LUXEMBURGCHRISTIAN SPIELMANN

Die Musical-Verfilmung „Les Misérables“ läuft ab Mittwoch in Luxemburg

Das literarische Meisterwerk von Victor Hugo „Les Misérables“ entstand zwischen 1845 und 1861. Über 30 Mal wurde der Roman verfilmt. Komponist Claude-Michel Schönberg und die Texter Alain Boublil und Jean-Marc Natel erschufen 1980 das gleichnamige Musical. „The King’s Speech“-Regisseur Tom Hooper hat die Show mit einem Budget von rund 61 Millionen Dollar verfilmt.

Sträfling Nummer 24601

Der Leidensweg von Sträfling 24601 Jean Valjean (Hugh Jackman) scheint im Jahr 1815 zu enden, als er nach 19 Jahren Haft auf Bewährung entlassen wird. Er glaubt genau so wenig an das Gute im Menschen, wie der gesetzestreue Polizist Javert (Russell Crowe). Während Valjean die Gnade und Güte des Bischofs von Digne (Colm Wilkinson) erfährt und sich ändert, jagt ihm Javert von den Gesetzen geblendet hinterher.

Acht Jahre später ist aus Valjean Monsieur Madeleine geworden. Er kauft nach dem Tod der Arbeiterin Fantine (Anne Hathaway) deren Tochter Cosette (Isabelle Allen) aus den Händen ruchloser Wirtshausbesitzern frei, den Thénardiers (Sacha Baron Cohen und Helena Bonham Carter). Seine Flucht endet für ein paar Jahre in Paris. Während des Juniaufstands von 1832 verliebt sich Cosette (Amanda Seyfried) in den revolutionären Studenten Marius (Eddie Redmayne). Bald steht Valjean Javert wieder gegenüber.

Amateurhaftes und diskutable Besetzung

„Les Miz“ gehört zu den besten Musicals aller Zeiten. Dem Regisseur ist es nicht vollends gelungen, dem Musical die unendlichen Weiten des Kinos zu öffnen, um sich von der Theaterbühne loszureißen. Mit teuren Spezialeffekten wurde das Frankreich des 19. Jahrhunderts rekonstruiert, und doch sieht sich speziell die Eröffnungssequenz amateurhaft an. Den Szenen auf den Barrikaden, wie der Rettung von Marius durch Valjean, fehlen die Spannung, weil die Songs berücksichtigt wurden, und nicht das filmische Element.

Die Besetzung von Russell Crowe als Javert ist zumindest diskutabel. Obwohl der gebürtige Neuseeländer als Sänger in einer Band und in Musicals sang, klingt seine Stimme forciert. Somit wird einer der gefühlvollsten Songs der Show, „Stars“, zu einem fast melodielosen Lied degradiert. Amanda Seyfried als erwachsene Cosette tut sich ebenfalls schwer, dieser Rolle gerecht zu werden.

Der Regisseur und sein Kamerachef Danny Cohen arbeiten hauptsächlich bei den Gesangsszenen mit starren Großaufnahmen, einem Stilmittel, das nur selten die nötigte Stimmung wiedergibt. Unverständlich sind ebenfalls die vielen unscharfen Bilder.

Erstklassige Hathaway rettet den Film nicht

Hugh Jackman hat sich als Musicalsänger bereits bewährt. Er ist ein rundum überzeugender Valjean mit einer aparten Stimme. Oscarverdächtig ist Anne Hathaway als Fantine. Der mitreißendste Moment des Films ist ihre Interpretation auf dem Sterbebett von „Come to Me“, wo nur ihr Gesicht zu sehen ist - eine der wenigen Szenen, in denen die Großaufnahme ihren Zweck erfüllt. Auch der Schluss zeugt von einer starken emotionellen Intensität.

Isabelle Allen und Daniel Huttlestone (Gavroche) sind ausgezeichnet, wie auch „Borat“-Darsteller Sacha Baron Cohen und Helena Bonham Carter als diebisches und hinterhältiges Ehepaar, die der tragischen Geschichte etwas Humor verleihen, wenn auch einen ganz makaberen. Bei ihrem „Master of the House“ benutzt der Regisseur die Totale und einen schnellen Schnitt; eine Stil-Wandlung, die ganz gut zu dieser Szene passt und auch anderen genutzt hätte.

Im Film sind fast alle Lieder der Bühnenfassung zu hören, und mit „Suddenly“ (gesungen von Valjean) wurde sogar ein neuer Song integriert. Einige Texte wurden umgeändert und neue Instrumentalmusik von Anne Dudley eingefügt, um der filmischen Dramatik gerecht zu werden. Mehr Mut, das Musical als Film zu verarbeiten, hätte dieser Verfilmung gut getan, die allenfalls sehenswert ist, wogegen die Bühnenshow ein unumgängliches Meisterwerk ist.