COLETTE MART

Der Kinderarmutsbericht der Unicef, der bei uns eine Betroffenenquote von 26,8 Prozent ausmachte, sollte uns aufhorchen lassen in einer Zeit, in der zusätzliche Sparmaßnahmen auf uns zukommen, und die privilegierte Situation Luxemburgs in der europäischen Öffentlichkeit unter Beschuss geriet.

Die Armut von Kindern und Jugendlichen war dann auch das Thema eines von Unicef Luxemburg organisierten Rundtischgeprächs, bei dem sich herausschälte, dass das Leben der Armen hier in Luxemburg nicht nur den sozialen Ausschluss, sondern auch die Hoffnungslosigkeit impliziert. Arme trauen sich nicht zu hoffen, aus ihrer Lage herauszukommen, aus Angst, wieder enttäuscht zu werden. Arme Kinder sind von Geburt an stigmatisiert und benachteiligt. Sie sind schlechter gekleidet als andere, werden nicht zu Geburtstagsfesten eingeladen und können auch keine eigenen Feste organisieren.

So wird soziales Verhalten von klein auf geprägt, und die Erinnerungen an sozialen Ausschluss begleiten diese Kinder ein Leben lang. Hier in Luxemburg gibt es Familien, in denen vier Menschen in einem kleinen Zimmer wohnen. Kinder, die schlechte Schulresultate haben, kommen eher aus armen Familien, und armen Eltern wird auch öfter die Obhut über die Kinder entzogen, weil sie ihren Pflichten nicht nachkommen. Arme Kinder haben also kaum Chancen, jene Strategien zu lernen, mit denen man das Leben in einer komplexen Gesellschaft meistert. Sie laufen stärker Gefahr, keinen Schulabschluss zu bekommen, und sogar wenn sie einen Beruf lernen, finden sie weniger schnell einen guten Job, weil ihnen die Beziehungen fehlen.

Akademisch ausgebildete Arbeitslose kommen nämlich oft aus armen Familien, was bedeutet, dass Armut sich vererbt. In einer Zeit, in der viel über finanzielle Streichungen in der Familienpolitik gesprochen wird, was bei ärmeren Familien durchaus Ängste hervorrufen kann, lohnt sich ein genauerer Blick auf unser Sozialsystem, und vielleicht insbesondere auf jene Aspekte, die Arme auch wieder in der Armut verharren lassen.

Wie zum Beispiel Ministerin Corinne Cahen anlässlich des Rundtischgesprächs richtig erwähnte, gäbe es Paare, bei denen der eine keine Arbeit suche oder annehme, nur damit der andere das Mindesteinkommen nicht verliert. Familienleistungen sollten den Kindern selbst zugute kommen, da Jahrzehnte lange großzügige Hilfen viele doch nicht aus der Armut geführt haben. Des Weiteren bedeute großzügiges Kindergeld nicht, dass das Geld auch bei den Kindern ankomme.

Bei all jenen Armen, die wir mit unserem Sozialsystem erfassen, die also Mindesteinkommensempfänger sind und soziale Rechte haben, wissen wir vielleicht zu wenig über all jene, die ganz aus dem System fallen. Illegale, die in absoluter Prekarität leben, in sklavenähnlichen Verhältnissen arbeiten, und vielleicht Arbeitsverträge kaufen, um einen Platz für ihr Kind in der „Maison Relais“ zu bekommen. Auch die schwierige Situation auf dem Wohnungsmarkt bleibt ein Armutsfaktor, um den wir uns dringend kümmern müssen.