LUXEMBURG
JAN SÖFJER

An der Universität Trier wird ein 1800 Jahre altes römisches Handelsschiff nachgebaut. Mit ihm soll herausgefunden werden, wie effektiv die römische Wirtschaft war

„Um 17.03 drehten wir wieder in den Wind. Es dauerte bange Sekunden, bis unser Bug durch den Wind drehte“, erinnert sich Dr. Hans Moritz Günther an die Testfahrt mit dem nachgebauten römischen Kriegsschiff „Lusoria Rhenana“ am 5. Mai 2011 auf dem Rhein bei Wörth. Dann das Kommando: „Segel backhalten an Steuerbord!“ „Und tatsächlich: Diesmal blieb der Druck auf das Segel konstant und ließ unseren Bug weiter nach Backbord wandern. Jetzt hieß es ‚Segel über‘ (...), sofort blähte der Wind das Tuch in gewohnter Weise. Um 17.05 war klar. Ein römisches Kriegsschiff kann unter Rahsegel gewendet werden.“ Damit hatte Günther, der am „Massachusetts Institute of Technology“ forscht und für die Messdatenauswertung des Projekts verantwortlich war, nicht gerechnet. Die Geschwindigkeit von bis zu sechs Knoten (gut elf km/h) war ebenfalls beeindruckend.

Professor Schäfer war bereits beim Nachbau von drei römischen Schiffen dabei. Foto: Jan Söfjer - Lëtzebuerger Journal
Professor Schäfer war bereits beim Nachbau von drei römischen Schiffen dabei. Foto: Jan Söfjer

Auch sein Kollege Dr. Christoph Schäfer, Professor für Alte Geschichte an der Universität Trier, war überrascht. „Das sind Segeleigenschaften, die man nicht für möglich gehalten hat bei einem Schiff, das auf Rudern ausgelegt ist.“ 1.600 Jahre alte römische Patrouillenboote konnten hoch an den Wind gehen, also auch noch segeln, wenn der Wind fast von vorne kam. Es macht einen großen Unterschied, ob die Römer die ganze Zeit rudern mussten, oder ob sie einfach segeln konnten. Es lässt sich sogar mutmaßen, dass die ganze römische Wirtschaft effektiver war, als bislang angenommen - wenn die Handelsschiffe den Kriegsschiffen in nichts nachstehen und Waren schneller und einfacher als gedacht transportieren konnten. Um das zu erforschen, baut Professor Schäfer mit seinem Team in Trier gerade ein weiteres römisches Schiff nach. Es wird sein viertes.

Luxemburger Student mit dabei

Auf dem Parkplatz der Universität Trier steht seit kurzem eine Halle. Dort lagert und trocknet bereits seit einem Jahr zu groben Planken gesägtes Holz aus dem Trierer Stadtwald. In einem Jahr will Schäfer mit seinen Studenten das 15 Meter lange, fünf Meter breite und 2,50 Meter hohe Schiff gebaut haben. Und es soll nicht nur aussehen wie ein römisches Schiff, sondern sich auch so verhalten.

Dieses Modell zeigt das Handelsschiff, das nun nachgebaut wird. Foto: Universität Trier - Lëtzebuerger Journal
Dieses Modell zeigt das Handelsschiff, das nun nachgebaut wird. Foto: Universität Trier

Mit im mehr als drei Dutzend Personen starken Team ist auch der Luxemburger Tom Decker, studentische Hilfskraft von Schäfer. „Das Projekt ist für mich eine einmalige Chance, die Antike aktiv mitzuerleben.“ Decker wird den Bau des Schiffes und die Testfahrten auf der Mosel auch medial dokumentieren. Schäfers Assistent Dr. Christian Rollinger ist übrigens auch Luxemburger.

Im November 1981 wurden in Mainz in der Baugrube des Hilton II-Hotels die Wracks mehrerer römischer Schiffe gefunden. Sie gehören zu den besterhaltenen Wasserfahrzeugen der Antike. Sie lieferten die Vorlage für die ersten historischen Nachbauten. Die Vorlage für das Handelsschiff ist der archäologische Fund eines 1.800 Jahre alten Schiffes in Südfrankreich. Schäfers Schiffe werden so originalgetreu wie möglich. Selbst die mehr als 4.000 Eisennägel werden per Hand wie damals geschmiedet.

Michael Hoffmann, Maschinenbauer und Akademischer Rat an der Hochschule Trier, hat ein 3D-Modell des Schiffes gefertigt, um Schwierigkeiten beim Bau vorherzusehen. Mit seinem Hochschulkollegen Prof. Dr.-Ing. Karl Hofmann-von Kap-herr kümmert er sich auch um die Messungen. Es werden Messinstrumente verwendet, die aus dem Yacht-Rennsport kommen, um ein Polardiagramm zu erstellen, das Schiffseigenschaften beschreibt.

Tempo, Kosten & Kapazitäten

Die Daten, die gewonnen werden, fließen dann in ein Rechenmodell von Dr. Pascal Warnking ein, der 2015 bei Schäfer über die Kapazität von römischen Seerouten promoviert hat. Warnking benutzt dafür eine Software der Segelregatta „Volvo Ocean Race“.

Das Handelsschiff, das nun in Trier nachgebaut wird, ist ein typisches römisches hochseetaugliches Schiff. Wenn die Daten in Warnkings Softwaremodell eingegeben werden, lässt sich erstmals mit wissenschaftlich belastbaren Werten die Effizienz der römischen Wirtschaft in Augenschein nehmen. „Wir wissen bislang nichts über Kapazitäten, Tempo und Kostenrelationen von Transporten. Wie modern oder primitiv war die römische Wirtschaft? Alles hängt vom Transport ab“, sagt Schäfer. Wenn er mit seinem Team nächstes Jahr das erste Mal über die Mosel fahren wird, öffnet sich damit auch ein Tor 1.800 Jahre in die Vergangenheit.