LUXEMBURG
DANIEL OLY

In der „Cellule de Recherche“ in Itzig setzt man auf praxisnahe Interventionsforschung

Altersgerecht Betreuen heißt oft auch, nicht nur Gelerntes zu applizieren, sondern die Betreuung gegebenenfalls an die Bedürfnisse der Menschen anzupassen. Im „RBS Center fir Altersfroen“ kümmert man sich deshalb wohl auch etwas eingehender mit dem Thema. Das „Center“ fußt dabei auf vier Säulen: Die Seniorenakademie mit einer Gerontologie-freundlichen Herangehensweise und ihrer Abteilung für regelmäßige Publikationen (wie die Veröffentlichung von Gedächtnis-Trainingsspielen, beispielsweise für Altersheime). Ein weiteres Standbein ist die „Formation Continue“ für professionellen Mitarbeiter in der Altenpflege und ihr Management. Nicht zuletzt spielt aber die „Cellule de Recherche“ eine entscheidende Rolle: Hier werden Forschung und Praxis kombiniert. Das „Journal“ hat mit der Diplom-Psychologin Dr. Martine Hoffmann gesprochen, die für die „Cellule de Recherche“ verantwortlich ist.

Bedürfnisse einer alternden Gesellschaft

Die „Cellule de Recherche“ besteht schon seit dem Jahr 2014, wie Dr. Hoffmann erklärt: „Die Notwendigkeit für eine solche Einrichtung war klar. Durch eine immer älter werdende Gesellschaft ist es unabdingbar, dass wir uns nach neuen Entwicklungen auf dem Feld der Altenpflege umsehen“, meint die Diplom-Psychologin. „Einer alternde Bevölkerung und ihren Bedürfnissen müssen wir mit einer lebensnahen Herangehensweise begegnen. Besonders, weil Menschen alle unterschiedlich altern - den typischen, durchschnittlichen Menschen gibt es nicht.“

Deshalb sei es besonders wichtig, eine lebensnahe Herangehensweise mit einer akademischen Grundlage zu verbinden. Das mache die „Cellule de Recherche“ mit ihrer Kooperation mit der Forschung, etwa mit der Universität und anderen Forschungsinstituten. „Wir haben den Zugang zu den Leuten, den direkten Zugang zu dem ganzen Sektor. Davon profitieren auch die klassischen Forschungseinrichtungen, weil sie ihre Forschung in der realen Welt applizieren können. Die ,Cellule‘ hingegen profitiert auch davon, dass sie ihre Entwicklungen ausprobieren und anwenden kann, weil wir damit einen direkteren Draht zwischen der akademischen Welt und den Endnutzern herstellen können“, erklärt Hoffmann. „Wir wollen die Welt gemeinsam gestalten und die Resultate der Forschung auch im realen Umfeld anwenden, also angewandte Forschung betreiben“.

ZUR PERSON

Dr. Martine Hoffmann

Dr. Hoffmann hat an der Universität Trier ihr Psychologie-Diplomstudium abgeschlossen. Daraufhin war sie an der Universität Luxemburg Doktorantin in der Psycho-Onkologie und bis 2011 als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der „Integrative Research Unit: Social and Individual Development“ (INSIDE) tätig. Grundthema ihrer Forschung war stets die Bewältigung von kritischen Lebensereignissen, großen Einschnitten in Lebensalltag. Beim RBS arbeitet sie seit 2011 und leitet die Cellule de Recherche seit ihrer
Gründung 2013.

Sie betreibt also einen regen Wissensaustausch zwischen der Uni und dem RBS, wodurch der Erkenntnisgewinn in beide Richtungen fließt. Die neuen Erkenntnisse lasse sich so in der Cellule „direkt von Betreuern, die sich in einer Weiterbildung befinden, von unseren Freiwilligen oder von unseren Testern“ machen, erklärt Hoffmann, was eine direktere Expertise erlaube. Das Themenspektrum variiere, von kleinen Gruppen bis hin zu acht bis zehn Leuten sei (fast) alles möglich. Das sei aber hauptsächlich abhängig vom Stil des Projektes: „So können beispielsweise interessierte Senioren aktiv zur Mitgestaltung von Projekten beitragen, etwa die Entwicklung neuer technischer Geräte oder Internetplattformen optimieren oder Produkte auf ihre „Seniorenfreundlichkeit“ prüfen. Manchmal haben wir natürlich auch einen Bedarf an Fachpersonal, glücklicherweise können wir auch auf dieses zurückgreifen“, meint Hoffmann. In jedem Fall werden die Ausschreibungen zur Teilnahme an Projekten in „Aktiv am Liewen“ publiziert - der vierteljährlichen Zeitschrift der Seniorenakademie.

Das Ziel, die Forschung aus dem Labor in die Praxis zu bringen, ist jedoch nicht das einzige Fachgebiet. Nach der Gründung und einer kurzen Findungsphase habe man sich erste konkrete Ziele gesetzt, wie Hoffmann erklärt. „Wir setzen auf eine allgemeine Gesundheitsförderung - das heißt die kognitive, mentale und körperliche Gesundheit verbessern“, meint sie. „Dafür setzen wir auf unterschiedlichste Methoden wie Entspannungsverfahren oder das wesentlich modernere Neurofeedback Training“. Damit habe man das Wohlbefinden der Senioren im Blick: „Wir wollen dabei hauptsächlich erforschen, welche Lösungen wem unter welchen Bedingungen am meisten bringen“, erklärt Hoffmann.

Ein Leben ohne Pillen ist das Ziel

Gleichzeitig nehme man auch Projekte von außerhalb in Angriff. „Wenn beispielsweise eine Kommune bei uns um eine Einschätzung oder eine Studie zur Machbarkeit eines spezifischen Projektes anfragt. Es können aber auch Forschungsprojekte gemeinsam mit anderen nationalen und internationalen Partnerinstituten beantragt werden“, zählt Hoffmann auf. „Zum Beispiel zur Anwendung von therapeutischen Gärten oder in anderen Kontexten wenn Tests von neuen Entwicklungen auf den Prüfstand müssen“.

Insgesamt könne die CdR daher auf positive Monate zurück blicken, meint Hoffmann abschließend: „Wir haben ein positives Feedback, sehr gute Kooperationspartner, immer wieder neue Freiwillige. Außerdem macht das unsere Resultate verlässlicher, weil sehr unterschiedliche Teilnehmer mit unterschiedlichem Erfahrungshintergrund zusammen kommen: Manche sind aus dem Fachbereich, andere arbeiteten vor ihrer Pensionierung auf dem Gebiet, wieder andere kommen aus einer völlig anderen Ecke. Dass wir einen so großen Pool an sehr unterschiedlichen Senioren mit unseren Aktivitäten und Projekten erreichen können, ist schon ziemlich einzigartig“, erklärt die Leiterin.

Was die Zukunft bringt? Man wolle für eine gezieltere Interventionsforschung das Ambulatorium ausbauen, um sich auch direkt, konkreter um die Bedürfnisse der Menschen zu kümmern, erklärt Hoffmann. Eines der langfristigeren Ziele sei aber hauptsächlich, psychologische Interventionen und Psychotherapie im Alter zu fördern und zugänglich zu machen. „Das heißt für uns konkret: Vorurteile und Fehlvorstellungen abbauen, konkrete Interventionsstudien durchführen, Aufklärung über die Wirksamkeit betreiben und den Leuten schlussendlich - hoffentlich - Alternativen zum Griff in den Pillenschrank aufzuzeigen“, betont Dr. Hoffmann. „Dass Psychotherapie nachweislich wirkt - und zwar auch im hohen Lebensalter - steht inzwischen längst außer Frage. Kann dadurch eine Abhängigkeit von Psychopharmaka verhindert werden, wäre dies ein doppelter Gewinn für den Betroffenen“.

Über weitere, ambitioniertere Ziele für die Zukunft hält sich die Psychologin aber noch (augenzwinkernd) bedeckt, merkt aber an, dass man noch mehr geplant habe.

Zugleich stehen auch neue Konferenzen, unter anderem zu diesem Thema, auf dem Plan. Etwa die am 21. Juni stattfindende Konferenz im Kino Utopolis, zu der auch der renommierte Hirnforscher Jochen Bauer eingeladen wurde. „Wieder Bezug zu sich selbst finden, auf den eigenen Körper hören lernen“ lautet das Leitmotiv der Konferenz.