LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Seit einem Jahr ist Joe Del-Toe hauptberuflicher Clown

Rote Nase, bunte Perücke und übergroße Quietschschuhe. Dieses Bild haben viele im Kopf, wenn sie an einen Clown denken. Seit Stephen Kings Horrorclown Pennywise in Büchern und auf der Leinwand sein Unwesen treibt, kann es aber auch das komplette Gegenteil sein: hässliche Fratze, blutrünstiger Blick und scharfe Zähne. Weder mit der einen, noch mit der anderen Vorstellung identifiziert sich Joe Del-Toe. Sein Beruf: Clown.

Dass er das Zeug dazu hat, wurde ihm relativ spät bewusst. Eigentlich war es sogar Zufall. „Ich probiere immer gerne neue Sachen aus, um herauszufinden, ob sie mir liegen. Einfach aus Spaß bin ich so vor vier Jahren in einem Kurs an einer Clownschule in Deutschland gelandet. Und das lag mir, es steckte irgendwie in mir. Da wurde mir dann auch klar, dass der Clown weit mehr ist, als dieser Tollpatsch und Witzbold, wie man ihn vom Zirkus her kennt“, erzählt Joe Del-Toe. Die Faszination hat ihn nicht wieder losgelassen. „Der Clown lebt seine Emotionen. Er zeigt, was er fühlt. Das komplette Gegenteil wird ja an sich von uns Menschen erwartet: Wir dürfen unsere Gefühle nicht zu weit nach außen tragen. Beim Clown ist das anders, er versteckt seine Emotionen nicht, sondern zeigt sie ganz offen, sogar in übertriebenem Maß, auch um den Leuten ein bisschen den Spiegel vorzuhalten“, beschreibt der 32-Jährige. „Bereits die Indianer hatten übrigens eine Art Stammesclown, der dazu da war, die Situation aufzulockern, falls es nötig war. Später kam dann Charlie Chaplin, der viel dazu beigetragen hat, den Clown ohne rote Nase zu fördern. Er spielte viel mit Körpersprache und Emotionen, genau das ist es, was den Clown auch heute ausmacht“, berichtet Joe Del-Toe. Übrigens ist dies nicht sein Künstlername. „Den Namen habe ich tatsächlich meinen Eltern zu verdanken, auch wenn ich sie als Kind schon mal dafür verflucht habe“, lacht er, „aber jetzt bin ich total zufrieden“.

Ausbildung zum Gesundheitsclown

Nachdem er sein clowneskes Potenzial entdeckt hatte, nahm er eine zweijährige Ausbildung zum Gesundheitsclown in Angriff, die ein bisschen den Lehrjahren an einer Schauspielschule ähnelt. „Man muss lernen, wie man sich bewegt, welche Mimik man einsetzt. Die nonverbale Körpersprache ist für den Clown elementar. Im ersten Jahr gehörten Straßentheater oder Auftritte bei kleineren Festivals dazu. Man muss zuerst lernen, sich vor Leuten gehen zu lassen und zu spüren, wie man ankommt. Das richtige Timing ist wichtig. Das ist alles eine Gefühlssache, die man sich aneignet, indem man auf der Bühne steht oder eben auf der Straße spielt. Das zweite Jahr ging dann intensiver in Richtung Ausbildung zum Gesundheitsclown. Dazu gehörte auch Praktika in Altersheimen oder Krankenhäusern, wo der individuelle Kontakt wichtiger wurde, für den man viel mehr Fingerspitzengefühl braucht“, beschreibt Joe Del-Toe. „Komplexe Emotionen und Themen kann der Clown auf eine leicht zugängliche Art und Weise vermitteln. Er kann sich somit durchaus auch an ernste Themen heranwagen“, fügt er hinzu.

Eine Zeitlang war er anschließend bei der Vereinigung „Ile aux clowns“ beschäftigt, wollte sich beruflich aber nicht auf die Tätigkeit als Gesundheitsclown beschränken, sondern auch bei Theaterprojekten mitwirken. Bei einer Vollzeitbeschäftigung wäre dafür keine Zeit geblieben. Seit einem Jahr lebt er deshalb nun schon als freiberuflicher Clown. „Am Anfang war es etwas schwer, weil die meisten nicht so viel mit dem Clown als Beruf anfangen konnten. Langsam aber sicher kommen immer mehr Aufträge, mein Terminkalender für nächstes Jahr ist schon gut gefüllt“, freut er sich. Überwindung habe ihn das Ganze nie gekostet. „Es ist ein sehr erfüllender Beruf“, sagt er.

Vor kurzem stand er in Erpeldingen im Wohn- und Pflegeheim „Beim Goldknapp“ auf der Bühne, wo die „MIL asbl“ ihr erstes Kulturprojekt für Menschen mit Demenz „Kanner o Kanner, o quel bonheur“ in Zusammenarbeit mit dem Komponisten und Musiker Georges Urwald präsentierte. Joe Del-Toe schaffte es an beiden Liedernachmittagen, die Heimbewohner mit seinen clownesken Einlagen aus der Reserve zu locken. „Tatsächlich war ich etwas aufgeregter als sonst, weil ich nicht wusste, wie die Leute reagieren würden und ob ich wirklich jeden erreichen würde. Es war eine andere Erfahrung als in Krankenhäusern oder Altersheimen, aber mit der Musik hat das wirklich sehr gut funktioniert. Man schafft es wirklich, Momente und Erinnerungen zurückzubringen“, beschreibt er. Mit Georges Urwald und dessen Projekt FLOTT wird er auch nächstes Jahr unterwegs sein.

Improvisation und Interaktion sind das A und O

Wie entwickelt der Clown eigentlich seine Performance? „Wenn ich mit der Truppe von Georges Urwald auftrete, bin ich bei den Proben dabei und mache mir dann konkreter Gedanken über meine Einlagen. Das bringe ich dann aber nicht zu Papier, es ist einfach in meinem Kopf, und später setze ich es um. Das ist der Vorteil vom Clown, er kann sich einen gewissen Spielraum lassen und auf die Leute reagieren“, erklärt der junge Mann. Ohnehin sei jeder Auftritt anders, immer abhängig vom Publikum, obwohl es natürlich einen roten Faden gebe. „Improvisation gehört dazu“, bringt er es auf den Punkt.

Und wie bereitet sich ein Clown auf seine Auftritte vor? „Dehnungsübungen sind wichtig, um auch in den Körper zu kommen, das ist das Wichtigste, ich muss mich spüren, um ganz präsent zu sein. Auch ein paar Atemtechniken während des Stretching helfen dabei“, schildert der Künstler. Sich selbst lässt er also in gewisser Weise in der Garderobe und ist dann ganz Clown, wenn er die Bühne betritt. „So gut es eben geht, manchmal muss ich nämlich lachen“, schmunzelt er. Und wie sieht’s mit Lampenfieber aus? „Habe ich natürlich, oder nennen wir es positive Nervosität. Es gibt aber dann meist so viele schöne Momente, dass das schnell überwunden ist und ich mich ganz leicht fühle“, antwortet er.

Interaktion sei wichtig. „Das Wichtigste überhaupt für einen Clown“, betont Joe Del-Toe. „Das Publikum muss das Gefühl haben, Teil der Show zu sein. Es gilt also, eine Verbindung aufzubauen, um dann damit zu spielen“. Nach den Auftritten brauche er immer etwas Zeit, um sich wieder „zurückzuverwandeln“ beziehungsweise runterzukommen. „Es ist doch mit reichlich Adrenalin verbunden. Das braucht dann seine Zeit“, gibt er zu bedenken.

Nicht immer steht Joe Del-Toe derweil allein im Rampenlicht. Vor einem Jahr feierte er beispielsweise mit Martina Leder als Duo Los Coyotos Premiere. „Das ist dann eine richtige Bühnenperformance mit roter Nase und so weiter. Gemeinsam auf der Bühne zu stehen, hat auch den Vorteil, dass man sich gegenseitig aus der Patsche helfen kann, wenn es nötig ist. Wir unterhalten uns in Clownssprache, also Kauderwelsch, aber man versteht uns. Auch in einer solchen Show steckt viel Improvisation, da das Publikum auch hier eingebunden wird“, erklärt der 32-Jährige. Die Clownssprache lernt man übrigens nicht in der Schule. „Die eignet man sich selbst an und feilt sie immer weiter aus, genau wie man sich und seinen Stil ohnehin ständig weiterentwickelt. Ich stehe noch ganz am Anfang meiner Karriere und folglich dieses Entwicklungsprozesses. Eigentlich kann ich noch überhaupt nichts, wenn ich mich mit den ganz Großen vergleiche“, gibt er mit einem Augenzwinkern zu. Das Outfit variiert derweil je nach Charakter, den er gerade spielt, und die rote Nase gehört längst nicht immer dazu.

Auftritt in der Mesa Verde und Projekt für Esch2022

Als nächstes steht nun am 15. Dezember ein gemeinsamer Auftritt mit Künstlerin Milla Trausch in der Mesa Verde beim „Mesa Open House“ an. Um 18.15 beschäftigen sich die beiden Künstler in ihrer clownesken Performance mit Melusina. Und eine weitere Idee hat der Berufsclown bereits in petto: eine Clownsoper im Zirkuszelt. „Dieses Projekt will ich für das Kulturjahr Esch2022 einreichen. Ich bin gerade dabei, das Dossier auszuarbeiten. Die Clownsoper soll schon eine gewisse Tragik haben, aber mit der Leichtigkeit des Clowns gespielt. Ziel ist es, zwei Kunstformen zusammenzubringen, die momentan doch einen etwas schweren Stand haben. Die Oper ist eine Kunstgattung, die sehr stigmatisiert ist, und auch der Clown hat es gelegentlich schwer. Das poetische und verletzliche Bild hat in den letzten Jahren etwas unter den sogenannten Horrorclowns gelitten. Plötzlich ist der Clown zu einer Figur geworden, die den Kindern Angst einjagt, statt Freude zu verbreiten. Mir geht es mit diesem Projekt darum, die sensible, gutmütige Seele wieder in den Vordergrund zu rücken. Genau das habe ich mir zur Aufgabe gemacht. Eine Imageverbesserung also“, unterstreicht Joe Del-Toe.

Mehr zu Joe Del-Toe auf Instagram: joedeltoe, und Facebook: De Charel.