LUXEMBURG
CHRISTIAN BLOCK

Caritas: Viele Menschen durch Corona-Krise erstmals auf Sozialhilfe angewiesen - umfassender Forderungskatalog vorgestellt

Schon vor der Covid-19-Pandemie ging die Schere zwischen Arm und Reich in Luxemburg auseinander. Infolge der Reaktion auf das Virus hat sich diese Situation in Luxemburg noch einmal verschärft. In den vergangenen Monaten sind auch viele Haushalte finanziellen Schwierigkeiten begegnet, die bislang gut über die Runden kamen. Nach Angaben von Caritas Luxemburg entfallen 67 Prozent der zwischen Anfang April und Ende August 2020 über die Corona Helpline behandelten Dossiers Personen, die noch nie oder zumindest nicht in dem davor liegenden Jahr auf Sozialhilfe zurückgreifen mussten. Diese Zahlen präsentierte Caritas Luxemburg gestern auf einer Pressekonferenz. Dank vieler Spenden konnte die Organisation rund 267.300 Euro an punktuellen Hilfen ausgeben, berichtete Caritas-Präsidentin Marie-Josée Jacobs.

Etwas mehr als ein Drittel der Anrufer waren luxemburgische Staatsbürger, ein Fünftel hatte die portugiesische Nationalität. Unter den Ausländern aus Drittstaaten außerhalb der EU standen Brasilianer an erster Stelle (7,4 Prozent). Sie alle fanden sich plötzlich in einer Situation wieder, in der sie Angst hatten, ihren Alltag finanziell nicht mehr bestreiten zu können. Von der Caritas zusammengefasste Schilderungen vermitteln einen Eindruck dieser Situation. Eine alleinerziehende Mutter dreier Kinder verlor infolge der Krise ihren Job in der Gastronomie. Durch die Hilfe der Caritas konnte sie die Zeit bis zur Auszahlung des Arbeitslosengeldes überbrücken. Eine Frau, die als Putzfrau und Küchenhilfe arbeitete, allerdings aufgrund ihrer irregulären Situation kein Arbeitslosengeld beziehen kann, berichtete, durch die Corona-Krise all ihre Einkünfte verloren zu haben und so die Miete nicht mehr zahlen zu können. Die Zeugnisse zeigen auch, dass Betroffenen oft Informationen über Anlaufstellen oder Hilfen fehlen.

Wenn das Einkommen wegbricht

Nur noch mit 80 Prozent des Einkommens auskommen zu müssen, wenn man den Mindestlohn empfängt, „macht für diese Menschen viel aus“, so Jacobs. Bei anderen fielen Überstunden oder das Trinkgeld weg. Es bestehe ein Risiko, dass es durch diese Krise mehr arme Menschen im Land geben werde, so Jacobs weiter. Wobei die Ungleichheiten schon vor Covid-19 zunahmen.

Die Caritas-Auswertung der Corona-Helpline zeigt auch, dass 26,6 Prozent der Anfragen von Personen unter 27 gemacht wurde. 39 Prozent sind Alleinerzieher.

Die Caritas-Präsidentin stellte klar, dass nach den Maßnahmen zur Stabilisierung der Wirtschaft, mit denen die Organisation einverstanden sei, auch Geld an arme Menschen gehen müsste. „Wir stehen in der Pflicht, dass Armut wirksam bekämpft wird.“

Gerechte Besteuerung

Forderungen stellt Caritas Luxemburg - wenige Tage vor der Erklärung von Premierminister Xavier Bettel zur Lage der Nation - in diesem Zusammenhang viele: ein gerechtere Besteuerungsgewichtung zwischen Einkommen, Kapital- und Immobilieneinkünften oder die Wiedereinführung einer Vermögenssteuer, eine Steuererleichterung für Alleinerziehende, bei denen die Armutsgefährdung sehr ausgeprägt ist, Erhöhung des REVIS-Einkommens auf der Grundlage der vom Statec berechneten Referenzeinkommen, die zum Ende der Legislaturperiode versprochene Anpassung der Familienbeihilfen vorzuziehen, eine Verringerung der Besteuerung niedriger Einkommen beziehungsweise eine höhere Besteuerung höherer Einkommen, um nur diese zu nennen.

21.275 Sozialwohnungen werden gebraucht

Im Wohnungsbau fordert die Caritas deutlich mehr Sozialwohnungen. Die Organisation schätzt einen Bedarf von Wohnungen für etwa 21.275 Haushalte und jedes Jahr werden es mehr. Das entspricht dem (2014 ermittelten) Anteil von Nicht-Wohnungseigentümern an den 18,3 Prozent, die 2019 im Großherzogtum unter dem Armutsrisiko lebten. Carole Reckinger geht davon aus, dass es derzeit etwa 5.000 Sozialwohnungen im Land gibt.