LUXEMBURG
PATRICK WELTER

Für die EU ist die Senkung von Unfallzahlen nur durch vorgeschriebene Assistenzsysteme zu erreichen

Relativ unbemerkt hat sich in diesen Tagen Großes für die Zukunft des Autofahrens getan. Was bisher Option oder sehr teure Sonderausstattung war, wird ab 2022 Vorschrift für alle. Was einmal Sicherheit für die Luxusklasse war, wird dann zum Standard für alle neuen Fahrzeugmodelle beziehungsweise für alle Neuzulassungen. Im Behördendeutsch liest sich das so:

„Am 5. Januar 2020 ist die EU-Verordnung Nr. 2019/2144 über die Typgenehmigung von Kraftfahrzeugen und Kraftfahrzeuganhängern sowie von Systemen, Bauteilen und selbstständigen technischen Einheiten für diese Fahrzeuge im Hinblick auf ihre allgemeine Sicherheit und den Schutz der Fahrzeuginsassen und von ungeschützten Verkehrsteilnehmern in Kraft getreten. Die Verordnung ist ab dem 6. Juli 2022 in allen EU-Mitgliedstaaten verpflichtend anzuwenden.“

Dahinter steht die Überlegung der Europäischen Verkehrssicherheitsbehörde (European Transport Safety Council; ETSC) die Zahl der tödlichen Unfälle in der EU mittelfristig auf Null zu senken. Da die ETSC den Faktor Mensch als das größte Risiko einstuft, setzt sie auf moderne Technik und hochentwickelten Fahrzeugsicherheitssystemen, vulgo Assistenzsysteme.

Im Rahmen der EU- Verordnung werden die neuen Systeme nach einem festgelegten Zeitschema bis 2029 verpflichtend eingeführt. Diese zeitliche Spreizung von 2022 bis 2029 ist ein typischer EU-Kompromiss. So kommt ein verpflichtendes Abbiegeassistenzsystemen für Lkw, dass den „Tod im toten Winkel“ für Radfahrer und Fußgänger verhindern soll, später als von einigen Mitgliedsstaaten erhofft.

Alles, was hilft

Die EU will so viel lebensrettende Technik wie möglich im Auto haben

Luxemburg Die Europäische Union setzt bei ihrem Kampf gegen den Unfalltod im Straßenverkehr auf eine ganze Reihe von aktiven und passiven System. Man sollte aber daran erinnern, dass Unfallsicherheit lange kein Thema war.

Erst um das Jahr 1960 herum gab es die ersten großen Innovativen in Sachen Personenschutz im Auto. Mercedes-Benz führte mit den Baureihen W 110/W111 („Heckflosse“) die Knautschzone mit fester Fahrgastzelle ein und Volvo brachte den Dreipunktsicherheitsgurt auf den Markt. Lange Zeit waren die beiden Oberklasse-Marken die einzigen, die auf Sicherheit als Verkaufsargument setzten. Noch 1970 starben in West-Deutschland bei deutlich geringerem Verkehrsaufkommen als heute rund 25.000 Menschen bei Verkehrsunfällen, bis heute ging diese Zahl trotz eines vervielfachten Verkehrs um 80 Prozent – für Gesamtdeutschland - zurück. Dennoch setzten sich Sicherheitsaspekte nur mühsam durch. Die gesetzliche Gurtpflicht, die zehntausende von Leben rettete, kam erst in den 1970ern. Dann ging es aber Schlag auf Schlag: ABS, Airbag, und in den 1990ern dann das ESP – Dank des missglückten Elchtests bei der ersten A-Klasse auch schnell Standard in der Klasse der Klein- und Kompaktwagen.

Die EU setzt nun auf eine lange Liste von Assistenzsystemen, um den vor sechzig Jahren begonnen Weg zu möglichst wenigen Unfallopfern erfolgreich fortzusetzen. Ab 2022 zählen zu den EU-weit gesetzlich vorgeschriebenen aktiven Assistenzsystemen:

• Notbremsassistent (Pkw, Transporter)

•Alkohol-Wegfahrsperre (Pkw, Transporter, Lkw, Busse)

•Aufmerksamkeits- und Müdigkeitsassistent (Pkw, Transporter, Lkw, Busse)

•Unfallrekorder, sogenannte Blackbox (Pkw, Transporter, Lkw, Busse)

•Intelligenter Geschwindigkeitsassistent (Pkw, Transporter, Lkw, Busse)

•Spurhalteassistent (Pkw, Transporter)

•Rückfahrkamera oder Rückfahrwarner (Pkw, Transporter, Lkw, Busse)

•automatische Gefahrenwarner/Antikollisionsassistent (Lkw, Busse)

•Totwinkelassistent (Lkw, Busse)

Darüber werden auch passive Systeme zum Fußgänger- und Radfahrerschutz eingeführt. Etwa neue Frontscheiben bei Pkw, die den Aufprall einer angefahrenen Person mildern.PW