PHNOM PENH/ SIEM REAP
YANNIS BASTIAN/LJ

Seit September 2014 erradelt Yannis Bastian die Welt: Sein Erlebnisbericht aus Kambodscha (2)

Auf zwei Rädern einmal um die Welt: Seit über zwei Jahren ist der 32-jährige Yannis Bastian aus Berburg mit seinem Fahrrad unterwegs. In Teil 1 seines Reiseberichts aus Kambodscha gingen wir gestern mit ihm auf Zeltplatzsuche und befuhren gemeinsam staubige Straßen. Heute begleiten wir ihn nach Phnom Penh und dann durch den kambodschanischen Dschungel.

Einblick in Horrorszenarien

In Phnom Penh, der Hauptstadt Kambodschas, besuche ich das Tuol Sleng Museum. Zu Zeiten Pol Potts und der maotisch-nationalistischen Roten Khmer diente die ehemalige Schule als Gefängnis, wo die eigene Bevölkerung gefoltert und anschließend auf den nicht weit entfernten Killing Fields auf brutalste Art und Weise getötet wurde. Die seit der Befreiung durch die Vietnamesen weitestgehend unverändert belassenen Kasernen geben einen sehr authentischen Einblick in die Horrorszenarien, die sich hier abgespielt haben müssen. Vor allem die in Gemälden dargestellten Kindermorde sowie die detaillierten Aussagen von Überlebenden und die aus unzähligen Schädeln konstruierten Wände hinterlassen ein sehr bedrückendes Gefühl in mir, sodass ich auf die Besichtigung der Killing Fields, wo rund 200.000 Menschen den Tod fanden, verzichte.

Auf dem weiteren Weg am Mekong entlang Richtung Sihanoukville fahre ich durch Kampong Cham. Dort erlebe ich den Ort, wo der Pfeffer wächst und bin aufgrund der Schönheit der Meinung, dass die allgemein bekannte Redewendung „scher dich hin, wo der Pfeffer wächst“ - entgegen meiner bisherigen Vorstellung - wohl nur gut gemeint sein kann. Nach ein paar Tagen der Erholung in Sihanoukville muss ich mich zwischen zwei Routen für die Weiterfahrt entscheiden: dem direkten Weg an der Küste entlang nach Thailand, und der kaum befahrenen Straße durch die Kardamomberge Richtung Battambang, von wo aus Boote nach Siem Reap und dem Angkor Wat, dem größten Tempel der Welt, fahren. Da die Besichtigung der Tempelanlage schon länger geplant ist, und ich das Gefühl habe, bisher noch nicht das wirkliche Abenteuer erlebt zu haben, entscheide ich mich für die abgelegene, durch den kambodschanischen Urwald führende Strecke.

In Krong Khemara, der letzten kleinen Stadt am Fuße des Kardamomgebirges decke ich mich mit Proviant für die nächsten Tage ein. Über die Strecke sind kaum Informationen zu finden, nur wenige haben die rund 300 Kilometer mit dem Fahrrad zurückgelegt. Ich rechne damit, maximal fünf Tage dafür zu benötigen, sodass ich zwei Tage für die Besichtigung des Angkor Wat hätte, und ein Tag vor Ablauf meines Visums an der Grenze sein sollte. Zeit wird knapp, wenn man unendlich viel davon hat. Eine kleine, frisch asphaltierte Straße führt auf relativ direktem Weg in die Berge. Abgesehen von der Hitze und den steilen Anstiegen scheint mir die Strecke sehr angenehm zu sein. Dieses Trugbild sollte jedoch bereits am folgenden Tag von der Realität abgelöst werden.

Trugbilder und nächtliche Besucher

Das Zelt, das ich am Abend in einem Gebüsch neben der Straße aufgeschlagen habe, ist am frühen Morgen von tausenden Ameisen bewohnt. In gemeinsamer Nachtschicht haben sie sich durch den Zeltboden gefressen, um die wenigen Kekskrümel, die sich noch in meiner Lenkertasche befanden, in einer perfekten Linie an den Zeltwänden entlang zu ihrer Königin zu bringen. Hatte ich im Vorfeld doch sehr großen Respekt vor den hier lebenden Schlangen, Krokodilen und Elefanten, so sind es doch nun wieder einmal Ameisen, die mein bis dahin größtes Problem darstellen.

Auf die Frage nach dem richtigen Weg nach Battambang antwortet mir die Besitzerin des letzten sich auf der asphaltierten Straße befindenden Ladens, dass dies sehr wohl der Weg nach Battambang wäre, ich diesen aber nicht mit dem Fahrrad fahren könnte. Selbst mit Motorrad wäre diese Strecke eine Herausforderung. Da mir die allgemeine Übertreibung bei der Streckenbeschreibung in südostasiatischen Ländern bereits bekannt ist, gebe ich der Frau mit einem Lächeln zu verstehen, dass es so schlimm wohl kaum sein kann, und fahre weiter.

Zwei Kurven später steigt die Schotterstraße steil an. Faustgroße Steine und tiefe Bodensenken machen das Fahren unmöglich. Ich steige ab und schiebe das Fahrrad in brühender Hitze den Berg hoch. Rücken und Beine schmerzen. Die vom Schweiß angelockten Bienen und Fliegen machen selbst die Pausen zwischen dem Schieben unerträglich. Nach fast acht Kilometern stoße ich erneut auf eine asphaltierte Straße, wodurch meine Hoffnung auf besseres Terrain und ein leichteres Vorankommen aufblüht und sich nun in lautem Gesang ausdrückt. Nach nur zwei Kilometern verstummt mein Gesang, und macht Platz für weiteres Gejammere: Die Straße, von der ich profitierte, war lediglich eine Zufahrtsstraße für eines der vielen Hydroelektrizitätswerke, die von den Chinesen hier gebaut wurden. Ich muss erneut schieben.

Schweiß, Schmutz und andere Sorgen

Hohe Temperaturen, steile Anstiege, schlechte Straßen, kaum Trinkwasserversorgung und die durch die Chinesen verbauten, schönen Aussichtspunkte machen das Fahrradfahren zur Qual. Darüber hinaus drückt sich der Fahrradschlauch aus dem durch den Schotter aufgeschlitzten, sehr teuren Reifen, den ich nun durch ein chinesisches Billigmodell ersetzen muss. Mitten im Regenwald gibt es jedoch kein Zurück. Noch bevor ich Battambang erreiche, komme ich zur Überzeugung, dass die Tage in den Kardamombergen die schlimmste Zeit meines Lebens sind.

Dementsprechend ist meine Freude, Battambang wie geplant nach fünf Tagen erreicht zu haben, nicht in Worte zu fassen. Unter der wohlverdienten Dusche am Abend fließen Schweiß, Schmutz und Sorgen den Abfluss hinunter. Es bleibt der Stolz, diese Etappe bestanden zu haben. Am nächsten Tag bringt ein kleines Boot mich über einen fast ausgetrockneten Fluss und den See Tonlé Sap, vorbei an schwimmenden Holzhütten nach Siem Reap.

Tempelerkundung

Siem Reap ist aufgrund des sich hier befindenden Angkor Wat zu einer Touristenhochburg herangewachsen. Häufig wird der im 12. Jahrhundert erbaute Tempelkomplex als achtes Weltwunder bezeichnet. Während Angkor Wat als zentraler Tempel die meiste Aufmerksamkeit erhält und der Besuch mit langem Anstehen verbunden ist, so sind es doch vielmehr die umliegenden, kleineren Tempel, die mich besonders faszinieren. Am beeindruckendsten ist der Preah Khan, der den Kampf gegen die Zeit und die Natur zu verlieren scheint: Nach und nach nimmt sich der Dschungel zurück, was ihm vor 800 Jahren genommen wurde. Einstige Mauern werden unter meterbreiten Wurzeln begraben, Bäume wachsen durch die bereits teilweise eingestürzten Tempel und geben so ein authentisches Bild von der Zeit, in der man die Anlage entdeckte.

Nach zwei Tagen in Siem Reap schaffe ich es rechtzeitig, einen Tag vor Ablauf meines Visums, an die thailändische Grenze. In Thailand sollte ich aufgrund meines vor fünf Jahren dort absolvierten Freiwilligendienstes meine Gastfamilie und viele Freunde wiedersehen. Demnach habe ich nach sieben Monaten das erste Mal das Gefühl, zuhause anzukommen.


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