen. Zudem bin ich erstaunt, dass ich in meinem Alter noch so gut in der Lage bin, neue Sprachen zu lernen: Ich habe mir Französisch und Luxemburgisch angeeignet und kann einfache Konversationen führen. Deutsch steht auch auf meiner Liste. Du wunderst dich vielleicht, warum ich in Armenien nie gelernt habe, selbstständig zu sein. Das liegt daran, dass es dort nicht gewöhnlich ist, dass du dein Elternhaus verlässt, bevor du heiratest.

Du bist also eine Art Rebell?

Gohar Irgendwo schon. Ich musste dafür kämpfen, das Haus zu verlassen und nach Luxemburg kommen zu können. Meine Eltern konnten sich nicht vorstellen, wie ein junges Mädchen alleine im Ausland zurechtkommen soll. Ich konnte sie jedoch davon überzeugen, und heute sind sie stolz auf mich. Auch denke ich, dass das heute immer normaler wird, dass junge Menschen das Haus früher verlassen als noch zu anderen Zeiten.

Könntest Du Dir vorstellen, weiterhin in Luxemburg zu leben?

Gohar Ich möchte auf jeden Fall noch für längere Zeit hier bleiben. Ich weiß zwar nicht, was mich in Zukunft erwartet, aber die nächsten drei oder vier Jahre möchte ich schon noch bleiben. Nach meinem Master könnte ich mir vorstellen, hier zu arbeiten. Ich fühle mich hier gut und möchte das weiterhin ausleben.

* Tschüss Armenien