LUXEMBURG
CLAUDE KARGER

Wiederaufnahme des „Bommeleeër“-Prozess im Zeichen der Expertenberichte

Vier Experten zum Auftakt: Bei der Wiederaufnahme des „Bommeleeër“-Prozess nach über zwei Monaten Pause geben sich DNA-, Sprach- und Sprengstoffexperten die Klinke in die Hand. Die Molekularbiologen Dr. Klaus Bender und Dr. Elisabet Petkovski, die Sprachspezialistin Dr. Christa Dern und der Sprengstoffexperte Michel Montoisy erklären die Ergebnisse ihrer Recherchen. „Außer Spesen nichts gewesen“, fasst Dr. Bender die Auswertung der DNA-Spuren zusammen, die auf den Erpresserbriefen der „Bommeleeër“ und diversen Resten der Sprengvorrichtungen gefunden wurden. Wichtig war sein Auftritt trotzdem: Bender überraschte Gericht, Staatsanwaltschaft und Verteidigung mit Ausführungen zu seiner Expertise über DNA von Ben Geiben.

Weshalb fehlte der Bericht überdie Geiben-DNA?

Darüber findet sich im Dossier aber keine Spur. Chefermittler Klein versucht zu erklären: Die Proben am Auto Geibens seien eine rein polizeitaktische Maßnahme, um die DNA des Ex-BMG-Chefs zu bekommen, ohne ihn darauf aufmerksam zu machen, dass man sich für ihn interessiert. Das reicht der Verteidigung nicht: Sie will wissen, wer das angeordnet hat, weshalb es keine Aktennotiz dazu gibt und was sonst noch so nicht ins Dossier geflossen sei. Der beigeordnete Staatsanwalt Georges Oswald muss zugeben: Die Staatsanwaltschaft hatte Kenntnis der Expertise. Weshalb sie keinen Eingang in die Akte fand, weiß man nicht so genau. Sicher sei allerdings, dass der Auftrag für die Aktion von der Staatsanwaltschaft ausgegangen sei. Warum? Normalerweise ist allein der Untersuchungsrichter befugt, solche Maßnahmen anzuordnen. Die Verteidigung ist skandalisiert und verlangt die Annulierung der Prozedur. A propos Skandal: Gleich zu Beginn des Prozesses hatten Me Vogel und Me Lorang ihrem Ärger darüber Luft gemacht, dass ständig neue Dokumente über „Stay Behind“ auftauchen, zum Teil zu drei Viertel „geschwärzt“, oft undatiert und schwer entzifferbar. Der Geheimdienst solle endlich alle Dokumente auf den Tisch legen.

Erpresser war kein Englisch-Muttersprachler

Auf den Tisch legt die Sprachexpertin Dr. Christa Dern vom Bundeskriminalamt die linguistische Sezierung der acht Erpresserbriefe, die die „Bommeleeër“ hinterließen. Fazit: Der Schreiber ist kein Englisch-Muttersprachler. Er macht zu viele Fehler und übersetzt manchmal Wörter aus dem Deutschen und Französischen einfach ins Englische. Ernsthafte Rückschlüsse auf Beruf und Milieu des Autoren sind indes kaum zu ziehen.

Den Überresten von Johannes Karl Kramer entziehen muss man unbedingt eine DNA-Probe. Das fordert die Verteidigung am letzten Prozesstag nachdem Dr. Elisabet Petkovski nicht ausschließen konnte, dass sich eine DNA-Spur auf einem Erpresserbrief mit dem DNA-Profil von Kramer deckt. Zum Vergleich verfügte Dr. Petkovski lediglich über eine DNA-Probe von Kramers Sohn Andreas. Der hatte im März und April bekanntlich behauptet, sein Vater - alias „Cello“ - habe als Leiter des deutschen „Stay Behind“ die Strippen hinter den „Bommeleeër“-Anschlägen gezogen und sogar die Erpresserbriefe selbst verfasst. Johannes Kramer ist im vergangenen November im saarländischen Sulzbach verstorben. Die Verteidigung hat am Donnerstag die Exhumierung des Leichnams beantragt.

Kurz und knapp waren die Erläuterungen des Sprengstoffexperten Montoisy zum „Luxite“, das die „Bommeleeër“ stahlen - insgesamt 436 Kilo entwendeten sie aus Stollen und Steinbrüchen - und bei ihren Anschlägen einsetzten. Einer der sich mit Sprengstoff auskannte war bekanntlich Jos Steil, der 2004 verstorbene beigeordnete Kommandant der „Brigade Mobile“.
Jos Steils Sohn im „Journal“-Exklusiv-
Interview
Im Exklusiv-Interview mit dem „Journal“ äußert sein Sohn Patrick seine Überzeugung, dass sein Vater nichts mit den Attentaten zu tun haben kann: Aus ärztlichen Dokumenten geht nämlich hervor, dass Jos Steil mit schweren Magenproblemen in der Klinik lag, als die „Bommeleeër“ begannen, ihr Unwesen zu treiben. Auch nach seiner Entlassung Ende Mai 1985 sei der BMG-
Vize lange krank geschrieben gewesen. Der Fall Jos Steil wird wohl noch ein paar Mal vor Gericht zur Sprache kommen.

Aber heute wird zunächst Kripo-Chef Patrice Solagna auf den Vorwurf der Ermittler und der Staatsanwaltschaft reagieren müssen, dass er die „Bommeleeër“-
Ermittlungen nicht sonderlich unterstützt habe. Danach kommen die Fallanalysen zur Sprache, die das Bundeskriminalamt über die Anschläge erstellt hat.