Douglas Rintoul öffnet den Spalt, der den Leser durch die Narration zum eigentlichen Kern seines Ein-Mann-Stücks „Elegy“ führt, sehr behutsam. „Zu Beginn des Stücks hat man als Zuschauer das Gefühl, man habe es mit einem jungen, britischen Mann zu tun, der über eine unerwiderte Liebe berichtet“, erzählt der britische Theaterregisseur und Autor.
Rekonstruktion der Identität
Doch „Elegy“, das er heute Abend in Bonneweg inszeniert, ist weit mehr: „‚Elegy‘ dreht sich in erster Linie um das Thema ‚Exil‘“, so Rintoul. Es handelt von einer Person, die ihre Heimat verlassen musste, wegen dem, was sie ist: Die von Sam Phillips verkörperte Hauptfigur ist nämlich schwul und stammt aus dem Irak, ein Land, das seit seiner vermeintlichen Befreiung vom Hussein-Regime konsequent Jagd auf LGBT-Personen macht, also Homo-, Bi- und Transsexuelle. „Elegy“ dokumentiert den Versuch einer traumatisierten Figur, in einer Stunde die eigene Identität zu rekonstruieren. Es dauert eine Weile, bis ihre Sexualität zum Thema wird, vom befreiten Irak ist gar erst ganz zum Schluss des Stücks die Rede. Als Zuschauer wisse man an und für sich nie so genau, welche Richtung der Plot einschlage, so der Autor und Regisseur.
Doch am Ende erreicht Rintoul dann doch das Ziel, das er mit jedem seiner Stücke erreichen möchte: Seine Zuschauer für Figuren zu sensibilisieren, zu denen sie im Prinzip keinen direkten Bezug haben. Wie eben zu politischen Flüchtlingen, die im Mittleren Osten wegen ihrer sexuellen Orientierung zu Zielscheiben eines Regimes werden.
Auf das Schicksal der LGBT-Menschen im Irak stieß Douglas Rintoul durch eine Bilderserie des Fotojournalisten Bradley Secker, der unter dem Titel „Iraq’s Unwanted“ Männer portraitiert hat, die wegen ihrer Homosexualität in ihrem Heimatland verfolgt wurden und aus diesem flüchteten.
Eine Vielzahl der Flüchtlinge ließ sich im benachbarten Syrien nieder, wegen des Bürgerkrieges zogen die meisten weiter nach Europa.
Umfangreiche Recherchen
Da er sowieso geplant hatte, ein Solostück über LGBT’s zu schreiben und zu inszenieren, nahm er Seckers Fotos sowie die Interviews, die der Fotograf mit den Männern geführt hat, als Ausgangspunkt für das Monodrama.
Im Rahmen seiner Recherchearbeit für „Elegy“ führte Rintoul Interviews mit Flüchtlingen - nicht nur homosexuelle - die nach ihrer Flucht aus dem Mittleren Osten im französischen Calais untergebracht wurden.
Mit anderen tauschte er sich regelmäßig über Skype aus. Die zusammengetragenen Informationen ließ er in „Elegy“ einfließen. „Ich wusste nichts über die Situation dieser Menschen im Irak und habe herausgefunden, dass es für sie unter Saddam Hussein einfacher war.“
Indirekte Mitschuld
Rintoul ist kein Befürworter des Saddam-Regimes, er habe jedoch festgestellt, dass sich die Situation im vermeintlich „freien“ Irak für Minoritäten jeglicher Art gravierend verschlechtert hat.
„Ich betrachte es als imminent wichtig, diesen Männern in Europa und speziell in England eine Stimme zu geben“, so
der Brite. Vielleicht fühle er sich indirekt mitschuldig an der aktuellen Situation der Männer, so Rintoul. Denn auch sein Land war an den militärischen Interventionen beteiligt, die zum Sturz Saddam Husseins führten.


