NIC. DICKEN

Wenn der Gesamtkomplex der griechischen Finanztragödie nicht ganz so ernst wäre und immer mehr zu einer echten Bedrohung für das große europäische Einigungswerk zu werden scheint, könnte er glatt Stoff liefern für gleich mehrere Lustspiele, gegen die alle bisherigen Spitzenreiter des Genres wie ein müder Abklatsch erscheinen. Die offenbar seit jeher überforderte Steuermaschinerie des Landes hat zuletzt ein Volumen an aufgelaufenen und mithin eigentlich sofort zahlbaren Steuerschulden in Höhe von 76 Milliarden Euro errechnet. Damit wäre Griechenland zwar noch keineswegs aus dem Schneider, aber immerhin könnten mit diesem Geld entweder beachtliche Teile des Schuldenberges abgetragen oder aber starke Impulse für die wirtschaftliche Wiedererstarkung des Landes gesetzt werden.

Der Haken bei der Sache: Von den 76 Milliarden seien nur zwischen 8 und 9 Milliarden realistisch einklagbar, so ein enttäuschender Befund. Neuerlicher Höhepunkt der Tragikomödie: Die Anwaltskanzlei, in der früher der nach den Wahlen vom 25. Januar zum Vizeminister für die Verwaltungsreform avancierte Giorgos Katrougalos Teilhaber war, soll mehr als 300 Mandate von zuvor gekündigten Staatsbeamten übernommen haben, um diesen zur Rückkehr in den Staatsdienst zu verhelfen. Mit beiläufiger „Hilfe“ von Ex-Teilhaber und, im Fall eines Regierungsaustritts, erneut willkommenem Partner Katrougalos würde die Kanzlei, wie eine griechische Zeitung am Samstag enthüllte, 12 Prozent der in Zukunft fließenden Gehaltsmenge kassieren.

Da kommt Freude auf. Hier steht nicht nur die finanzielle Überlebensfähigkeit des griechischen EU- und Europartners auf dem Spiel, sondern auch die der ganzen Währungsunion.

Immerhin glauben mittlerweile nur noch unverbesserliche Optimisten daran, dass mit oder ohne „Grexit“ noch ein Weg gefunden werden kann, das Erfallen der auf deutlich über 300 Milliarden Euro bezifferten Bürgschaften aus dem Rettungsfonds der Währungsgemeinschaft zu vermeiden.

Wir möchten einfach mal nur daran erinnern, dass ein ähnlicher Betrag vom neuen EU-Kommissionspräsidenten und früheren Vorsitzenden der Eurogruppe im November plakativ als „Wachstumspaket“ für die Gemeinschaft ins Fenster gestellt wurde. Muss man unterstreichen, dass dieses Unterfangen vor dem Hintergrund des griechischen Va banque-Spiels mehr als fraglich ist?

Woher sollte auch jenes Vertrauen kommen, dass für die private Unterstützung des Wachstumsprogramms erforderlich wäre, wenn die Liste der peinlichen Verlautbarungen in und um Griechenland und die EU Tag für Tag länger wird und Juncker wie Merkel, Hollande und alle anderen großen Zampanos offen an der Nase herum geführt werden?

Mit Beschwichtigungen und Vertröstungen ist es keineswegs mehr getan. Gute Absichten zu respektieren ist das eine, an den gemeinsamen Auftritt von Nikolaus, Weihnachtsmann und Osterhase zu glauben, das andere. Europa wartet auf klare und bindende Entscheidungen. Jetzt!