LUXEMBURG
SOPHIA SCHÜLKE

US-amerikanische Choreografin Andrea Miller bringt ihren Tanzstil nach Luxemburg

Die Wangen leuchten rosafarben, die Haare präsentieren sich durcheinander gewirbelt und die Gesichter sind mit Schweiß bedeckt. Die drei Männer und elf Frauen in Trainingshosen und T-Shirts in unscheinbaren Farben schnappen nach Luft und nehmen ein paar kräftige Schlucke aus ihren Wasserflaschen. Fast alle sind barfuß, sie sitzen keuchend auf einem Stuhl oder stehen andächtig blickend im Probenraum. Sie sehen verausgabt aus, lächeln aber beglückt in die Runde. Als hätten sie gerade eine vollendete Arbeit betrachtet und als seien vollauf damit zufrieden. Dabei hatte es die Aufgabe, die sie am gestrigen Montagmorgen in einem Tanzworkshop im Grand Théâtre gestellt bekamen, in sich: Sie sollten sich als Sexmonster fühlen und sich dementsprechend bewegen. Die Tanzsequenz aus dem Stück „Whale“, in das sie in diesem Workshop hineinschnuppern können, verlangt es so. Selbst für diese jungen Profitänzer aus Luxemburg eine Herausforderung.

Die junge und zierliche Frau, die sie mehr als zwei Stunden anfeuert und ihnen zeigt, wie die Schritte auszuführen sind, ist Andrea Miller. „One, two, three, four, scratch, down, hip, yeah, beautiful“, ruft sie den Tänzern bei der Probe mit klarer und energischer Stimme zu.

Fünf harte Jahre

Die US-amerikanische Choreografin hat vor zehn Jahren in New York einen kleinen Coup gelandet. Mit nur 24 Jahren gründete sie ihr eigenes Ensemble, das „Gallim Dance“. „Ja, es war damals ungewöhnlich, so jung ein Ensemble zu gründen“, erinnert sich Miller. „Ich wollte tanzen, aber ich fand keine Compagnie, zu der mein Tanzstil passte.“ Die ersten fünf Jahre müssen für das junge Ensemble und ihre Leiterin ziemlich hart gewesen sein. „Ich habe fünf Jahre nicht geschlafen, sondern Stipendienanträge gestellt und jede Universität angerufen, um auf ihren Bühnen auftreten zu können.“

Heute sieht das anders aus: Die Compagnie kann neben Shows in den USA auch internationale Auftritte in London, Barcelona oder Luxemburg vorweisen. Zudem wurde die Ensembleleiterin in den vergangenen Jahren in den USA mit Stipendien und Preisen überschüttet, darunter auch die Auszeichnungen durch den „Youth America Grand Prix Award for Emerging Choreographers“ oder als Guggenheim-Mitglied der „John Simon Guggenheim Memorial Foundation“.

Nach einem Auftritt im vergangenen Sommer im Grand Théâtre ist Miller erneut mit ihrem Ensemble zurückgekehrt. Nicht nur, um ihr Stück „Whale“ aufzuführen, das hier von ihrem Ensemble getanzt werden wird, sondern auch als Künstlerin in Residenz. Neben der Aufführung des Stückes an diesem Mittwoch und Donnerstag gehören auch eine öffentliche Probe und ein Treffen mit den Künstlern dazu. Das sind die Abende, aber auch der Rest des Tages ist prallgefüllt. Denn das Ensemble hat bereits mit der Arbeit für das nächste Werk begonnen. Dafür wird hier jeden Nachmittag die Choreografie entwickelt und geprobt.

Die Inspirationen sind für Andrea Miller überall, Filme, Gespräche, Kunst, natürlich auch das Werk großer Choreographen wie Pina Bausch, Martha Stewart, Sasha Waltz oder William Forsythe. „Glück und Existenz sind die Themen, zu denen ich in meinen Choreographien immer wieder zurückkehre.“ Und so geht es auch in „Whale“, dem Stück, das Andrea Miller für die Zuschauer auf die Bühne und für die Workshopteilnehmer in den Probenraum bringt, um Liebe und Sexualität, um Hingabe, Verlangen und Ablehnung. Ihre „Whale“-Choreografie, die Miller mit den Workshopteilnehmern einübt, ist kraftvoll, schnell und körperlich. Es wird auf dem Boden getanzt, die meisten Figuren gehen in die Senkrechte oder Waagerechte, aber das Tempo ist stets schnell und fordert den Tänzern absolute Konzentration ab.

Am Anfang des Workshops tanzt die Gruppe noch nicht synchron. Nach einigen Trippelfiguren und Drehungen, auch auf dem Boden, finden die Männer und Frauen meist erst beim „Robotwalk“ wieder im gleichen Tempo zusammen. Doch die Phrase wird immer wieder geübt. Auf bestimmte Figuren legt Miller besonders viel Wert und erklärt genau, wie die Gefühle durch die Bewegung dargestellt werden sollen. „Ihr schmiert an euch hinunter, als ob ihr Leim wegwischen wollt.“ Das Ergebnis ist eine anmutige und fließende Bewegung, in der sich ein Abweisen und Befreien spiegelt. „Alles kommt vom Unterleib, es gibt eine Verbindung zwischen eurem Becken und den Fingerspitzen“, ruft Miller bei der nächsten Figur.

Virtuoser Tanz

Schließlich kommen immer wieder neue Schritte hinzu. Nach den zwei Stunden sitzen die Figuren und werden von den Tänzern schließlich wie ein enges Kleidungsstück übergestreift und völlig fließend getanzt. Und so ist auch die Anstrengung und Konzentration aus den meisten Gesichtern gewichen, man sieht, dass sie Spaß haben. „Das ist ein virtuoser Tanz, sehr intensiv und sehr interessant“, sagt Julie Barthélémy, Tänzerin am Trois C-L. Baptiste Hilbert, Profitänzer aus Düdelingen, sieht den Workshop als große Bereicherung an: „Luxemburg ist kein zentraler Ort des zeitgenössischen Tanzes in Europa, aber solche Veranstaltungen helfen den Tänzern hier, sich weiterzuentwickeln.“ Die meisten Teilnehmer wollen dann auch zusehen, wenn das „Gallim Dance“ selbst das gesamte Stück tanzt.

„Whale“ von den Tänzern des „Gallim Dance“ wird am Mittwoch und Donnerstag, immer um 20.00, aufgeführt. Offene Probe mit dem Ensemble für ihr nächstes Stück ist am Sonntag, 17.00, das „Meet Gallim Dance“ findet am Montag, 19.30, statt - jeweils im Grand Théâtr.